Disput

Die Sterne sind unschuldig

Feuilleton

Von Jens Jansen

Wer Jahreshoroskope verkauft, kann derzeit gute Geschäfte machen, denn niemand wagt irdische Prognosen. Nicht die drei Weisen aus dem Morgenland. Nicht die dreißig Allmächtigen des Abendlandes. Nicht die fünf Wirtschaftsgurus in Deutschland. Nicht die EU-Kommissare in Brüssel. Das vertraute Uhrwerk des stetigen Wachstums scheint ausgehebelt. Die Verfechter der entfesselten Marktwirtschaft haben die Deregulierung erwirkt. Das trieb die Stützen des anfälligen Systems in den Morast: Bankenkrise, Eurokrise, Klimakrise, Energiekrise, Rohstoffkrise, Staatskrisen, Krisen der Krisenbewältigung, Kriegsschauplätze, Flüchtlingskrisen, Terrorängste … Prost Neujahr!

Silvester wurde vermutlich mehr Magenbitter als Sekt getrunken. Die bange Frage bleibt: Wo treibt das hin? Das schließt die Gegenfrage ein: Wer sind die treibenden Kräfte?

Früher war für Linke die Antwort einfach: Der Sozialismus siegt! Aber der hat sich in der Schraubzwinge stärkerer Mächte und schöngefärbter Selbstzufriedenheit totgesiegt. Die bipolare Welt wurde wieder zum Tummelplatz des alleinseligmachenden Großkapitals. Doch der Anspruch der USA auf den Oberbefehl über alle Kontinente ging auch schnell in die Hose. Die alten Krebsgeschwüre des Systems brachen mit der Gier nach Maximalprofit auf. Die Kriege wurden verloren. Die Gefahren wurden vermehrt. China bekam breite Schultern. Moskau wirft sich auch nicht als »Regionalmacht« in den Staub. Neue Kraftzentren entstanden in Asien, Nahost, Afrika und Lateinamerika. Ja selbst im Vatikan. Neuartige Querverbindungen lehrten die Regierenden das Fürchten: das übersättigte vagabundierende Bankkapital, die regionalen Selbsthilfebündnisse, die fanatischen Terrorbanden, die digitalen Stoßtrupps im Internet. Da kommen aus irgendeinem Haus fünf Leute mit Dynamit im Gürtel und legen ganze Metropolen lahm! Wenn wir nicht endlich lernen, auf diesem Globus anders miteinander zu reden und zu leben, werden uns die Gebete im Halse stecken bleiben.

Deutschland stellt sich in seiner Vasallentreue zu den USA ziemlich dumm dabei an, zwischen den neuen Macht- und Marktzentren eine Rolle als Brücke zwischen Ost und West, Nord und Süd einzunehmen. Auch hier singt man gerne die alte Weise vom »Weitermarschieren«. Die Horden und Bataillone der Rechtsradikalen, die überall in Europa und den USA als Anwälte der Getäuschten und Enttäuschten mit harter Hand für Ordnung sorgen wollen, werden immer lauter.

Das ist eine gruselige Gemengelage. Da wirken alle Regierungen ziemlich ratlos. Die Sterndeuter in den Medien ebenso. Zwecks Machterhalts werden die Reste der Freiheit bei den Rüstungs- und Sicherheitskonzernen eingetauscht. Was aber alles nur schlimmer macht, wie man von der amerikanischen Hau-drauf-Strategie weiß.

Wer nach Krankheitsursachen sucht, braucht kein Horoskop, sondern ein Mikroskop. Die Erreger sind winzig, aber emsig. Eine Prise Nationalstolz multipliziert sich schnell zu Nationalismus und Chauvinismus. Und schon wird das Weltbild wieder ganz einfach: Hier das Gute – dort das Böse. Hier die Übermenschen – dort die Untermenschen. Der Rassismus ist nie gestorben. Es gibt nämlich weder »das Böse« an sich noch »die dunkle Seite« eines Volkes. Es sind immer die Menschen, die so oder anders denken und handeln, jedoch stets so, wie ihr Umfeld sie prägt. Zum Umfeld in Deutschland gehört 2016 die Neuausgabe der Hitler-Bibel »Mein Kampf«. Da sind zwar »deodorierende« Kommentare eingeflochten. Aber die Pestizide des Rassismus und des Größenwahns sind das Letzte, was wir heute brauchen. Sonst müssen wir neben jedem Flüchtlingsheim einen Feuerwehrwagen postieren.