Disput

Mein großer Wunsch

Gökay Akbulut über Zumutungen in ihrer Kindheit und über Belastungen in der Gegenwart. Am 13. März will die Mannheimerin mit der LINKEN erstmals in den Landtag Baden-Württemberg einziehen

Gökay, wie wird dein Jahr 2016 aussehen?

Es wird bestimmt wieder ein sehr aktives Jahr werden, mit vielen Konflikten und Herausforderungen – und ich werde mit dabei sein.

In den nächsten Wochen vor allem im Landtagswahlkampf. Du bist, neben Bernd Riexinger, LINKE-Spitzenkandidatin in Baden-Württemberg. Für wen vor allem willst du dich im Landtag einsetzen?

Insbesondere für Frauen und für Migranten, für benachteiligte Jugendliche. Baden-Württemberg ist beispielsweise immer noch Schlusslicht bei der Repräsentation von Frauen in der Politik. Nur 20 Prozent der Landtagsabgeordneten sind Frauen, in den kommunalen Vertretungen sieht es ähnlich aus.

Und bei unseren KandidatInnen?

Nicht viel besser. Wir müssen auch noch viel bewegen und viel mehr Frauen in DIE LINKE einbinden.

Wie bist du zur Politik gekommen?

Ich bin sehr jung politisiert worden, von klein auf habe ich mich für gesellschaftliche Entwicklungen interessiert.

Von klein auf … Das hört sich nach prägenden Eindrücken in der Kindheit an. Gab es da Schlüsselerlebnisse?

Ich habe einen kurdisch-alevtischen Hintergrund, beides oppositionelle Kräfte in der Türkei.

Ich komme aus einer kleinen Stadt mit linken, alevitischen, sozialistischen Kräften. Wir spürten schon sehr früh, dass wir anders sind. Es gibt Viertel, wo Aleviten und Kurden für sich leben. In einem solchen Viertel bin ich großgeworden. Mein älterer Bruder wurde in den Islamunterricht an der Schule gezwungen. Auch heute müssen alevitische Kinder in den sunnitischen Religionsunterricht. Weil wir nur gebrochen Türkisch sprachen, wurden wir von den Lehrern geschlagen, mit der Hand oder mit dem Stock. Das war normal.

Mit fünf wurde ich im Dorf, mit sechs in der Kleinstadt eingeschult. Dort habe ich meine ersten Erlebnisse mit dem anders Sein gemacht. Uns wurde beigebracht, dass man nur an bestimmten Orten Kurdisch sprechen durfte. Freitags mussten wir vor der Schule die türkische Hymne und morgens den heiligen Schwur zum Vaterland aufsagen: Ich bin Türke, bin ehrlich, bin fleißig, bin stolz auf mein Vaterland … Das war für alle kurdischen Kinder eine Zumutung. Das hat mich geprägt. So habe ich mich bereits sehr früh mit den Themen Demokratie, Selbstbestimmung und Widerstand auseinandergesetzt.

Erinnerst du dich an deinen allerersten Berufswunsch?

Ich glaube, ich wollte zuerst Polizistin werden, um gegen das Böse und Schlechte zu kämpfen. Und dann Flugbegleiterin – in fremde Länder reisen fand ich immer aufregend.

Deine Familie kam 1990 nach Deutschland …

Unsere Verwandtschaft und wir sind teils aus wirtschaftlichen, teils aus politischen Gründen nach Deutschland gekommen. Zuerst in eine Asylunterkunft nach Braunschweig, dann in ein kleines Dorf bei Uelzen. Unsere Unterkunft lag dort zwei Kilometer entfernt von dem Dorf, betrieben vom Sozialamt, da waren nur Flüchtlingsfamilien und Sozialhilfeempfänger. Wir hatten überhaupt keine Verbindungen zum Dorf. Ich weiß noch: Einmal fuhren Leute an unserer Unterkunft vorüber und warfen Kleidung in blauen Säcken aus dem Auto, sie hielten nicht einmal an, sie fragten nicht, wer wir sind und warum wir gekommen waren … Sie fuhren einfach weiter. Ich glaube, nur ein einziger Mann aus dem Dorf hat sich um uns gekümmert.

Wie war das in der Schule?

Im ersten Jahr hatten wir Flüchtlingskinder einen Deutschkurs und eine sehr nette Lehrerin. In der Regelklasse wurde es dann sehr bedrückend, ich fühlte mich sehr fremd, anders und allein. Erst nach einer Weile schloss ich Freundschaften. Aber kaum hatte ich mich ein bisschen eingelebt, beschlossen meine Eltern, wegen der Arbeit nach Hamburg zu ziehen. Wir hatten damals nur eine Aufenthaltserlaubnis, die alle zwei Jahre verlängert werden musste. So gab es immer eine große Unsicherheit. Der Druck, ob man bleiben darf oder ob man abgeschoben wird, war sehr groß.

Meine Eltern bewarben sich immer um Arbeit. Mit wenig Qualifikation waren die Chancen gering, weil gesagt wurde, dass es deutsche Bewerber für den Arbeitsplatz gibt. Es gab diese Vorrangregelung. Meine Mutter fing dann an zu putzen und hat in der Gastronomie gearbeitet, mein Vater in einer Möbelfirma, später als Lieferfahrer. Das waren halt Jobs mit sehr geringer Bezahlung und viel Unsicherheit.

Ich kam aufs Gymnasium, meine Brüder auf die Realschule.

Fiel dir das Lernen leicht?

Ja. Ich habe relativ schnell Deutsch gelernt, anschließend Englisch und Französisch. Innerhalb kürzester Zeit drei Sprachen! Ich lernte sehr gern, ich wollte studieren – auch weil es an den Universitäten starke linke, sozialistische, kurdische Bewegungen gibt. Für mich war immer die Verbindung: Ich gehe studieren und werde politisch aktiv. Schon mit 12, 14 Jahren wollte ich das so.

2003 machte ich Abitur, studiert habe ich in Heidelberg.

Zur Landtagswahl kandidierst du in Mannheim. Wie erlebst du die Stadt?

Seit Anfang 2011 lebe ich hier und fühle mich wohl. Mannheim ist eine Arbeiter-, eine Migrantenstadt mit ganz unterschiedlichen Facetten. Hier leben etwas mehr als 300.000 Einwohnerinnen und Einwohner, der Anteil von Migrantinnen und Migranten beträgt 40 Prozent, bei Kindern und Jugendlichen 60 Prozent. Die Stadt ist stark geprägt von unterschiedlichen Kulturen und Nationalitäten. In Mannheim habe ich schnell die Stimmung gegenüber Migranten und Flüchtlingen wahrgenommen. Deswegen war und ist das für mich so ein wichtiges Thema, ich bin auch deshalb in den Gemeinderat gewählt worden.

Vier Jahre arbeitete ich bei einem Bildungsträger in der Region und beriet Jugendliche und deren Eltern zu Bildungsmöglichkeiten in Deutschland. Allein in Baden-Württemberg haben fast 40 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund keine abgeschlossene Ausbildung.

Wann und wo warst du das erste Mal politisch aktiv?

1992/93, kurz nachdem ich nach Deutschland gekommen war. Es gab kurdische Festivals und Demonstrationen als Protest gegen den Krieg in der Türkei. Zu den Veranstaltungen sind wir mit meinen Eltern im Bus nachts stundenlang quer durch Deutschland gefahren. Ich bin quasi auf diesen Demos aufgewachsen.

Selbst aktiv wurde ich erstmals in Hamburg, im Stadtteil Sternschanze. Dort hatten wir Kontakt zu linken und autonomen Gruppen. Als Schülerin war ich bei einigen Aktionen dabei. Es gab Aktionen und Demos zu ganz unterschiedlichen Themen.

Wann bist du in die Partei eingetreten?

2007, noch zu Zeiten der WASG, während meines Studiums.

Wie stellst du dir deine Partei idealerweise vor?

Idealerweise wünsche ich mir mehr Dynamik. Ich habe das Gefühl, dass zu viel Zeit und Kraft für interne Fragen, für Satzungsarbeiten draufgehen. Mir fehlt da ein wenig der direkte Bezug zu den Menschen.

Wir führen in Mannheim Sozialberatungen durch, die werden sehr gut genutzt. Darauf sollten wir verstärkt setzen. Vor allem für die Stadtteile, wo Armut, Arbeitslosigkeit usw. sehr hoch sind, sollten wir überlegen, wie wir diese Menschen besser erreichen. Denn im Büro zu sitzen, in der Mitgliederversammlung oder in einer Veranstaltung …, da ist die Erreichbarkeit nicht besonders. Insofern möchte ich, dass wir uns in Zukunft überlegen, wie wir näher bei den Leuten und ihren Problemen dran sind. Wir planen auch in Mannheim eine »Kaffee-vor-dem-Jobcenter«-Aktion. So was finde ich sehr gut.

Wie viele Mitglieder hat die Partei in Mannheim?

Ungefähr 150, 160, etwa gleichbleibend viele. Der Anteil der jüngeren Mitglieder wächst.

Du sitzt im Gemeinderat, in mehreren Ausschüssen. Und in zwei Monaten vielleicht im Landtag. Hast du irgendwie Manschetten davor, für die Politik eines großen Bundeslandes Verantwortung mit zu tragen?

Nein. Ich werde bestimmt etwas Zeit brauchen, bis ich mich in die parlamentarische Tätigkeit eingearbeitet habe. Aber ich denke, dass ich das gut hinkriegen werde. Mein Mandat im Gemeinderat will ich behalten, der Bezug zur kommunalen Ebene ist mir sehr wichtig.

In Umfragen liegt DIE LINKE zwischen drei und vier Prozent, zweimal war sie bei genau fünf Prozent. Das heißt, es ist noch sehr viel Anstrengung nötig, um erstmals den Sprung ins Landesparlament zu schaffen. Du bist optimistisch?

Ich bin sehr optimistisch. Wir können im Grunde, unabhängig vom konkreten Ergebnis, nur gewinnen. Denn das ist auch ein Stück Parteiaufbau. Wir lernen so oder so viel durch unseren Wahlantritt und entwickeln uns weiter.

Beim letzten Mal erhielten wir nur 2,8 Prozent, weil die Ausgangslage eine ganz andere war als diesmal. Damals gab es nach der Reaktorkatastrophe den »Fukushima-Effekt«, wodurch viele unserer möglichen Wählerinnen und Wähler für die Grünen gestimmt haben – auch mit der Überlegung, dass DIE LINKE eh keine Chance auf den Einzug in den Landtag hat. Mittlerweile änderte sich die Situation. Bei den Kommunalwahlen schnitten wir sehr gut ab – die Zahl unserer Mandate konnten wir fast verdoppeln. Wir sind nun in der Kommunalpolitik gut verankert.

Ich denke, wir werden Stimmen von den Grünen und von der SPD bekommen. Und von den Migranten, die ich mobilisieren werde. Wir haben ein großes Potenzial an Migranten in Baden-Württemberg, in vielen Städten, mit vielen Jugendlichen. Da werde ich mich sehr stark engagieren.

Um bei der Landtagswahl überhaupt antreten zu können, müsst ihr Unterschriften sammeln, 150 in jedem Wahlkreis.

Und das ist in manchem Wahlkreis gar nicht so einfach.

Wie geht’s nach dem Sammeln der Unterschriften ab Mitte Januar weiter?

Wir machen viele Großveranstaltungen, auch mit Promis: mit Sahra Wagenknecht, Bodo Ramelow und anderen. Die Plakate und Wahlmaterialien sind fertig, ab sechs Wochen vor dem Wahltag darf plakatiert werden, Hilfe ist immer willkommen. Und wir sind zu vielen Wahlforen eingeladen, wo wir unsere Positionen überzeugend vertreten werden. Wir haben sehr gute, erfahrene Kandidatinnen und Kandidaten.

Wie stellst du dich im Wahlkampf auf Fragen der Landespolitik, sagen wir zur Verkehrspolitik oder zu alternativen Energien, ein?

Darauf bereite ich mich explizit vor. Ich setze mich hin, um die Themen und die Konzepte zu verstehen. Das kostet Zeit, aber ich lerne viel, und es macht mir auch Spaß. Ich finde es gut, nicht nur bei »meinen« Themen zu bleiben, ich »erweitere« mich thematisch.

Wir haben im Landesverband ein gutes Wahlprogramm erarbeitet. Und wir haben Leute, die sich bei speziellen Problemen gut auskennen. Die Themen haben wir aufgeteilt, damit wir schnell Positionen entwickeln können: ob zur Finanz- oder zur Umweltpolitik. Klar ist das nicht einfach, weil wir – im Vergleich zu den im Parlament vertretenen Parteien mit ihren viel größeren Ressourcen – alles selbst erarbeiten müssen.

Wir haben viel gelernt aus den vergangenen Wahlen.

Zum Beispiel?

Bei der Wahl 2011 lagen wir in den Prognosen bei fünf Prozent, und wir waren davon ausgegangen, auch wirklich in den Landtag einzuziehen. Dann kam plötzlich der große Schock. Daraus haben wir Konsequenzen gezogen. Wir wollen einen kreativen und aktiven Wahlkampf führen, um die Leute zu erreichen und die Wählerinnen und Wähler zu mobilisieren. Ich denke, diesmal werden wir, auch wegen unserer besseren kommunalen Verankerung, stärker wahrgenommen.

Welches persönliche Wahlziel hast du dir gestellt?

Beim vorigen Mal hatten wir in Mannheim 5,8 Prozent, ich habe mir als Ziel sieben Prozent gesetzt und bin mir ziemlich sicher, dass ich das auch hinkriegen werde.

Holla!

Bei den Kommunalwahlen verbesserten wir uns von 4,9 auf 6,2 Prozent. Und von dort bis sieben Prozent müsste doch machbar sein, selbst wenn eine Landtagswahl etwas anderes ist.

Ich entwerfe gerade einen mehrsprachigen Flyer. In den Migrantencommunitys gibt es sehr große Familien und auch viele Vereine. Ich habe mir vorgenommen, zu ihnen zu gehen und mich vorzustellen und über die Wahlen zu informieren. Für eine gute Wahlbeteiligung sollten auch Migranten über Vereine etc. einbezogen werden. Ich habe im Wahlkampf außerdem ein engagiertes Frauenteam mit vielen Kontakten.

Mit Auftritten vor größerem Publikum hast du keine Probleme?

Nein, das habe ich mittlerweile gut gelernt.

Wie sehen deine Eltern deine Kandidatur?

Sie sind sehr stolz auf mich – und unterstützen mich. Sie werden wenn`s klappt auch nach Mannheim kommen, um im Wahlkampf zu helfen: am Infostand und beim Verteilen von Flyern.

Eine starke linke Kraft wird in Baden-Württemberg auch nach dem Wahltag gebraucht. Egal wie das Wahlergebnis aussehen wird, ich werde aktiv bleiben. Politik ist ein fester Bestandteil meines Lebens. Für mich ist es wichtig, immer aufrecht zu bleiben. Für mich ist linke Politik wichtig, sowohl auf der Straße als auf kommunaler und Landesebene.

Die Ergebnisse bei den Kommunalwahlen hast du genannt. Was würdest du außerdem als Erfolgserlebnisse werten?

Ich könnte vieles aufzählen. Zum Beispiel unsere Wahlbeobachtung in der Türkei. Wir, Mitglieder und Nichtmitglieder unserer Partei, reisten zweimal in die Türkei: beim ersten Mal acht Beobachterinnen und Beobachter, bei der Neuwahl 14. Das war auch ein Zeichen unserer Solidarität. Für mich war es ein großes Erfolgserlebnis, dass die HDP es trotz der Kriegsbedingungen geschafft hat, wieder in das Parlament einzuziehen. Dafür war die internationale Unterstützung sehr wichtig. Auf unserem Landesparteitag in Stuttgart wiederum hat die HDP-Europavertretung eine Gruß- und Solidaritätsbotschaft überbracht. So können sich unterschiedliche linke Bewegungen miteinander verbinden.

Ein anderes Erlebnis: Ich trat neulich bei einer großen Diskussionsveranstaltung an der Hochschule Karlsruhe auf, wo auch der AfD-Spitzenkandidat dabei war. Als einzige habe ich konsequent gegen die AfD argumentiert und gekontert. Von den Studenten bekam ich dafür viel Applaus.

Wir haben das Interview mit einem kurzen Ausblick auf dein Jahr 2016 begonnen. Lass es uns auch so beenden: Was vor allem wünschst du dir?

Dass Terror und Kriegswahn endlich ein Ende finden.

Für uns kurdische Community waren die letzten Monate 2015 sehr heftig, sie haben mich auch emotional und psychisch sehr belastet. Jedes Mal, wenn in der Türkei eine Bombe hochging, standen wir unter Schock. Wir selbst haben in Diyarbakır einen Bombenanschlag nur um eine halbe Stunde (wegen Verspätung unseres Flugzeugs) verpasst, und ich habe viele Menschen, die ich indirekt kannte, verloren. Ich wünsche mir ein Jahr ohne Kriegspolitik, ohne politische Morde … und viel mehr Frieden. Auch in Europa. Ich wünsche mir, dass diese Kriegs- und Gewaltspirale endlich reißt. Das ist mein großer Wunsch.

Als LINKE müssen wir dafür konsequent auf den Straßen gegen Waffenexporte, gegen Kriegspolitik und gegen unterschiedliche Ausbeutungsformen sein. Auch gegen den Rechtsruck in Parlamenten und in der Gesellschaft. Das ist die Herausforderung.

Privat würde ich gern mit Freunden im Sommer eine Kuba-, eine Lateinamerikareise machen.

Interview: Stefan Richter

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Gökay Akbulut

geboren 1982 in der Osttürkei, lebte bei Uelzen und in Hamburg, studierte in Heidelberg (Politische Wissenschaften, Soziologie und Öffentliches Recht), machte ein Auslandssemester in Kanada und ein Praktikum bei der UNO: »Ich war an sehr unterschiedlichen Orten, das war für mich immer sehr anziehend«. Seit 2012 ist sie im LINKEN-Kreisvorstand in Mannheim, seit 2013 im Landesvorstand Baden-Württemberg, 2014 wurde sie als Stadträtin in Mannheim gewählt.

Gökay kandidiert bei der Landtagswahl am 13. März im Wahlkreis 35 (Mannheim I).