Disput

Himbeerwasser und Arsen

Feuilleton

Von Jens Jansen

Die 28 NATO-Staaten beschlossen in Warschau die Fortsetzung der Blockade gegen Russland. Putin bekommt keine Müller-Milch und keine Opel-Autos, bis er sich in den Staub wirft! Wir sind Zuchtmeister und nicht Zahlmeister in Europa!

Woran erinnert mich diese »Blockade«? An Leningrad – heute St. Petersburg. Da staunt mein Schwiegersohn in Schwaben. In seinen Schulbüchern stand manches über die Zaren und die Kommunisten, aber kein Wort über die Blockade der Stadt durch die Nazi-Wehrmacht von September 1941 bis Januar 1943. Keine Stadt hat mehr gehungert und gefroren, geweint und gekämpft. Mit 27 Millionen Kriegsopfern wurde in der Sowjetunion der Frieden heilig, aber nicht wehrlos. Die sechs Bände des Schülerlexikons von 2007 erwähnen zum Thema Weltkrieg den Geheimpakt Hitler-Stalin, schreiben aber nichts über die Leichenberge in Leningrad nach Hitlers Vernichtungskrieg. Mit solchem Lesefutter wird man Antikommunist, aber kein Antifaschist. Alle, die heute regieren, haben Faschismus und Krieg nicht erlebt! Das macht sie so anfällig für die psychologische Mobilmachung.
Der NATO-Gipfel tagte nie dichter vor Moskau. Der Pakt beschloss, die Abschreckung an seiner vorverlegten Ostflanke zu verstärken, denn einige osteuropäische Staaten plagt ein »Bedrohungsgefühl«.

Nanu? Prahlen die USA und die NATO nicht, das stärkste Bündnis der Welt zu sein? Sagen nicht die Berichte der West-Medien, dass Russland röchelnd am Boden liegt? Es gibt keinen Ostblock und keinen Warschauer Vertrag. Warum rasselt die NATO mit dem Säbel? Sie nutzt das Vakuum zur Osterweiterung, denn Putin, »der Schurke«, will sein Reich nicht weiter schreddern lassen. Schon gar nicht erneut durch deutsche Stoßtrupps und Waffen.

Auf dem Balkan und im Mittleren Osten waren die deutschen Generale »in vorauseilendem Gehorsam« bereits zur Stelle, ehe sie gerufen wurden. Seit 100 Jahren haben Kaiser, Führer und Kanzler ihnen eingebläut: »Die Russen kommen!« Und prompt marschierten die Deutschen.

Ab 2017 wird wieder aufgestockt! Zunächst 14.300 Kämpfer und 4.400 Verwalter zur Verstärkung der »Durchhaltefähigkeit« der Bundeswehr. Das scheint ratsam, denn der deutsche Generalstab hat sich immer verrechnet. Die Waffen waren immer zu wenig und zu schlecht. Die Losung »Viel Feind – viel Ehr!« zersplitterte die Kräfte. Doch wer soll denn sonst die Welt retten? Wir stehen mit 700 Mann im Kosovo, mit 850 in Afghanistan, mit 100 Ausbildern im Irak, mit 110 Seekriegern vor Somalia, mit einer Hundertschaft im Libanon, mit 200 Schießtrainern in Mali, mit 270 Raketenspezies in der Türkei, mit 400 bis 500 Elitekriegern als »Speerspitze« demnächst in Litauen. Wäre doch gelacht, wenn es nicht irgendwo irgendwann zündelt! Nur so können die Rüstungskonzerne die Arbeitsplätze sichern. Sind ja auch keine Kriege, sondern Friedensmissionen. Sagt die BILD-Zeitung, sagt das Fernsehen, sagt der Stammtisch. Für die Argumente der Gegenseite ist da kein Platz.

Aber Vorsicht! In der Welt von heute gibt es kein fremdes Leid mehr. Jedes Leid bedroht alle Hütten und Paläste. Wer politische, territoriale oder religiöse Konflikte – ohne diplomatische Verständigung – mit Konfrontation oder Abschreckung lösen will, hat weder Gefühl noch Verstand. In Amerika kandidiert ein Sprengkopf als Präsident. In Europa wuchert der Nationalismus. In Afrika springen die Hungernden in die Schlauchboote. Und Deutschland kann nicht mal die Kinderarmut und Altersnöte überwinden.

Der NATO-Gipfel bot als Heilmittel die »Doppelstrategie von Abschreckung und Dialog« an. Das ist: Arsen und Himbeerwasser!