Disput

Wer schützt Qusai Al Rifai?

Im Rollstuhl auf der Flucht

Von Margit Glasow

In den vergangenen Monaten hat die Zahl derer, die weltweit vor Krieg, Gewalt und Terror, vor Hunger und Armut fliehen, enorm zugenommen. Viele von ihnen sind besonders schutzbedürftig. Es sind alte Menschen und Kinder. Und es sind Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen. Einer von ihnen ist Qusai Al Rifai aus Syrien.

Der 28-jährige Mann aus Damaskus lebt seit einigen Wochen in einem griechischen Flüchtlingslager und wartet dort zusammen mit seinem Assistenten und Freund auf seine Ausreise in ein sicheres europäisches Land. Das Besondere an seiner Situation: Qusai bewegt sich aufgrund seiner Glasknochen im Rollstuhl und ist eigentlich auf eine barrierefreie Umwelt und gute medizinische Versorgung angewiesen. Doch die hat er nicht, insbesondere seit er auf der Flucht ist.

Qusai hatte sich vor ein paar Jahren zu deutlich und zu regimekritisch im Internet geäußert. Der Sohn eines Rechtsanwalts und einer Englischlehrerin, die ihm sehr viel ermöglichten, obwohl er über 300 Knochenbrüche erlitt, konnte nie eine Schule besuchen. Durch Hausunterricht erreichte er dennoch das Mittelschulniveau. Er spricht Englisch und Arabisch, er besitzt Computerkenntnisse und wollte studieren, was ihm jedoch aufgrund fehlender Barrierefreiheit nicht möglich war.

Seit der Vater 2006 an Bauchspeicheldrüsenkrebs verstorben war, lebte Qusai mit seiner Mutter in extremer Not. Nach seinen Äußerungen im Internet führte die Polizei in der elterlichen Wohnung in Damaskus eine Razzia durch. Dabei stießen die Soldaten ihn von hinten mit einem Gewehr, wodurch er aus seinem Rollstuhl stürzte und sich schwer verletzte. Nachdem seine Frakturen einigermaßen verheilt waren, zog er Anfang 2013 zu seiner verheirateten, arbeitslosen Schwester in die Türkei. Doch diese konnte weder die medizinische noch die finanzielle Hilfe in ausreichendem Maße leisten. Hinzu kam, dass ihre Wohnung im zweiten Stock nicht barrierefrei war und er sich darin mit seinem Rollstuhl nicht frei bewegen konnte. So schlief Qusai in seinem Rollstuhl in sitzender Position und konnte das Haus nicht verlassen, um am sozialen und kulturellen Leben teilzunehmen. Auf diese Weise lebte er bei seiner Schwester bis zum Sommer 2014 – dann verlor er seinen Flüchtlingsstatus und wurde zur sofortigen Ausreise aufgefordert.

Der junge Mann stand vor der Entscheidung, nach Syrien zu seiner 64 Jahre alten Mutter zurückzukehren – wo er nicht selbstbestimmt leben könnte und mit Repressalien rechnen müsste. Qusai hatte sich zu diesem Zeitpunkt immer wieder Hilfe suchend per E-Mail an die OIFE, die Internationale Dachorganisation von nationalen Vereinen von Ostegenesis imperfecta (Glasknochen) Betroffenen, und an das Flüchtlingshilfswerk UNHCR gewandt und um Unterstützung bei seiner weiteren Flucht in ein sicheres Land in Europa gebeten. Beides gestaltete sich schwierig. Schließlich nahm seine Verzweiflung überhand. Nach einem letzten Kontakt zu UNHCR Ankara, dem noch keine konkrete Hilfe gefolgt war, bekamen Qusais Freunde eine knappe E-Mail: »I’m on my way«. Kurze Zeit später erhielten sie die Nachricht, dass er zusammen mit seinem 19-jährigen Freund und Pfleger Ahmad in einem Schlauchboot auf einer griechischen Insel angekommen sei. Den Rollstuhl hatten die Schlepper ins Wasser geworfen, seine Brille hatte er verloren und sich Arm und Bein mehrfach gebrochen. Aber beide lebten und kamen am folgenden Morgen mit einer regulären Fähre in Athen an. Durch die Hilfe von griechischen OIFE-Mitgliedern gelang es, Qusai und seinen Freund am Hafen in Athen in Empfang zu nehmen, in eine Klinik und von dort in ein griechisches Flüchtlingslager zu bringen. Sie leben nun seit einigen Wochen in diesem Lager, Qusai bekam über griechische Ehrenamtler sogar einen Rollstuhl, und an dem von ihnen bewohnten Container wurde eine Rolli-Rampe angebracht. Jetzt wartet er auf seine Ausreise in ein anderes sicheres EU-Land.

Defizite in Deutschland

In Deutschland ist die Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen mit Behinderungen sowie Traumatisierung, also physischen und psychischen Beeinträchtigungen – insbesondere in den Aufnahmelagern – nicht wirklich gut. Neben dem Mangel an entsprechenden barrierefreien Unterkünften werden hierzulande nach § 4 Asylbewerberleistungsgesetz Leistungen allein bei akuter Krankheit bzw. akutem Handlungsbedarf und bei schmerzhafter Krankheit erbracht. Leistungen für sonstige Behandlungen – insbesondere bei chronischen Erkrankungen und Behinderungen – sind nach § 6 nur eine Ermessensleistung. Erst nach einer Wartezeit von 15 Monaten erhalten Leistungsberechtigte eine vollwertige Gesundheitskarte, mit der sie die gleichen medizinischen Leistungen wie gesetzlich Krankenversicherte beanspruchen können.

Doch im Sinne einer gleichberechtigten und menschenwürdigen Gesundheitsversorgung – entsprechend der UN-Behindertenrechtskonvention – kann die Forderung nur sein, die »Kann-Bestimmung« des § 6 (Leistungen über die medizinische Grundversorgung hinaus) in eine verpflichtende gesetzliche Grundlage umzuwandeln. Gesundheitsleistungen für Flüchtlinge mit Behinderungen müssen mit den Aufnahmerichtlinien des Europäischen Parlaments vereinbar sein. Gesundheitliche Versorgung ist ein Menschenrecht und muss allen Menschen zur Verfügung stehen. Flüchtlinge mit Behinderungen brauchen frühzeitig Hilfen und die Gesundheitskarte. Ebenso ist die Umsetzung der 5. Antidiskriminierungsrichtlinie überfällig.

Auf Facebook gibt es immerhin eine englisch-deutschsprachige Hilfsmittelbörse für Flüchtlinge mit Behinderungen. Auf der Plattform www.facebook.com/ability4refugees können sich Anbietende mit Suchenden von Hilfsmitteln vernetzen. Die Plattform verfügt über drei Untergruppen: Mobilität, Kommunikation und Alltagshilfen.

In Deutschland ist es für Flüchtlinge mit Behinderungen oft schwer, Hilfsmittel wie Rollstühle, Gehhilfen oder Hörgeräte zu bekommen. Der Behindertenverband Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) e. V. und die Andreas-Mohn-Stiftung wollen deshalb mit ability4refugees Hilfsmittel für Flüchtlinge kostenlos vermitteln. Auf der Plattform können Behinderte die Hilfsmittel, die sie selbst nicht (mehr) brauchen, einstellen. Und Flüchtlinge, die Hilfsmittel benötigen, können dort ihre Anliegen veröffentlichen.