Disput

Nicht kalt

Das kleine Blabla

Von Daniel Bartsch

Gefühlte vier Millionen Grad Celsius, der Toast überbäckt auf dem Balkon von allein. Im Radio die Nachrichten, ich höre: »… das kann einen nicht kalt lassen!« Genau, denke ich und verbrenne mir die Zunge am Eistee. Ice, Ice, Baby.

Im Schatten der Sprachbildbaumes lag dieser Ausbund an appellativem Geworte. Immer dann genutzt, wenn eine dramatische Situation ins grelle Licht des Bewusstseins gerückt werden soll, wenn Emotionen geschürt werden sollen – das ist soweit gar nicht schlecht. Im Prinzip.

Die Informationsfluten, denen wir ausgesetzt sind, bewirken, dass wir gurgelnd und kreiselnd darin untergehen. Bedeutsame Ereignisse und Vorgänge dürfen und müssen natürlich annonciert werden á la: »Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!« oder anderen Aufforderungen hinzusehen, anzupacken. Aber wie bei allem macht es die Dosis.

Beispiel: Ein Sommergewitter mit kurzem Hagelschlag knickt drei Sonnenblumen im Schulgarten einer Grundschule. Passiert. Im Lokalteil der Zeitung steht: »Die am Boden liegenden Sonnenblumen – kaputt und welk, das kann keinen Menschen kalt lassen.« Mhhhhh, äähhhh, erstens: doch! Und zweitens: Das ist Müll – in diesem Fall ausgedacht, aber nicht sehr weit entfernt von der häufig gelesenen Realität. Wahlweise emotional in Wallung geraten sollen auch: Demokraten, Bauern, das Gemüt, der Finanzmarkt oder die Sozialdemokratie. Drittens wird dadurch immer unterstellt, Menschen, Bauern, Sozialdemokraten wären völlig empathielose Gestalten. Für mir bekannte Menschen, Bauern, Sozialdemokraten kann ich das ausschließen. Sie, wie jede und jeder andere vernunftbegabte Zweibeiner, sind in der Lage, selbst zu entscheiden, was sie am Herzen rührt.

Für die tiefsten Emotionen braucht es keine flachen Appelle – sie stellen sich ein, oder nicht. Dort, wo sie sich nicht einstellen, sind Hopfen und Malz eh verloren. Apropos: Jetzt eine schöne Gerstenkaltschale.