Disput

Baos Land

Vietnam – eine Reise mit Vorgeschichte

Von Stefan Richter

Diese Reise begann, irgendwie, schon Jahrzehnte vorher. Nicht mit dem Finger auf der Landkarte. Sondern mit dem Hören von Nachrichten und dem Sehen von Filmen und Fotos. Unendlich viel Krieg herrschte in Vietnam. Klein gegen Groß, Freiheitswille gegen Besatzerwillkür, Vietnamesen erst gegen Franzosen, dann gegen mehr als eine halbe Million US-Soldaten und deren Helfer. Tet-Offensive gegen Tigerkäfige, Napalm, Agent Orange ... Leben gegen Tod, und die Welt schien klar geteilt.

Mein allererster »Artikel«: ein Leserbrief zum Tod von Ho Chi Minh. Als Kinder sammelten wir Altstoffe und spendeten das Geld, wir schrieben Flugblatt um Flugblatt, hunderte, und steckten sie unter Scheibenwischer auf der Allee vor unserer Schule, wir schickten Briefe an uns unbekannte Altersgefährten in Nordvietnam (und fragten uns, ob sie je ankommen würden und wer sie denn übersetzen könnte). Das »Solidarität hilft siegen« war für uns nicht irgendeine Losung.

Renft im Osten textete: »Singt für alle, / die alles wagen. / Für die Leute in Vietnam. / Die riskieren nicht nur ihren Kragen, / die planieren den braunen Schlamm …« Und: »Ketten werden knapper und brechen sowieso …«

Unsere Hoffnung drückte auch Dieter Süverkrüp im Westen aus: »Wenn dieser Morgen kommt / und dieser Tag, / da wird ein Lachen sein, / ein großes Lachen sein, / jedoch viel Zorn noch übrig. / Wenn dieser Morgen kommt / und dieser Sieg, / wird große Arbeit sein / im abgebrannten Land, / doch es gehört dem Volke.«

Bao, unser Reisebegleiter, kennt ganz andere Texte, in Deutsch! Schlager wie »Schön, schön, schön wird der Sonntag sein …«. Baos Lebensreise führte vor Jahrzehnten von Hanoi nach Halle, vom Roten Fluss an die Saale. Nach dem Auslandsstudium kämpfte er als Soldat auch im Süden seines Landes. Bao erzählt, auf unsere Bitte, von Einsätzen bei Đà Nẵng und im Mekongdelta und von opferreichen Fahrten auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad mit W 50-Lastwagen aus Ludwigsfelde.

Dem Sieg 1975 folgten noch etliche Jahre, bis endlich, endlich auch Hunger und äußerste Not in Baos Land bezwungen waren.

Von den hohen Bergen im Norden, an der chinesischen Grenze, bis zum äußersten Süden, auf eine Badeinsel, die jahrzehntelang ein Zentrum für Folter und Haft gewesen war – wir wollten das ganze Programm. Der Urlaubsweg kann nicht lang genug sein, um zu erleben, wie es um großes Lachen und viel Zorn, große Arbeit und Volkes Eigentum bestellt ist. Und dennoch: Drei Wochen reichen nicht aus, um (ohne Vietnamesisch-Kenntnisse) guten Gewissens eine Antwort geben zu können.

Reiseromantiker werden sich begeistern an Bergwanderungen durch Reisterrassen, an launigen Bootsfahrten durch die berühmte Halong-Bucht oder über einsame Flussarme, an Besuchen im restaurierten Kaiserpalast in Hue, an Sonnenauf- oder -untergängen, an wunderschönen Landschaften, endlosen Stränden …

Erlebnisreisende werden staunen über Millionen Mopeds und Motorräder – und von sich begeistert sein, nachdem sie tapfer das erste Mal eine Großstadtstraße überquert haben. Sie werden sich anstecken lassen von Lebensfreude. Sie werden fremde Früchte und köstliche Speisen rühmen. Und die enorme Bautätigkeit überall anerkennen: Schulen, Brücken, Straßen, Kirchen ... Das Tempo der Veränderungen muss rasant sein.

Kritiker werden nicht ausschalten wollen, was sie daheim erfahren haben: große Privatisierungen und wachsende soziale Unterschiede, begrenzte Meinungsfreiheit und wenig begrenzte Korruption.

Von den noch immer gewaltigen Spätfolgen für Gesundheit und Natur durch die Kriege bekommen wir nichts direkt mit – nur indirekt, im Kriegsmuseum in Ho-Chi-Minh-Stadt, dessen Besuch jedem Ausländer dringend empfohlen werden sollte und an dessen Fassade in Vietnamesisch wie Englisch zu lesen ist: Frieden, Solidarität, Freundschaft, Zusammenarbeit, Entwicklung. Von jenem Zorn aus Süverkrüps Lied ist nichts zu spüren gegenüber US-Amerikanern, Südkoreaner oder Australiern; Touristen und Devisen sind äußerst willkommen.

Beindruckt sind wir vor allem von Erlebnissen am Rande, von kurzen Begegnungen: mit der streng wirkenden jungen Lehrerin, die in einer Bergschule Angehörigen einer nationalen Minderheit das vietnamesische ABC beibringt. Mit einem Fischer bei Cam Thanh, mit dem betagten Räucherstäbchenschnitzer in einem Dorf bei Sapa, mit der Mutter und ihrer Familie im SOS-Kinderdorf bei Dalat. Mit dem alten Mann in der Hauptpost von Ho-Chi-Minh-Stadt, der hier einst tausende Briefe (für Analphabeten) geschrieben bzw. übersetzt hatte – und der noch jetzt als 86-Jähriger mehrmals in der Woche zurückkehrt in seine Post, Platz nimmt auf einer Holzbank und sich als Zeitzeuge geduldig fotografieren lässt, wenige Meter entfernt vom großen Bildnis von Ho Chi Minh.