Disput

Lutetia

Vor achtzig Jahren, am 2. Februar 1936, fand in einem Pariser Hotel die erste deutsche Volksfrontkonferenz statt

Von Ronald Friedmann

Anfang Februar 1936 war das Hotel »Lutetia« am Pariser Boulevard Raspail 51, ein architektonisch bemerkenswertes Bauwerk im frühen Jugendstil, Schauplatz einer erstaunlichen Zusammenkunft deutscher Exilanten. Auf Einladung des Schriftstellers Heinrich Mann versammelten sich 118 Männer und Frauen zu einer Konferenz, um – ungeachtet aller politischen und weltanschaulichen Gegensätze – die Möglichkeiten einer deutschen Volksfront zu diskutieren. Ihre wichtigste und vorrangigste Aufgabe sollte der gemeinsame Kampf gegen die faschistische Diktatur in Deutschland sein.

Mit 23 Vertretern, unter ihnen Willi Münzenberg, Franz Dahlem und Philipp Dengel, stellte die KPD die größte Teilnehmergruppe. Auf ihrem VII. Weltkongress im Sommer 1935 hatte die Kommunistische Internationale, und mit ihr die KPD, mit dem öffentlichen Bekenntnis zur antifaschistischen Volksfront eine wichtige Korrektur ihrer Politik vollzogen. Insbesondere Münzenberg, der entscheidenden Anteil daran hatte, dass das Pariser Treffen überhaupt zustande kam, hatte wiederholt eine Abkehr der KPD von sektiererischen Positionen gefordert. Von Herbert Wehner, damals noch Kandidat des Politbüros der KPD, wurde er deshalb mehrfach und öffentlich »opportunistischer Prinzipienlosigkeit« geziehen.

Eine offizielle Delegation der SPD gab es in Paris nicht. Die zwanzig namhaften Sozialdemokraten, die in das »Lutetia« gekommen waren, unter ihnen Rudolf Breitscheid und Albert Grzesinski, agierten als Privatpersonen, nicht als offizielle Vertreter ihrer Partei. Denn die SoPaDe, die Auslandsleitung der SPD, lehnte weiterhin jede Zusammenarbeit mit Kommunisten ab.

Zu den Repräsentanten kleinerer sozialistischer Parteien und Organisationen gehörten unter anderen Jacob Walcher und Willy Brandt für die Sozialistische Arbeiterpartei und Willi Eichler für den Internationalen Sozialistischen Kampfbund. Vertreten waren auch die Revolutionären Sozialisten Deutschlands, neben Neu Beginnen die stärkste Oppositionskraft innerhalb der SPD.

Bürgerliche Gruppen unterschiedlicher politischer Couleur waren durch etwa 40 Teilnehmer vertreten.

Neben Heinrich Mann, dessen weltweites Ansehen dem Treffen in der französischen Hauptstadt besonderes Gewicht gab, hatten sich auch andere Intellektuelle, vor allem Schriftsteller, dem Projekt einer deutschen antifaschistischen Volksfront angeschlossen. Zu ihnen gehörten Klaus Mann, Lion Feuchtwanger, Ernst Toller und Ludwig Marcuse.

Die Arbeit des Lutetia-Kreises, wie der in Paris gebildete »Ausschuß zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront« in Anlehnung an seinen ersten Tagungsort sehr bald genannt wurde, begann mit viel Energie und Optimismus. Ein »Appell an alle Menschen guten Willens« wurde verabschiedet. Er solidarisierte sich insbesondere mit den in Deutschland eingekerkerten Gegnern des Hitler-Regimes. Beschlossen wurde die Gründung eines Flüchtlingskomitees, mit dessen Leitung der frühere sozialdemokratische Innenminister von Preußen, Grzesinski, beauftragt wurde. Vereinbart wurde die Einrichtung eines antifaschistischen Pressedienstes, der Deutschen Informationen, an dem Heinrich Mann und Bruno Frei mitarbeiten sollten.

Doch es zeigte sich sehr schnell, dass es nicht gelingen würde, angesichts der unterschiedlichen, zum großen Teil sogar gegensätzlichen Ideen und Vorstellungen über Sinn und Zweck des deutschen Volksfrontprojektes einen tragfähigen Kompromiss für ein programmatisches Dokument zu finden, dem alle beteiligten Seiten zustimmen würden. Während die Vertreter der KPD auf die Lösung der unmittelbar anstehenden Aufgaben orientierten, forderten insbesondere die Vertreter der bürgerlichen Gruppen die sofortige Ausarbeitung eines Regierungsprogramms für die Zeit nach Hitler.

Nach monatelangen Diskussionen gelang es einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Heinrich Mann, der unter anderen Willi Münzenberg und Rudolf Breitscheid angehörten, im Dezember 1936 einen »Aufruf an das deutsche Volk« zu formulieren. Der Aufruf blieb allerdings deutlich hinter den Erwartungen vom Februar 1936 zurück. Die Unterzeichner, insgesamt 70 Männer und Frauen, warnten vor der Gefahr eines neuen Weltkrieges, der die Existenz des deutschen Volkes bedrohen würde, und stellten fest: »Die Volksfront will keine neue Partei sein. Sie soll ein Bund aller derer werden, die entschlossen sind, ihre Kraft für Freiheit und Wohlstand des deutschen Volkes einzusetzen. Alle in ihr vereinigten Parteien und Gruppen bleiben ihren besonderen weiterreichenden Zielen treu. Alle eint der Wille, die braune Zwangsherrschaft zu vernichten.«

Doch die prinzipiellen Differenzen ließen sich auf Dauer nicht überwinden. Dem Volksfrontprojekt fehlte das Volk, fehlte die Massenbasis. Es blieb beim unfruchtbaren Streit einer kleinen Gruppe von Intellektuellen.

Im April 1937 trat der Lutetia-Kreis letztmalig zusammen, um seine Auflösung zu beschließen.