Disput

Irdisches im »Kosmos«

Vom politischen Jahresauftakt der LINKEN, veranstaltet von Partei, Bundestagsfraktion und der Partei der Europäischen Linken (EL)

Von Florian Müller

Es ist dies wohl der Höhepunkt des »Jahresauftaktes« am 10. Januar: Esther Bejarano, Überlebende von Auschwitz und Ravensbrück, auf der Bühne: »Die Ereignisse der letzten Tage und Wochen lassen mir keine Ruhe. Ich kann nicht anders: Ich muss laut aufschreien«. Es sei unvorstellbar, 70 Jahre nach Zweitem Weltkrieg und Faschismus wieder so viele Opfer beklagen zu müssen – Opfer der Barbarei, der menschenverachtenden Ideologie durch Terror, Faschismus, Antisemitismus, Ausländerhass. Sie könne sich nichts Schlimmeres vorstellen, als dass »die Erfahrung meiner Generation in Vergessenheit gerät. Dann wären alle Opfer des Faschismus und des Krieges, alles, was wir erlitten haben, umsonst gewesen.« Der Kampf müsse weitergehen.

Nachdem sich der Beifall gelegt hat, singt die 91-Jährige »Das Lied für den Frieden« in Hebräisch und dann zwei weitere Lieder mit »Microphone Mafia«.

Krieg, Flüchtlinge, Austerität, Hunger, Hass, Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit, Altersarmut, TTIP, Landtagswahlen … Was Linke, was Menschen in schwierigen Zeiten bewegt, kommt zur Sprache. Der traditionelle »Jahresauftakt«, diesmal mit fast 900 Besucherinnen und Besuchern im einstigen Kino »Kosmos« in Berlin, lässt kein irdisches Thema aus.

Die Spanierin Maite Mola, Vizepräsidentin der EL, ruft zur Entwicklung einer kraftvollen Friedensbewegung auf. Und zum völligen Bruch mit dem Modell des Neoliberalismus. Eine Alternative können wir europäischen Linken sein, versichert Luis Fazenda aus Portugal. Die israelische Linke, bekräftigt der kommunistische Abgeordnete Dov Khenin, kämpfe für eine friedliche Lösung, die allen Völkern in der Region gerecht wird.

Die LINKE-Vorsitzenden stimmen auf die Aufgaben der Partei 2016 ein. Terrorismus und Rassismus, so Katja Kipping, seien Brüder im Geiste. »Und weil sie zusammengehören wie siamesische Zwillinge, kann man rassistischen Terror und fundamentalistischen Terror nur gemeinsam bekämpfen. Deswegen fordern wir einen New Deal, einen neuen Gesellschaftsvertrag, gegen Krieg und Terror.« Die Erfahrung zeige, sagt Bernd Riexinger: »Wo die Linke stark ist, hat es die Rechte nicht so einfach. Lasst uns DIE LINKE stark machen!«. Es gelte, klare Kante zu zeigen und Motor für einen Politikwechsel in den kommenden Jahren zu sein. Daran werde DIE LINKE parlamentarisch und außerparlamentarisch arbeiten.

Die Stimme der Opposition heben die Vorsitzenden der Bundestagsfraktion hervor. Es sei ein Elend, findet Sahra Wagenknecht mit Blick beispielsweise auf den Bundeswehreinsatz in Syrien, dass außer der LINKEN keine andere Partei mehr den Mut hat, den Mund aufzumachen und zu sagen: Krieg ist Terror, und Terror kann man nicht mit Terror bekämpfen. Wenn die politische Linke nicht in der Lage wäre, unterstreicht Dietmar Bartsch, die eine oder andere Differenz nach hinten zu stellen, würden wir unserer historischen Aufgabe nicht gerecht werden.

Oskar Lafontaine bezeichnet den Kapitalismus als Fluchtursache überhaupt: »Wir LINKE wollen eine andere Wirtschaftsordnung, wir wollen ein anderes Zusammenleben.« Er sehe in der aktuellen Entwicklung auch eine Chance, deutlich zu machen: Der Kapitalismus darf niemals das Ende der Geschichte sein.

Das mittlerweile traditionelle LINKE Wort zum Jahresauftakt, durch den wieder Diether Dehm führt, bereichern hervorragende Künstlerinnen und Künstler wie Peter Sodann und Ingolf Lück, die aus Brechts »Flüchtlingsgesprächen« lesen, der Kabarettist Reiner Kröhnert, die Gruppe Bandista und die andalusische Sängerin Lucia Socam. Und eben die großartige Mahnerin und Musikerin Esther Bejarano.