Disput

Street-Art-Künstler Banksy in München

Kolumne

Von Nicole Gohlke

Seit April ist in München die erste umfangreiche Ausstellung mit Werken des Street-Art-Künstlers Banksy zu sehen. In mir hat diese Ausstellung gemischte Gefühle hervorgerufen – in jedem Fall erzählt uns die Ausstellung aber viel darüber, welche vielschichtigen und widersprüchlichen Beziehungen Kunst und Kapitalismus miteinander eingehen.

Beginnen wir mit dem Positiven. Banksy hat mit seinen Arbeiten die Kunstgeschichte verändert. Seine Arbeiten – meist mit Schablonen gesprayte Bilder auf Häuserwänden – faszinieren und politisieren. Sie sind witzig, hintergründig, provozierend, mitunter sind sie bewusst verstörend. Da die Bilder auf vielschichtige Weise mit ihrer Umgebung verschmelzen, sind sie nie losgelöst zu betrachten, sondern in den öffentlichen Raum intervenierende Statements und vergrößerte Ausschnitte der Realität. Sie holen das Verdrängte in unsere Wirklichkeit zurück und thematisieren offensiv Themen wie Armut, Krieg, Umweltzerstörung, Entfremdung und Unterdrückung: eine Friedenstaube mit Schutzweste im Fadenkreuz eines Gewehres; ein Mädchen, das eine Leibesvisitation bei einem entwaffneten Soldaten vornimmt; zwei knutschende männliche Polizisten; ein Molotow-Cocktail werfender Teddybär oder ein vermeintliches Loch in der acht Meter hohen Mauer rund um die palästinensischen Gebiete, in dem die Tristesse durch einen traumhaften Südseestrand gebrochen wird – seine Bilder sind durchdrungen von einer Stimme für Menschlichkeit und Parteinahme für die Unterdrückten. Und ganz häufig artikuliert sich in ihnen eine besondere Spannung zwischen Resignation und Hoffnung – ein Gefühl, das vielen Linken sehr vertraut ist.

Die kreative und politische Hintergründigkeit seiner Werke hat Banksy bekannt gemacht. Ihr überraschendes Erscheinen und die bis heute gewahrte Anonymität des Künstlers haben ihn zum Mythos stilisiert.

Doch die Regeln der kapitalistischen Warenproduktion haben seine kostenfrei angebotene Kunst im öffentlichen Raum letztlich zur rentablen Ware geformt. Die Münchner Ausstellung befindet sich ganz in der Nähe der Luxus-Shoppingmeile auf der Maximilianstraße, ein Ort, der weder für Street Art noch für politischen Protest bekannt ist; auf der Eröffnung der Ausstellung tummelte sich die Schickeria.

Banksys bekanntes Bild des Mädchens, das in die Luft nach einem herzförmigen Luftballon greift, ziert mittlerweile den Oberarm von Justin Bieber, und bei einer Auktion soll Coldplay-Frontmann Chris Martin die Schauspieler Bette Midler und Kevin Bacon überboten haben, um an ein Exemplar dieses Ballon-Mädchens zu kommen – »echte Banksys« sind begehrte Sammelobjekte des etablierten Kunstmarkts.

Wurde Street-Art früher von konservativen Ordnungsfanatikern entfernt, wird sie heute mitunter an der Fassade großstädtischer Hotels beauftragt.

Was zunächst subversiv intervenierte, wurde anerkannt und wird nun kapitalistisch vereinnahmt. In diesem Sinn wertet »ein Banksy an der Wand« Grundstücke und Stadtviertel sogar noch auf.

Es ist wohl ein Widerspruch, der sich nicht auflösen lässt. Auch Künstler/innen müssen essen und irgendwo schlafen. Im Kapitalismus werden ihre Werke zur Ware. Schon immer haben die Herrschenden entschieden, was »hohe« Kunst ist, und diese besonders gefördert und viele andere verdrängt. Schließlich ist Kunst symbolisches Kapital und kann als solche den eigenen Geltungsanspruch unterstreichen. Pierre Bourdieu sprach deshalb davon, dass sich Künstler/innen entweder »total« oder »zynisch« unter die Nachfrage des Marktes unterordnen müssen.

Man muss Banksy hoch anrechnen, dass er trotz seiner Popularität »nur zur zynischen Sorte« gehört und sich in Form und Inhalt immer noch einen Rest an Subversivität bewahrt hat. Und es ist auch nicht seine Schuld, dass seine Werke von einer High-Society-Elite vereinnahmt werden, die mit den linken Inhalten sehr wenig zu tun hat.

Wer allerdings intervenierende Straßenkunst sehen möchte, muss dafür nicht ins Museum oder in eine Ausstellung auf der Maximilianstraße gehen. Es reicht manchmal ein Blick an die eigene Hauswand oder im Stadtviertel.

In der Londoner Clipstone Street, nahe der U-Bahn-Station Regent’s Park, befindet sich ebenfalls ein Banksy. Eine Ratte verkündet die Botschaft: »Wenn Graffiti etwas ändern würden, wären sie illegal.« Sie könnte Recht haben. Die Ausstellung kann ich trotzdem empfehlen.

Nicole Gohlke ist hochschul- und wissenschaftspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion.