Disput

Selbstverbrennung

Zum neuesten Buch des Klimawissenschaftlers Hans Joachim Schellnhuber. Eine Rezension

Von Götz Brandt

Für das epochale Werk »Selbstverbrennung« des Klimawissenschaftlers Prof. Hans Joachim Schellnhuber muss man schon wissenschaftliches Interesse und am besten eine naturwissenschaftliche Hochschulbildung mitbringen, um die 778 Seiten Text zu verstehen. Einzigartig ist die humorvolle, sarkastische und bitterböse Schilderung der letzten 20 Klimakonferenzen, die nur zu »Selbstmordpakten« führten und mit den vagen Versprechungen eine 3,5-Grad-Erwärmung erlauben, wenn die Versprechen denn eingehalten werden. Da zwischen 1990 und 2014 die fossilen Brennstoffemissionen um 65 Prozent zugelegt haben, besteht nach Schellnhuber kaum Aussicht, dass der Pariser Gipfel 2015 zu grundlegenden verbindlichen Beschlüssen führen könnte. Womit er Recht behalten hat, denn die Selbstverpflichtungen der 185 Länder auf der 21. Konferenz in Paris führen zu einem Temperaturanstieg von 2,7 bis 4,3 Grad Celsius. Damit kann weder das 2-Grad-Ziel noch der Wunsch der jetzt schon vom Klimawandel betroffenen Länder, den Temperaturanstieg mit 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, erreicht werden.

Alle Haupt- und Nebenprobleme des Klimawandels werden im Buch behandelt, insofern ist es ein populärwissenschaftliches Kompendium des Klimawandels mit hohem wissenschaftlichem Anspruch. Bei den vielen grundlegenden Aussagen zum Problem des Klimawandels wird dieses Buch sicherlich weitere Auflagen erfahren.

Das Buch besteht aus mehreren verflochtenen Büchern: eine Autobiografie mit der Vermittlung von Lebenserkenntnissen und Lebensweisheiten, die Historie der Klimakonferenzen mit ihren Erfolgen und Misserfolgen, der Erkenntnisfortschritt bei der Erklärung des Klimawandels im Vor- und Rücklauf der Erdgeschichte, Messmethoden und Schlussfolgerungen aus der Klimabeobachtung, ein Bericht zum Stand der Klimaforschung, Rechenschaftsbericht eines »Gewissenschaftlers«, das Kippelementeproblem beim Klimawandel, die Entstehungsgeschichte der kapitalistischen Industrieproduktion in Bezug auf Klimaentwicklung, Klimawandel und Gesundheitsprobleme usw. Schellnhuber kennt sich auf vielen Wissenschaftsgebieten aus, nicht nur den verwandten Gebieten seines Forschungsgebietes. Man könnte fast sagen, einer der letzten Enzyklopädisten.

Allen bekannt ist die von Schellnhuber beim Weltklimarat 1993 eingeführte Grenzlinie von 2 Grad Celsius Temperaturerhöhung, ab der der Klimawandel bedrohlich wird. Da Kohlendioxid eine lange »Halbwertszeit« hat, wird es erst nach Jahrhunderten wieder aus der Atmosphäre entsorgt, ohne dass die Klimaänderungen dann rückläufig werden. In früheren Erdzeiten gab es bei Kaltzeiten Werte von 180 ppm (parts per million, Millionstel) Anteil Kohlendioxid in der Luft, bei Warmzeiten 280 ppm, und die Temperatur schwankte in den letzten 800.000 Jahren um 2 bis 3 Grad. Die menschengemachte Erderwärmung hat jetzt 400 ppm erreicht, sie ist weitgehend proportional zum kumulativen Treibhausgasausstoß angestiegen und hängt nur davon ab. Bleiben die Emissionen so hoch wie bisher, ist in 30 Jahren das Emissionsbudget der Menschheit aufgezehrt und die Leitplanken werden überschritten.

Das Pro-Kopf-Budget eines Menschen in der Zeit von 2010 bis 2050 liegt bei etwa 2,5 Tonnen/Kohlendioxid (CO2) und Jahr. Verbraucht werden in den Industriestaaten USA 16,5 Tonnen und Deutschland 9,4 Tonnen. Bis 2050 ist deshalb die vollständige »Dekarbonisierung« der Weltwirtschaft notwendig. Dieser Begriff wurde übrigens aus dem Pariser Vertrag auf Betreiben der USA wieder gestrichen. Es ist auch in den nächsten 100.000 Jahren keine Eiszeit zu erwarten, die dem Klimawandel entgegenwirken könnte. Seit 1880 ist die globale Temperatur um 0,8 Grad Celsius gestiegen, damit ist die Erde bereits wärmer als in den letzten 120.000 Jahren. Wenn so weiter gewirtschaftet wird wie bisher, können noch im 21. Jahrhundert 4 Grad Celsius Erwärmung erreicht werden. Die Vermeidung dieses Temperaturanstiegs muss Ziel internationaler Politik sein, weil eine Anpassung an diese Klimaentwicklung gar nicht möglich ist.

Schellnhuber untersucht ein wenig beachtetes Gebiet, nämlich welche Temperatur Mensch und Tier aushält. Er kommt zum Schluss, dass ab 7 Grad Celsius Erwärmung auf den Kontinenten bereits Todeszonen entstehen und ab 11 bis 12 Grad Celsius fast alle Gebiete betroffen sind, wo heute Menschen wohnen. Daher auch der Buchtitel »Selbstverbrennung«. Die Erde wird unbewohnbar.

Bei 1,6 Grad Celsius Erwärmung können in Grönland beim Eisschild die Abschmelzprozesse in Gang kommen, sie sind dann viele Jahrtausende unumkehrbar. Der Meeresspiegel wird dadurch bis 2090 um etwa einen Meter ansteigen. Auch in der Westantarktis sind die Kippbedingungen erfüllt. Der Meeresspiegel kann sich um drei Meter erhöhen. Je ein Grad weitere Temperaturerhöhung könnte den Meeresspiegel um je 15 Meter wachsen lassen. In der Arktis steigen die Mitteltemperaturen doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt. Schon Mitte des 21. Jahrhunderts kann die Arktis eisfrei sein.

Das Wetter wird global durch den Jet-Stream beeinflusst, der in 7 bis 12 Kilometer Höhe von West nach Ost weht. Dieser Strahlstrom scheidet die kalten arktischen von den warmen gemäßigten Luftmassen und verläuft in großen Falten. Verlangsamt sich dieser Strom, können Extremwetterlagen entstehen (Hitzewellen, Dürren oder Überflutungen). Vom Monsun ist mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung abhängig. Zukünftig kann es zu abrupten Umschwüngen des Monsuns kommen und in deren Gefolge zu Dürren, die die Welternährung infrage stellen. Auch die »El Niño«-Extreme werden bei ungebremstem Klimawandel häufiger. Die Strömungswelt der Ozeane schlägt um.

Werden die Methanhydrate im Permafrostboden durch Auftauen der Böden frei, verstärkt sich der Klimawandel. Methan ist mehr als zwanzig Mal klimawirksamer als Kohlendioxid.

Im Amazonas-Regenwald befindet sich ein Sechstel des in der Vegetation gespeicherten Kohlenstoffs. Ein Viertel des globalen Austauschs zwischen Lufthülle und Pflanzenwelt findet hier statt – die Lunge der Erde. Wird es wärmer, bricht das System des Regenwaldes zusammen. Der Tropenwald wird zur Savanne, die Klimaregulation schwächt sich merklich ab.

Anpassung an den Klimawandel zu fordern, ist nach Schellnhuber die »falsche Ausfahrt«. Bis jetzt bezahlen die Opfer die Zeche der Klimafolgen und nicht die Verursacher. Außerdem müsste die Anpassung, ob nun Mensch oder Ökosystem, in einem rasanten Tempo erfolgen. Wenn so weiter gewurstelt wird wie bisher, erwärmt sich die Erde bis 2100 um 4 Grad Celsius und bis 2300 um 8 Grad Celsius. Da kann sich weder der Mensch noch die Natur anpassen. Ein Rückzug von Millionen Menschen aus bedrohten Küstengebieten, die Vollklimatisierung sämtlicher Millionenstädte, der Umbau der globalen Nahrungsmittelproduktion sind Anpassungsmaßnahmen, die auch von Industrienationen nicht bezahlbar sind.

Die Vertreter des »business as usual« wollen eine Klimamanipulation (Geoingeneering). Nach Schellnhuber ist das ein Manöver, um von »der schmerzhaften Notwendigkeit der industriellen Dekarbonisierung abzulenken«. Die beiden wesentlichen großtechnischen Ansätze sind Strahlungsmanipulation und Kohlenstoffextraktion. Diese Vorschläge sind unerprobt, müssten ohne Unterbrechung ewig fortgesetzt werden, und sie sind teuer. Schellnhuber setzt dagegen auf den Aufbau erneuerbarer Energien, eine neue Mobilität und das »cradle-to-cradle«-Konzept (abfallfreies Wirtschaften).

Schellnhuber ist der Ansicht, dass ein Einschwenken der Gesellschaft auf den Nachhaltigkeitspfad nicht in Sicht ist. Er hofft auf eine Weltbürgerbewegung auf der Grundlage eines kosmopolitischen Gesellschaftsvertrages für das 21. Jahrhundert. Naomi Kleins Auffassung, dass der Kapitalismus abgeschafft werden muss, um die Menschheit zu retten, teilt Schellnhuber nicht. Dafür wäre keine Zeit. Aber den »Brachialkapitalismus und den Irrsinn der Finanzspekulation« will auch er abschaffen. Er zitiert Papst Franziskus: »Wenn wir die Schöpfung zerstören, wird sie uns zerstören.«

Hans Joachim Schellnhuber: Selbstverbrennung, C. Bertelsmann Verlag München 2015, ISBN 978-3-570-10262-6, 29,99 Euro

Prof. Dr. Dr. Götz Brandt ist Mitglied im Sprecherrat der Ökologischen Plattform bei der LINKEN.