Disput

Der Einmarsch des Hungers

Aus der Rede des russischen Schriftstellers Daniil Granin (97) im Deutschen Bundestag am 27. Januar 2014

Meine Erinnerungen an die Blockade von Leningrad sind zugleich tragisch und grausam. Als der Krieg ausbrach, trat ich, ein frischgebackener Ingenieur, sofort in das Narodnoje opolotschenije, die Volkswehr, ein. (…) Am 17. September gaben wir unsere letzte Kampflinie in Puschkin auf. Die Verteidigung von Leningrad brach zusammen. Die deutschen Truppen hatten die Stadt komplett eingekesselt. Die Blockade kam unerwartet. Sie traf die Stadt unvorbereitet, in Leningrad gab es keine Vorräte, weder Nahrungsmittel noch Brennstoff. Sofort wurden Lebensmittelkarten eingeführt. Bereits im September betrugen die Rationen 500 Gramm Brot für Arbeiter und 300 Gramm für Angestellte. Am 20. November wurden die Rationen katastrophal gekürzt, sie betrugen nur noch 250 Gramm für Arbeiter und 125 Gramm für Angestellte und Kinder. 125 Gramm sind eine hauchdünne Scheibe Brot. Mit Zellulose und anderen Zusätzen …

Die Stadt konnte nicht mehr versorgt werden. Nach und nach brach alles zusammen: Wasser, Kanalisation, Verkehr, auch die Straßenbahn, Licht und Heizung. Die Frontlinie rückte unmittelbar bis an die Stadt heran. (…) Die Deutschen wussten ganz genau, wie es um die Stadt steht und wie sie unter dem furchtbaren Hunger leidet. Sie wussten es durch ihre Aufklärung und von Überläufern. Der Feind hätte einmarschieren können, aber er wusste, dass die Stadt und die Soldaten buchstäblich bis zum letzten Blutstropfen kämpfen werden. (…)

Die Generale vergaßen ihre Soldatenehre und gingen dazu über, die Großstadt Leningrad auszuhungern. Es war die Leningrader Front, wo der Krieg zu einem Krieg gegen die Einwohner einer Stadt wurde, indem man anstelle von Soldaten den Hunger einmarschieren ließ. (…) Der Tod kam leise, mucksmäuschenstill, tagein und tagaus, Monat um Monat alle 900 Tage lang. Wie wollte man dem Hunger entgehen? Er griff sich seine Opfer in den Häusern, auf der Arbeit, in den eigenen vier Wänden der Menschen inmitten von Töpfen, Pfannen und Möbelstücken. Unvorstellbares diente als Nahrung. Man kratzte den Leim von den Tapeten und kochte Ledergürtel. Die Chemiker in den Instituten destillierten Firnis. Man aß Katzen und Hunde. Und dann kam der Kannibalismus. (…)

Als das Eis auf dem Ladogasee fest genug war, errichtete man die »Straße des Lebens« zu dem anderen, nicht besetzten Ufer, der so genannten Bolschaja semlja. Der Verkehr kam in Gang, die Evakuierung begann, es kamen Lebensmittel, man brachte Frauen, Kinder und Verwundete aus der Stadt. Die Deutschen beschossen die Straße gnadenlos. Die Geschosse brachen das Eis auf. Fahrzeuge und Menschen gingen unter. (…) Die Menschen versuchten, einander zu helfen. Es kam vor, dass jemand auf der Straße stehenblieb, sich an eine Wand lehnte und zusammenbrach. Und manchmal fand sich ein anderer Passant, der ihm aufhalf und ihn zur nächsten Stelle brachte, wo es heißes Wasser gab. (…)

Nach dem Krieg stellte sich die Blockade von Leningrad für das ganze Land als eines der schlimmsten Kapitel in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs gegen die Deutschen dar. Schmählich für Deutschland und heldenhaft für Russland. Und letzten Endes gar nicht so sehr heldenhaft als vielmehr erstaunlich in seiner spirituellen Kraft.

Infolge der verbrecherischen deutschen Blockade von Leningrad verloren schätzungsweise 1,1 Millionen Zivilisten ihr Leben.