Disput

Kante, Ton, Verantwortung

Was LINKE-Delegierte vor dem Parteitag bewegt

580 Delegierte – entsandt aus den Landesverbänden, den bundesweiten Zusammenschlüssen, vom Jugend- und vom Studierendenverband – machen sich in wenigen Tagen auf den Weg zum Bundesparteitag in Magdeburg. Was zu ihrem politischen »Gepäck« gehört, wollte DISPUT von sechs Delegierten wissen.

1. Wo bist du zu Hause, was machst du beruflich bzw. politisch?
2. Was ist dir beim Parteitag wichtig, was erwartest du von »Magdeburg«?

Fatma Karacakurtoglu (Nordrhein-Westfalen)

1.: Das Ruhrgebiet ist mein Zuhause, ich bin gebürtige Duisburgerin und vor vier Jahren nach Dortmund gezogen. Ich bin stellvertretende Vorsitzende der LINKEN im Regionalverband Ruhr und Ratsfrau in Dortmund. Mich interessieren besonders die sozialen und ökonomischen Belange. Im Wirtschaftsausschuss ist die Beschäftigungspolitik mein Steckenpferd, während ich mich im Sozialausschuss mit den sozialen Belangen der Bürger/innen in der Kommune beschäftige. Im Trägerausschuss des Jobcenters in Dortmund versuche ich, LINKE Aspekte in die Strukturen einzubringen.

Ich bin Diplom-Sozialwissenschaftlerin und arbeite als Weiterbildungs- und Anerkennungsberaterin beim VMDO, einem Dachverband von mehr als 40 MigrantInnenselbstorganisationen.

Der Verein Train of Hope Dortmund, dessen Vorsitzende ich bin, hieß Flüchtlinge willkommen und versorgte sie dank vieler Spenden mit Kleidung, Getränken und Nahrung. Vermehrt bieten wir Möglichkeiten zur Förderung der Integration mit Flüchtlingen und für Flüchtlinge an.

2.: Ich erhoffe mir, eine gemeinsame Strategie gegen den wachsenden Rechtsruck zu bilden und die Flüchtlingspolitik als ein Markenzeichen der LINKEN nach vorne zu bringen. Wir brauchen neue Konzepte für das solidarische Zusammenhalten statt des Ausspielens der sogenannten Armen gegen andere Arme, und wir müssen uns auf unsere Grundwerte der Solidarität besinnen.

Horst Krumpen (Mecklenburg-Vorpommern)

1.: Nach vielen Umwegen über sechs andere Bundesländer (geboren in Nordrhein-Westfalen) bin ich nun im schönen Mecklenburg-Vorpommern zu Hause, genauer: in Wismar, einer besuchenswerten alten Hansestadt mit Hafen und Werft, mit Backsteingotik und einem großen historischen Marktplatz, auf den ich fast den ganzen Tag schauen kann, weil ich direkt an diesem Platz einen kleinen Laden mit Souvenirs, Lotto, Tabak etc. betreibe.

Politisch habe ich seit dem Jahr 2010 meine Heimat in der LINKEN, nachdem ich vorher auf fast allen Ebenen der FDP tätig war: als Generalsekretär in Bayern und Mitglied im Bundesvorstand sowie Landesgeschäftsführer. Irgendwann machte es Klick und meine sozialen Bedenken schlugen in Gewissheit um, und nun, nach »Bewährung« in Stadt- und Kreisvorstand, darf ich seit einem Jahr als Kreisvorsitzender in Nordwestmecklenburg die Arbeit vor Ort mitgestalten. Am 4. September kämpfe ich bei der Landtagswahl mit dem Slogan »Unbequem – Klar – Direkt« um das Direktmandat in Wismar.

2.: Von Magdeburg erwarte ich klare, »kantige« und für die Bundesregierung unbequeme Beschlüsse. Und eine öffentliche Berichterstattung, die deutlich macht, wer die echte Alternative in diesem Land ist, um soziale Fragen zu beantworten, und wer diese Regierung wie beim Mindestlohn zum Jagen trägt. Die Beantwortung der sozialen Fragen der Zukunft in Sachen Rente und soziale Sicherung sollte eine wichtige Rolle spielen. Weiterhin wünsche ich mir ein klares Bekenntnis gegen Rechtsextremismus und eine sachliche inhaltliche Auseinandersetzung mit den Rechtspopulisten, die sich als Wölfe im Schafspelz langsam an die Herde heranpirschen ... um sie am Ende zur Strecke zu bringen.

Ach ja, ein Verzicht auf Flügelkämpfe wäre schön.

Claudia Moosmann (Baden-Württemberg)

1.: Ich wohne in Leinfelden-Echterdingen, einer Stadt mit ca. 38.000 Einwohnern. Dort bin ich Stadträtin, meine Schwerpunkte sind soziale Gerechtigkeit und das Thema Lärm (Flug-, Verkehrs-, Bahn-, Gewerbelärm). Meine politischen Aufgaben: Ich bin stellvertretende Vorsitzende der LINKEN, Ortsgruppe Filder, und Mitglied im Kreisvorstand Esslingen. Seit 30 Jahren bin ich in Leinfelden-Echterdingen über Vereine bekannt, bin als Vorsitzende oder im Vorstand aktiv, wie bei Frauen helfen Frauen Filder, Lebenswertes Leinfelden-Echterdingen, Schutzgemeinschaft Filder und bei Stuttgart 21.

Beruflich bin ich »Frührentnerin« und arbeite in einem Minijob (450-Euro-Basis), weil die Rente nicht reicht.

2.: Am Bundesparteitag ist mir wichtig, dass DIE LINKE den Leitantrag um einen Punkt erweitert, der mir am Herzen liegt: Wir brauchen ein Friedensvertrag mit den USA. Leinfelden-Echterdingen ist die Standortgemeinde des Flughafens Stuttgart, Eucom (Europäisches Kommando der Vereinigten Staaten) und Africom (Afrikanisches Kommando der Vereinigten Staaten) sind nur wenige Kilometer entfernt stationiert, und der Stuttgarter Flughafen ist der einzige deutsche Verkehrsflughafen, an dem die US-Streitkräfte direkt starten. Im Planfeststellungsverfahren des Flughafens wurde von der Bürgerinitiative ein Nachtstartverbot erreicht. Darauf sind wir stolz, und es ist meine Aufgabe in der Fluglärmkommission, dieses Verbot auch zu verteidigen. Leider halten sich die USA nicht an die Auflagen des Planfeststellungsverfahrens. Mit Africom haben die Flugbewegungen deutlich zugenommen. Es gab Anfragen der Amerikaner für ein vereinfachtes Landemanöver in der Nacht – eventuell für anfliegende Drohnen (Start in Ramstein, Landung und Auswertung in Stuttgart). Die Bürger haben Angst vor dieser Konzentration der Amerikaner in dem dichtbesiedelten Raum.

Ringo Jünigk (Brandenburg)

1.: Ich komme aus der Braunkohleregion, heute Lausitzer Seenland. Nach meinem Zivildienst verließ ich die Niederlausitz und lernte Bankkaufmann bei der WestLB in Münster, danach absolvierte ich ein Studium zum Werbetexter an der Texterschmiede Hamburg und studierte Gesellschaft- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste Berlin.

Heute arbeite ich als Leiter der Stabsstelle Unternehmenskommunikation bei der Klinikum Campus GmbH am FamilienCampus Lausitz – einer hundertprozentigen Tochter der kommunalen Klinikum Niederlausitz GmbH.

Im Kreisverband Oberspreewald-Lausitz bin ich Chefredakteur des »ROTkehlchen«, der auflagenstärksten Brandenburger Kreiszeitung, und stellvertretender Kreisvorsitzender. In meinem Wohnort bin ich als Gemeindevertreter und Mitglied im Sozialausschuss und im Finanzausschuss aktiv. Unsere Flüchtlingsinitiative »ZusammenLeben« habe ich gegründet. Zudem bin ich Mitglied im Sprecher/innenrat der BAG Grundeinkommen und Landessprecher der LAG Grundeinkommen Brandenburg.

2.: Auch wenn intern die Ost-LINKEN eher dem Reformer-Lager zugeschrieben werden, bin ich wohl eher ein Fundi. Ich hoffe, dass der Ton gegen den Kapitalismus und seine Ursachen und Auswirkungen verschärft wird und wir den eingeschlagenen Weg zur SPD-light nicht weitergehen. Zudem erwarte ich, dass dem Antrag des Landesvorstandes Sachsen zu einem Mitgliederentscheid zum Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) zugestimmt wird. Die Zeit ist reif für eine linke Idee, deren Zeit schon längst gekommen ist!

Lena Edel (Rheinland-Pfalz)

1.: Ich bin 19 Jahre alt und komme aus Kaiserslautern. Ich studiere Mathematik mit dem Nebenfach Wirtschaftswissenschaften an der Technischen Universität in Kaiserslautern.

Politisch aktiv bin ich als Mitglied des Landessprecher/innenrates Rheinland-Pfalz der linksjugend [‘solid]. Zur Landtagswahl am 13. März 2016 war ich Direktkandidatin für DIE LINKE im Wahlkreis 43, Kaiserslautern I.

2.: Auf den Bundesparteitag bin ich sehr gespannt. Ich freue mich auf konstruktive Diskussionen und darauf, neue Leute kennenzulernen und mich weiter zu vernetzen.

Rainer Kräuter (Thüringen)

1.: Ich bin gebürtiger Thüringer und lebe seit 2006 in Königsee-Rottenbach. Seit September 2014 sitze ich als Abgeordneter der LINKEN im Thüringer Landtag. Zuvor habe ich 30 Jahre lang den Beruf eines Polizeibeamten ausgeübt. Im Landtag bin ich Mitglied im Ausschuss für Inneres und Kommunales, Obmann meiner Fraktion im Untersuchungsausschuss »Aktenlager Immelborn« und stellvertretendes Mitglied des Beirats beim Landesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit. Zudem habe ich die Aufgabe als gewerkschaftspolitischer Sprecher meiner Fraktion übernommen. Daher arbeite ich eng mit den Gewerkschaften, den Beamtenorganisationen und deren Dachverbänden zusammen.

2.: Als Gewerkschafter bin ich überzeugt, dass wir LINKE eine besonders hohe Verantwortung für die Beteiligung der Beschäftigten und ihrer Organisationen an politischen Entscheidungen und grundsätzlichen Debatten haben. Leider kommt eine große Zahl von AfD-Wählerinnen und -Wählern aus den Reihen der Gewerkschaften. Deshalb muss eine Enttarnung der Gewerkschaftsfeindlichkeit dieser Partei eines unserer Anliegen sein. Linke Politik, linke Kante zeigen, dazu bedarf es einer entsprechenden strategischen Ausrichtung unserer Partei. Hierbei müssen wir in Magdeburg einen entscheidenden Schritt vorankommen.

Umfrage: Stefan Richter