Disput

Angst essen Seele auf

Feuilleton

Von Jens Jansen

Ein bewegender Film von Rainer Werner Fassbinder über das Schicksal eines marokkanischen Einwanderers heißt »Angst essen Seele auf«. Premiere war im März 1974 in München. Story: Die Hauptdarstellerin Brigitte Mira nimmt den jungen Ali bei sich auf, bis beide an der Feindseligkeit ihres Umfeldes zerbrechen. Das ist nun 42 Jahre her. Damals gab es noch nicht die Bücher von Herrn Sarrazin. Damals war Hitlers »Mein Kampf« noch nicht der neue Bestseller. Damals brannte noch nicht jede Woche ein Flüchtlingsheim. Damals waren Stacheldraht und Abschiebung noch keine »Patentlösung«.

Verhaltensforscher sagen: Angst ist ein genetischer Reflex auf bekannte oder unbekannte Gefahren. Mal genügt eine Spinne, mal ein Raubtier – schon mobilisiert die innere Angst unser Schutzverhalten. Schlimmer, wenn Ängste eskalieren als massenhafter Reflex von außen. Oft sind es nur drei Schritte vom Gerücht zur Psychose und zur Panik. Als Beschleuniger akuter Ängste wirken zum Beispiel die nicht verheilten Pestbeulen des Rassismus und Chauvinismus. Auch Verlustängste, besonders bei reichen Leuten. Auch Futterneid selbst in Überfluss-Staaten. Wenn drei Terroristen ganze Metropolen lahmlegen, wächst Todesangst. Da erwachen alte Feindbilder, die von Eltern und Großeltern, Lehrern und Lehrbüchern, Medien und Machthabern gesät und gedüngt wurden. Das hat in Deutschland eine lange und giftige Tradition!

Heute sind Ängste derart verbreitet, dass sich die Pharma-Industrie mit Psycho-Pillen eine goldene Nase verdient: Entlassungsangst, Versagensangst, Flugangst, Angst vor den Russen, vor der Inflation, vor Überfremdung … Alle Herrscher benutzten die Ängste als Leim für ihren Thron. Der Kaiser warnte um 1900 vor der »Gelben Gefahr« aus Asien, später vor dem »Erzfeind Frankreich«. Hitler warnte vor dem »jüdischen Joch« und den »slawischen Untermenschen«. Adenauer verteufelte die Kommunisten, und US-Präsident Reagan warnte vor der »Welt des Bösen« im Osten. Alles Parolen, um mit Nationalismus, Größenwahn und Aufrüstung die eigene Expansion zu fördern. Dann fielen Bomben! Die Leichenberge des Zweiten Weltkrieges und das »Gleichgewicht des Schreckens« ließen Europa friedlicher werden. Heute kaufen gelangweilte Leute »Ballerspiele« – wer zuerst schießt, lebt länger! Horrorfilme sind spitze! Man springt am Gummiband von der Brücke. Man geht mit Stahlhelm zum Auslandsdienst. Twitter-Nutzer treffen sich mit Molotow-Cocktails vor dem Ausländerheim …

Priester und Politologen warnen vor der Verrohung der Sitten und der Sprache. Braune Parteien wittern große Wahlerfolge quer durch Europa. Was läuft verkehrt?  Die EU wurde von den Mächten des Marktes, also von den Waren und nicht von den Werten, diktiert. Die Spielregeln folgen dem Recht des Stärkeren und nicht des Besseren. Die Globalisierung verstärkte nicht nur die Ein- und Ausfuhr, auch die Einwanderung und Auswanderung. Ist Deutschland nur ehrbarer Samariter oder auch Mitverursacher der Flucht vor Elend und Krieg? Fehlt eine Zuzugsgrenze oder eine Profitgrenze? Die Zahlen der letzten fünf Jahre sagen: 62 Superreiche besitzen mehr als die halbe Menschheit mit 3,5 Milliarden Armen. Und der Reichtum der Reichen wuchs um 44 Prozent! Fazit: Diese Welt steht Kopf! Die karge Entwicklungshilfe dient zuerst den Begüterten auf den Yachten und nicht den Entwurzelten in den Schlauchbooten. Deren Ausbruchsversuche gehen weiter. Das war alles zu ahnen. Umso unbegreiflicher die Konzeptionslosigkeit der EU. Die Bevölkerung hat schneller begriffen, was nötig ist, als die Obrigkeit. Die Geo-Strategie der USA, der NATO und der EU ist abenteuerlich und Hauptursache der Ängste. Merke: Angst frisst nicht nur die Seele – auch den Verstand!