Disput

Der andere Krieg

Der faschistische Überfall auf die Sowjetunion veränderte die Welt

Von Stefan Bollinger

Juni 1941: Vor 22 Monaten hatte Deutschland Polen angegriffen und in einem »Blitzkrieg« besiegt. Ein Bündnis Paris-London-Moskau zugunsten Warschaus kam damals nicht zustande. Der Westen opferte zwar diesmal seinen polnischen Alliierten nicht wie 1938 die CSR auf dem Altar des Appeasements (Beschwichtigungspolitik), um die Deutschen in Richtung Sowjetunion zu lenken. Aber er erfüllte die Bündnispflicht lustlos im »komischen Krieg« und wurde vom »Blitzkrieg« der Wehrmacht überrollt. Nur in London blieb der neue Premier Winston Churchill standhaft: Mit den Nazis musste auf Leben und Tod gekämpft werden.

22. Juni 1941: Während noch sowjetische Güterzüge nach Deutschland rollten, griffen 3,7 Millionen deutsche und verbündete rumänische, ungarische und finnische Soldaten von der Barentssee bis zum Schwarzen Meer überraschend und wortbrüchig an. Obwohl die Sowjetführung den Krieg als unvermeidlich ansah, wurde sie, vor allem Josef Stalin, von Zeitpunkt und Wucht des Angriffs überrascht. Hitler hatte trotz aller Beschwichtigungen einen Krieg losgetreten, den Stalin erst 1942, 1943 erwartete. Von einem »Präventivkrieg«, wie Hitler ihn unterstellte und der bis heute bar jeden Belegs durch Medien geistert, konnte keine Rede sein. Die Rote Armee kämpfte, bedingt durch falsche politische und militärische Entscheidungen am Vorabend des Kriegsbeginns, in Unterzahl, war in Umrüstung und hatte vor allem die Stalin‘schen Säuberungen der 30er Jahre noch nicht verkraftet.

Die Folgen waren katastrophal: verlorene Grenzschlachten, Erfolge der mobilen Strategie der Deutschen, Kesselschlachten, Rückzug bis vor die Tore Leningrads und Moskaus. Die Rote Armee verlor 5,7 Millionen Kriegsgefangene, über 3,3 Millionen kamen in deutschem Gewahrsam um. Die Wehrmacht spielte ihre Kriegserfahrungen aus und führte Europas Ressourcen ins Feld. Aber sie scheiterte am zähen Widerstand eines Staates, der keineswegs »Koloss auf tönernen Füßen« war, wie Hitler, seine Generale und Geheimdienste glaubten.

Mit der Schlacht vor Moskau trat eine Wende in diesem Krieg ein, die trotz weiterer Siege 1942 die Wehrmacht nicht mehr rückgängig machen konnte. Stalingrad, Kursk, die »Operation Bagration« 1944, schließlich der Sturm auf Berlin besiegelten um einen unermesslichen Preis von 27 Millionen toten Sowjetbürgerinnen und -bürgern das Schicksal des deutschen Faschismus und seiner Verbündeten. Und eröffneten in der Stunde der Befreiung neue Optionen.

Ein Befreiungskrieg

Der Charakter des Krieges wandelte sich mit dem Überfall auf die Sowjetunion grundlegend. Es war nicht mehr der Kampf zwischen imperialistischen Staaten, es wurde ein Kampf zwischen der sich sozialistisch verstehenden Großmacht und der aggressivsten, verbrecherischsten Ausgeburt des Kapitalismus.

Daran ändert auch nichts, dass die Sowjetunion unter Bedingungen einer eigenen repressiven Deformation agierte, in der der Stalin‘sche Terror in Partei, Armee, auch Bevölkerung über Jahre blutig wirkte. Sozialistische Idee und Patriotismus waren stärker. Die inkonsequenten Versuche der Faschisten, Repressionen und nationale Konflikte auszunutzen, scheiterten am eigenen »Herrenmenschentum« ebenso wie am Widerstandswillen der meisten Sowjetbürger/innen, egal welcher Nationalität. Sie schafften es unter Führung der KPdSU – auch Stalins – mit Opfermut und Leidensfähigkeit, die Kraft und die Ressourcen für den Sieg zu entwickeln.

Der deutsche Faschismus führte vom ersten Tag an einen Vernichtungskrieg gegen den Sozialismus, verbunden mit dem Wahn vom »Volk ohne Raum«, das sich nun diesen Raum eroberte und dessen Bewohner, egal ob Juden, Sinti und Roma oder Slawen, ermorden oder versklaven wollte. Leningrad und Moskau waren vorbestimmt, entvölkert und eingeebnet zu werden. Das verhinderten ihre Verteidiger, reguläre Soldaten, Volkswehren, Zivilisten, Partisanen.

Einsatzgruppen der SS mit tätiger Assistenz von Wehrmacht und Polizeitruppen, aber auch willfährigen SowjetbürgerInnen, betrieben ein blutiges Mordgeschäft, dem alle »rassig Minderwertigen«, zig Partei- und Staatsfunktionäre, Politkommissare, Kommunisten zum Opfer fielen. Wochen vor Kriegsbeginn formulierte der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, was in diesem Krieg vom deutschen Soldaten erwartet wurde: die Bereitschaft zu Kriegsverbrechen und zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit. »Der Bolschewismus ist der Todfeind des nationalsozialistischen deutschen Volkes. Dieser zersetzenden Weltanschauung und ihren Trägern gilt Deutschlands Kampf. Dieser Kampf verlangt rücksichtsloses und energisches Durchgreifen gegen bolschewistische Hetzer, Freischärler, Saboteure, Juden und restlose Beseitigung jedes aktiven oder passiven Widerstandes.«

Wohlgemerkt, das Wichtigste war die Ausrottung des Kommunismus, im gleichen Atemzug auch der Juden wie der Slawen. Der akribisch unter Ägide der SS ausgearbeitete und ständig verbesserte »Generalplan Ost« entwickelte detailliert das Konzept einer deutschen Urbarmachung des Landes, bot der hoch interessierten deutschen Wirtschaft Profitchancen und ließ das Herz adliger Sammler neuer Rittergüter höher schlagen.

Dieser Vernichtungskrieg löste nach anfänglicher Verwirrung unbändigen Hass und Kampfeswillen der Sowjetbürgerinnen und -bürger aus. Neben der Armee und ihren Hilfsverbänden, rekrutiert aus der Zivilbevölkerung, erfasste die besetzten Gebiete eine breite Partisanenbewegung, die deutsche Truppen band. Es war brutaler Krieg von beiden Seiten, im Hinterland wie an der Front. Allerdings war klar, wer der Aggressor, wer der Heimatverteidiger war, war klar, wer systematisch mordete und wer mit humanem Anspruch, aber eben als Krieger mit aller Verrohung und allen punktuellen Exzessen diesen Krieg führte. Darüber darf sich nur wundern, wer gerechte Kriege für mildtätige Veranstaltungen hält. Darüber dürfen auch die nicht klagen, die nun lieber die Deutschen als Opfer sehen möchten.

Der Überfall 1941 beendete zugleich die Schockstarre, in die Kommunisten und Sympathisanten seit dem Nichtangriffsvertrag der Sowjetunion mit Hitlerdeutschland und den geheimen Zusatzprotokollen von 1939 gefallen waren. Angesichts der in Moskau ausgegebenen Losung vom zwischenimperialistischen Krieg hatten sie im Kampf ihren Regierungen ablehnend gegenübergestanden, waren sie als Moskaus Handlanger verfolgt. Und das, obwohl der Sondercharakter des Krieges und der Besatzung durch die Faschisten bereits erkennbar war, mit rigorosem Terror gegen Andersdenkende und »feindliche« Rassen.

Nun waren die Fronten wieder klar, wenn die KPD erklärte: »Unsere eigene Sache ist es, die von der Roten Armee siegreich verteidigt wird. Unser Feind steht im eigenen Land: Die faschistischen Landsknechte der Großkapitalisten, der Kriegsgewinnler sind unser Feind! Der gemeinsame Sieg der Roten Armee und der um ihre nationale Freiheit kämpfenden unterdrückten Völker wird auch der Sieg unseres deutschen Volkes sein.« Der Widerstand wurde verstärkt, Thälmanns »Stalin bricht Hitler das Genick« war Wunsch und Hoffnung. Beginnend in Jugoslawien, bald in allen besetzten Ländern, regte sich nun auch militärischer Widerstand. Er reichte nicht zu großen Siegen, zwang aber die Besatzer zu reagieren. Jeder hier gebundene Soldat fehlte an der Front. Diese neue Situation verband spätestens jetzt in vielen Staaten Hitlergegner aller politischen Couleur.

Das faschistische Terrorregime gewann indes weiter an Schärfe und tödlicher Brutalität. Der Kampf im Hinterland kannte nur noch Folter und Tod. Geiselerschießungen sollten Widerstand brechen. Nicht zu vergessen, aber gerne ausgeblendet: Die systematische Deportation und Ermordung der Juden in Europa wurde erst jetzt zur tödlichen Zwangsläufigkeit.

Vereint gegen Hitler

Letzten Endes fällte Hitler mit der »Weisung Barbarossa« das Todesurteil für sich, den Faschismus und viele seiner Landsleute. Dieser Krieg war nicht zu gewinnen, ein Land wie die Sowjetunion, wie Russland ist nicht dauerhaft zu erobern! Das war einfach auszurechnen, so man realistisch blieb und nicht ideologischer Verblendung, Antikommunismus und Rassenwahn, Land- und Profitgier folgte.

Mit dem 22. Juni 1941 endete für die Westmächte die Abstinenz gegenüber dem 1939 noch im Stich gelassenen potenziellen Verbündeten wider Hitler. Nun begriff London, bald auch Washington (spätestens mit dem Angriff auf Pearl Harbour), dass die neue Situation ein neues Bündnis gegen den eigentlichen Feind der Menschheit erzwang: die Antihitlerkoalition. Die Niederwerfung Deutschlands und Japans war das verbindende Ziel gemeinsamen Kampfes. In Jalta beschworen die »großen Drei«, dass »die Einheitlichkeit der Zielsetzung und des Vorgehens, welche den Vereinten Nationen den Sieg in diesem Krieg ermöglicht und gesichert hat, im kommenden Frieden aufrechtzuerhalten und zu stärken [sind]. Wir glauben, dass dies eine heilige Pflicht ist, deren Erfüllung unsere Regierungen ihren eigenen Völkern sowie den Völkern der Welt schulden.« Diese neue Gemeinsamkeit von kapitalistischen und sozialistischen Mächten bot eine Chance, die kurzzeitig auch nach dem Sieg genutzt wurde und sich in antifaschistischen, antimonopolistischen und demokratischen Entscheidungen für Deutschland niederschlug.

Diese Gemeinsamkeiten währten nicht lange, waren zu sehr situations- und personengebunden und wurden angesichts des nun verfügbaren »big stick«, der Atombombe, beerdigt. Aber sie waren eben eine Möglichkeit, die auch heute sowohl hinsichtlich antifaschistischer Bündnisse wie für das Zusammenleben der Staaten beispielhaft ist.