Disput

Mehrheiten organisieren

Das Interesse an Politik nimmt wieder deutlich zu

Von Janis Ehling

Schon während meiner Schulzeit kannte ich einige Linke. Ich fand sie stets sympathisch, aber immer auch etwas naiv. Von meiner Familie hatte ich einen Gerechtigkeitskompass mitbekommen. Ich konnte mir jedoch nicht vorstellen, wie der umsetzbar sein sollte.

Lieber habe ich Machiavelli gelesen und vom hohen Ross des jungen Besserwissers andere abgekanzelt. Allerdings halfen mir meine Bücher nicht weiter, wenn es um die ganz realen Probleme eines langhaarigen Jugendlichen in Berlin-Pankow ging: Nazis im Bezirk. Ende der 90er, Anfang der 2000er gab es eine sehr aktive JN (Jugendorganisation der NPD) und ein breites Sympathisantenumfeld in Pankow. Zu meinem Leidwesen trafen die sich immer an den zentralen Verkehrsknotenpunkten. Wer anders aussah, wurde beschimpft und oft auch verprügelt. Mir erging es wie vielen anderen.

Da die Polizei oft nicht zur Stelle war, half bei solchen Problemen eigentlich nur die Antifa. Die Antifa-Gruppen hatten zwar keine besseren Konzepte als die anderen Linken, aber sie halfen wenigstens konkret. Das überzeugte mich, und die nächsten Jahre verbrachte ich anpolitisiert im Antifa-Umfeld.

Unzählige Demonstrationen im Schwarzen Block gegen Nazis, Irakkrieg und alles Mögliche folgten. In Berlin wird bekanntlich oft und viel demonstriert. Nur: Mehr als demonstrieren fiel uns nicht ein. Eine Idee von gesellschaftlicher Veränderung hatte ich nicht. Dass man die Bevölkerung durch Demos mit einem großen schwarzen Block überzeugt, überzeugte mich wiederum schnell nicht mehr. Wenigstens hatte ich gelernt, lieber auf der richtigen Seite zu stehen als nur daneben.

In der Konsequenz beschäftigte ich mich mehr mit Politik. Ein Engagement in einer Partei schied für mich aus. Die einzige für mich damals relevante Partei war die PDS/LINKE. In Berlin regierte sie zu der Zeit mit der SPD und unterschied sich in meiner Wahrnehmung in ihrer realen Politik nicht besonders von SPD oder Grünen: Wohnungen wurden privatisiert, und auch sonst veränderte sich nicht viel. Daher war dieser Weg für mich damals versperrt. Das änderte sich, als ich für mein Studium nach Hessen zog.

In Marburg kam ich mit dem SDS (dem Studierendenverband der LINKEN) in Kontakt und wurde schnell sehr aktiv. Über den SDS habe ich dann einige Schüler Wolfgang Abendroths kennengelernt. Dieser Kontakt war entscheidend für meine politische Aktivität bis heute. Erstmals lernte ich eine kluge und zusammenhängende Sicht auf die Gesellschaft kennen. Dazu ein paar Worte: Kennzeichnend für Abendroth und seine Schüler ist die Überzeugung, dass gesellschaftliche Veränderung nur mit der Mehrheit der Lohnabhängigen funktioniert. Um sie zu organisieren, braucht es große Parteien und Gewerkschaften.

Ebenso nachhaltig geprägt hat mich Abendroths Politik gegenüber einer angepassten Sozialdemokratie und einer sektiererischen kommunistischen Partei: Er hat mit keiner der beiden gebrochen, sich aber immer kritisch zu ihnen verhalten. Im Fußballsprech: »Wichtig ist auf dem Platz« – also wo die Lohnabhängigen organisiert sind. Und wichtig ist eine demokratische Partei, die die Menschen unten in der Gesellschaft organisiert.

Das nahm ich mir dann in den folgenden Jahren in meiner Arbeit beim SDS, als Kreisvorsitzender der LINKEN in Marburg und in der Bewegung gegen TTIP zu Herzen. Letztlich bin ich SDS-Geschäftsführer geworden und sitze nun für den Studierendenverband im Parteivorstand. Da mag sich der geneigte Leser fragen, wie diese Führungsämter mit einer Organisation der Menschen unten in der Gesellschaft zusammenhängen. Das muss kein Widerspruch sein. Wir erleben jetzt durch den Aufstieg der AfD, dass das Interesse an Politik wieder deutlich zunimmt. Ich merke das in meiner Generation, medial, persönlich und ganz praktisch über die SDS-Gruppen bundesweit.

Gerade betritt eine neue linke Generation die Bühne. Es ist dieselbe gesellschaftliche Schicht, die Sanders, Syriza, Occupy unterstützt: junge gut ausgebildete Menschen mit ungewissen Lebensperspektiven. Anders als die Vorgängergeneration rebellischer Studierender, hat meine Generation keine sicheren Jobaussichten. Meine Aufgabe sehe ich darin, diese Generation in die Partei einzubinden – ohne die vielen anderen Lohnabhängigen auf der Strecke zu lassen. Wir dürfen die vielen »Abgehängten« nicht der AfD überlassen. Nur wer es schafft, Mehrheiten zu organisieren, kann eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft angehen. Daran müssen wir uns als Partei und ich mich als Person politisch messen lassen.

Janis Ehling, 30, trat 2009 in DIE LINKE ein, ist seit 2015 Bundesgeschäftsführer des Studierendenverbandes und schreibt seine Masterarbeit in Politikwissenschaften.