Disput

Mehr Schockfotos

Feuilleton

Von Jens Jansen

Wer heute noch raucht, dem wird morgen die Zigarettenschachtel aus der Hand fallen! Der Bundestag beschloss, dass die Tabakverpackungen künftig auf zwei Drittel ihrer Fläche Schockfotos von den entsetzlichen Spätfolgen des Rauchens zeigen müssen: geteerte Lungen, versaute Därme, aufgesägte Brustkörbe … Wer das sieht, wird schwören: »Nie wieder paffen!« Aber weil das alle Jahre zu Silvester geschworen und vergessen wird, wurden die Luftverpester bereits verjagt aus Gaststätten und Verkehrsmitteln, Amtsund Bürohäusern. Sie stehen wimmernd im Freien und verkürzen so den Weg zur Lungenentzündung. Deshalb muss nun Psychoterror her, weil ein Drittel der Mitbürger das Saugen am Mundstück als Ersatz für die Mutterbrust nicht aufgeben wollen. Leute: Das ist Baba! Im Ernst: Das Gesetz war überfällig. Die EU hat ihren Mitgliedstaaten bis 20. Mai 2016 ein Ultimatum gesetzt. Die Bundesregierung hat – nach respektvoller Konsultation der Tabaklobby – hinhaltenden Widerstand geleistet. Der Finanzminister riskiert 14 Milliarden Euro Tabaksteuer, aber er gewinnt vielleicht 25 Milliarden Folgekosten des Rauchens aus dem Gesundheitsbereich. Immerhin wird jährlich für etwa 120.000 Bundesbürger die Lulle zum Sargnagel! Das zwingt zum Nachdenken. Was aber viele so nervös macht, dass sie gleich wieder zur Lulle greifen. Doch da lauert dann künftig das Schockfoto! Das soll allen den Rest geben.

Das wird schon seit Jahrzehnten durch die Preispolitik versucht. 20 Zigaretten für 2 D-Mark, das war einmal, als Ludwig Ehrhard, Herbert Wehner oder Helmut Schmidt noch pafften. Heute kosten 19 Stück 5,60 Euro = über 11 D-Mark = 55 Ostmark! Solche Geldbuße hätte die friedliche Revolution im Osten wesentlich beschleunigen können – oder auch verhindern. Der Griff ins Portemonnaie wirkt heilsamer als viele Mahnungen. Bei den 18- bis 25-Jährigen hat sich die Zahl der tollkühnen Anfänger von 63 auf 37 Prozent verringert. Ob nun die Schockfotos den Rest bekehren, bleibt abzuwarten. LINKE und Grüne sind mit dem Gesetz nicht zufrieden. Sie fordern ein vollständiges Werbeverbot für Tabakwaren.

Dennoch bin ich dem Parlament und der Regierung dankbar für diesen weiteren Versuch, Deutschland nicht nur zum stärksten, erfolgreichsten und wehrhaftesten Land Europas zu machen, sondern auch zum gesündesten, klügsten und schönsten. Und wenn das mit den Fotos klappt, dann sollte man diesen Psychotrick auf weitere unerträgliche Missstände ausweiten.

Zum Entsetzen aller Biertrinker wurde bekannt, dass die 14 meistverkauften Biersorten mit dem krebserregenden Unkrautvernichter Glyphosat verseucht sind. Man sollte die goldigen Etiketten der Bierflaschen und -dosen mit grässlich verstümmelten Eingeweiden aus dem Magen- und Blasenbereich abdecken.

Da die Mehrzahl der Deutschen ein schädliches Übergewicht mit sich herumtragen, sollte die Butterverpackung das nackte Hinterteil eines Sumo-Ringers mit drei Zentnern Lebendgewicht abbilden. Das zügelt den Appetit.

Computer dürfen wegen der verheerenden Wirkung der Ausspähung nur noch mit Horrorfotos von Wanzen und Spinnen verkauft werden. Autos als Dreckschleudern kriegen den Aufkleber: »Lasst uns die Inselstaaten ersäufen!« Noch dringlicher wäre – wegen der Millionen Opfer auf allen Kontinenten –, auf den Waffen und Patronentaschen, auf Panzern, Kanonen, Bombern und Drohnen die Schockbilder aus den syrischen Städten zu kleben! Oder von den Flüchtlingen in den Schlauchbooten. Das Fernsehen schafft es nicht, diesen Wahnsinn aus der Welt zu schaffen. Verklebt den Kriegstreibern das Maul!