Disput

Ironie der Geschichte

Vor dem Bundestag wurde die Erinnerung an Clara Zetkin getilgt. Nun ist sie drin

 

Von Petra Pau

Ab Mai 1990, also zu DDR-Endzeiten, wurden landauf, landab Straßen umbenannt. Allemal solche, die Namen von Kommunisten trugen, kamen in den Blick kritischer Kommissionen. Ich war gerade frisch in die Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Hellersdorf gewählt worden und plötzlich Schriftführerin eines solchen Gremiums. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Aber es war eine spannende Zeit, die viel mit Geschichte zu tun hatte. Die nahende deutsche Einheit war überhaupt eine überraschende Chance, sich in Ost und West mit der eigenen und der gemeinsamen Historie auseinanderzusetzen. Aber der Westen wähnte sich als Sieger und hatte folglich wenig Lust, an seinen Straßennamen herumzumäkeln, auch in Berlin nicht.

Und so tragen noch heute etliche Straßen rund um das Tempelhofer Feld Namen von Offizieren der deutschen Wehrmacht, die 1941 nach dem Überfall auf die Sowjetunion diese besonders heldenhaft für Volk und Führer bombten. Und trotz wiederholter Initiativen, zum Beispiel der SPD-Steglitz, heißt auch die »Spanische Allee« noch immer »Spanische Allee«. Nicht, weil es auf Mallorca so schön sein soll. Auf dieser langen, breiten Straße wurde die faschistische »Legion Condor« gefeiert, nachdem sie siegreich aus dem Spanischen Bürgerkrieg heimkehrt war.

Später, 1995, kam überraschend eine Order aus Bonn. Noch einmal sollte in Berlin-Mitte eine Straße umbenannt werden. Der Umzug des Bundestages vom Rhein an die Spree war beschlossene Sache. Das historische Reichstagsgebäude wurde längst äußerlich saniert und im Inneren für einen modernen Parlamentsbetrieb umgebaut. Da fiel eifrigen Tugendwächtern ein eklatanter Makel auf. Die Straße, die aus Richtung Osten kommend in das künftige Parlamentsviertel führt, war nach Clara Zetkin benannt.

Clara Zetkin war Sächsin, sie war Frauenrechtlerin, sie war Antifaschistin, sie war sogar die letzte Alterspräsidentin des Reichstages, bevor dieses Parlament von Hitler liquidiert wurde. Das alles hätte man Clara Zetkin vielleicht noch durchgehen lassen. Aber sie war auch Mitglied der KPD, und nach einer Kommunistin durfte diese Straße auf keinen Fall benannt bleiben.

Dagegen regte sich Protest aus Frauenbewegungen, aus der SPD, aus der PDS, von Bündnis 90/Die Grünen. Ein Foto belegt, wie Renate Künast, seinerzeit Fraktionsvorsitzende der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, und ich, damals Landesvorsitzende der Berlin PDS, auf einer Leiter standen und das Clara-Zetkin-Schild festhielten. Vergebens. Sie wurde »Dorotheenstraße« genannt und soll so wieder an Dorothea Sophie von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, auch als Kurfürstin Dorothea von Brandenburg bekannt, erinnern. Es geht voran.

Zehn Jahre später, 2005, gab es eine vorgezogene Wahl zum Deutschen Bundestag. Mit ihr endete auch meine Zeit als »Einzelabgeordnete«. DIE LINKE, damals ein Bündnis aus Linkspartei. PDS, WASG und linken Parteilosen, wurde erstmals ins Hohe Haus gewählt. Allen Fraktionen steht im Reichstagsgebäude ein angemessener Beratungsraum zu, direkt unter der Kuppel. Und es ist Brauch, diesem einen Namen zu geben: »Konrad-Adenauer-Saal« (CDU/CSU), »Willy-

Brandt-Saal« (SPD) und so weiter. Wie aber könnte der Fraktionsraum der Linken heißen? Oskar Lafontaine schlug Rosa Luxemburg als Namenspatronin vor, naheliegend.

Gesine Lötzsch, ich und andere plädierten hingegen für Clara Zetkin. Und so kam es dann auch.

Ironie der Geschichte: Vor dem Bundestag wurde die Erinnerung an Clara Zetkin getilgt. Nun ist sie drin.

Dieser Beitrag ist dem Buch »Gottlose Type« von Petra Pau entnommen.

Petra Pau
Gottlose Type. Meine unfrisierten Erinnerungen
Eulenspiegel Verlag
ISBN 978-3-359-02476-7
144 Seiten
9,99 Euro / E-Book 7,99 Euro