Disput

Heute: Leute

Das kleine Blabla

Von Daniel Bartsch

Niemand da, Frühstück allein – also nur Kaffee. Das Radio läuft, ein Interview, und ich höre: »… müssen wir diesen Leuten klar machen!« Aha – also heute: Leute. Gestern Menschen, heute Leute. Morgen wieder globalkonkret Menschen, detailverliebt »unsere Menschen« oder sehr schlicht Bürgerinnen und Bürger. Der Leute Wille ist ihr Himmelreich.

»Leute« ist ein schönes Beispiel dafür, wie extrem – in guten wie in schlechten Zeiten – differenziert unsere Sprache ist. Der Inuit in frostig-weißer Umgebung soll ja über 50 verschiedene Worte für Schnee haben, da sind Kombinationen wie Schneemann oder Schnee-cke noch gar nicht mit bei. Im hohen Norden wird man Gründe dafür haben. Wir hingegen differenzieren sprachlich den aufrecht gehenden Zweibeiner aus, und dabei liegt »Leute« irgendwo zwischen Mensch und Pöbel – mit leichter Tendenz zum Pöbel. Schon der große Erich Kästner schrieb: »Die Menschen sind gut, bloß die Leute sind schlecht.«

Was bei »Land und Leute gucken«, beispielsweise, noch harmlos nach der Betrachtung eines Ostfriesenpaares beim Teetrinken mit Wattwürmern oder der Anschauung eines Sauerländers in der Schützenhalle nachts um 3 Uhr klingt, mithin also niedlich nach Folklore …, das bekommt in nachrichtlicher, politisch-zeitgeschichtlicher Umgebung einen deutlich abwertenden Charakter. Zumal ergänzt um »diese«. Da weiß man gleich, mit denen, schlimmer: mit sowas, will man besser nichts zu tun haben. Stichwort: Armlänge. Sonst Handgemenge.

Merke also: »Menschen bei Maischberger« ist gesittet und mit Niveau, »Leute am Maschsee« hat etwas leicht Ranziges und ist eher Nivea. Quatsch – das muss man sich nicht merken! Klassifizieren und kategorisieren von Menschen gehört sich schlicht nicht im politischen Geschäft, siehe Artikel 1 Grundgesetz: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.«