Disput

Scherbenhaufen

Porzellanstadt Meißen: Die Strahlkraft der blauen Schwerter hat gelitten

Von Sebastian Scheel

Eine Demokratie funktioniert nur dann, wenn sie die Ziele demokratischer Mehrheiten auch gegenüber wirtschaftlicher Macht durchsetzen kann. Gewählte Abgeordnete müssen den Unternehmen die Ziele des Wirtschaftens und einen klar definierten Rahmen vorgeben. Deshalb treten wir als LINKE ja auch für eine neue Wirtschafts- und Sozialordnung ein.

Die Geheimnisse der Herstellung des »Weißen Goldes« wurden in Europa zuerst in Meißen entdeckt. Seit mehr als 300 Jahren stehen die beiden gekreuzten Schwerter für beste Porzellane. Der Innovationsgeist und eine der ältesten Wort-Bild-Marken lassen ahnen, welche Strahlkraft, welch identitäre Bedeutung die Porzellanmanufaktur für Sachsen hat.

Derzeit befindet sie sich in einer schwierigen Phase. Mit Christian Kurtzke ist ein Geschäftsführer gegangen, der aus dem weltbekannten Porzellanhersteller einen weltbekannten Gemischtwarenladen für Superreiche machen wollte. Aus seiner Sicht der einzige Weg, um die Krise der Tischkultur zu überleben. Verzweifelt flog Kurtzke auf Kosten der Manufaktur um die Welt, um für dieses Konzept zu werben. Die neuen Geschäftsfelder sollten schon bald die Hälfte der Erlöse ausmachen. Dazu wurden Tochterfirmen eröffnet und unter anderem Schmuck, Stoffe, Kissen, Kleider und Möbel ins Sortiment aufgenommen. Deren Produktion verlagerte er vor allem nach Italien. Damit einher gingen die Vernichtung von Porzellanbeständen, Massenentlassungen und ein rasanter Kapitalverzehr. Seit einigen Jahren muss der Freistaat zuschießen – 2013: 12,2 Millionen und 2014: 9,8 Millionen Euro. Über ein geschicktes Rechtsmodell namens Stiftung werden weitere 27 Millionen Euro in die Manufaktur gepumpt.

Kritik war anfangs nur von einer Bürgerinitiative und von der Fraktion DIE LINKE im Landtag zu hören. Die Gefahr der Entfernung vom Kern der Marke »Meissen« war zu groß, das neue Unternehmenskonzept zu gewagt, die Finanzierung der Expansionsstrategie zu unklar.

Sieben Jahre hat Christian Kurtzke schalten und walten können. Der Druck wirkt. Dass ihn selbst der Rücktritt des Meißner Oberbürgermeisters aus dem Aufsichtsrat nicht stoppen konnte, lag wohl an der schützenden Hand des Aufsichtsratsvorsitzenden Kurt Biedenkopf. Der verteidigte das kostspielige Abenteuer und seinen Zögling bis zuletzt, auch als Kurtzke selbst aus dem Unternehmen ausschied. Jetzt hat der Finanzminister Georg Unland (CDU) dem Ex-Ministerpräsidenten vorzeitig den Stuhl vor die Tür gesetzt und den Aufsichtsrat neu zusammengestellt.

Damit ist die Chance verbunden, die Marke neu aufzustellen. Eine Wirtschaftsberatungsfirma hat das Unternehmenskonzept überprüft, der Rechnungshof ein Gutachten zur Geschäftsstrategie erarbeitet. Die Ergebnisse dürften ernüchternd sein und auch Vorstand und Gesellschafter zum Handeln zwingen. Darüber hinaus wurde dem Finanzminister Rechtsbruch attestiert. So sind die Darlehen der letzten Jahre ohne Beschlussfassung des Parlaments vergeben worden. Der Rechnungshof betont: »Das Budgetrecht des Landtages wurde nicht beachtet«.

Die Strahlkraft der blauen Schwerter hat gelitten. Der Streit um Markenrechte, Strategiewechsel und Vertuschungsversuche hat dem Unternehmen geschadet und die Zukunft einer wertvollen Kunst infrage gestellt. Nun gilt es für den Gesellschafter und die Manufaktur, die Situation aufzuarbeiten. Die Beseitigung des »Scherbenhaufens« muss umsichtig erfolgen, damit ein Markenzeichen des Freistaates weiterhin über dessen Grenzen hinaus strahlen kann. Wir bleiben als LINKE-Fraktion dran.

Sebastian Scheel ist parlamentarischer Geschäftsführer der Linksfraktion im Sächsischen Landtag und ihr Haushalts- und Finanzexperte. Seinen Wahlkreis hat er im schönen Meißen.