Disput

Verschaukelt

Feuilleton

Von Jens Jansen

Manche Mitbürger/innen mittleren Alters bekamen eine Gänsehaut, als sie lasen, was Dokumentaristen des WDR herausgefunden haben: Fast jede/r Zweite könnte 2030 auf eine derart kümmerliche Rente kommen, dass sie und er von Altersarmut bedroht wären. Das sind nicht nur jene vier Millionen, die von Hartz IV leben müssen. Das sind doppelt so viele, die weniger als 952 Euro pro Monat haben und damit an der Armutsschwelle ihre »Würde« zu Grabe tragen. Das sind jene Menschen in Ostdeutschland, die mit 20 Prozent weniger Lohn oder Rente den Wettlauf mit den Mieten, Preisen und Gebühren aushalten müssen, und Abermillionen in den Problemzonen westlich der Elbe, die auch nichts zu lachen haben.

Aus Frust wird Wut, wenn man liest, dass 500 Banken mehr als 200.000 »Briefkastenfirmen« gegründet haben, wo die Superreichen ihre Extraprofite vor dem Fiskus verstecken können. Man schätzt, dass 20 Billionen US-Dollar – ein Drittel der Weltwirtschaftsleistung – in solchen dunklen Kanälen versteckt sind. Wenn es eine wirksame Vermögenssteuer gäbe, stände genügend Geld zur Überwindung der Armut bereit. Dann könnte in Deutschland nach 25 Jahren staatlicher Einheit auch die »innere Einheit« vorankommen durch Zügelung der Gier der Großverdiener.

Im Mai 1998 hatten einige Promis der oberen Einkommensschichten den netten Einfall, die marktwirtschaftliche Einheit und Freiheit der Berliner Republik durch ein mächtig-gewaltiges Denkmal der Einheit zu feiern. Im November 2007 erhob der Bundestag diese Idee zum Beschluss. Eine Jury mit 19 Experten rief zum Wettbewerb. 532 Entwürfe aus dem In- und Ausland flatterten auf den Tisch. Nach zweifacher Sichtung hieß es: Alles Schrott, zu naiv, zu kleinkariert! Übrig blieb nur die »Einheitswippe«: Vor dem nachgebauten Berliner Schloss, auf jenem Sockel, wo einst Kaiser Wilhelm I. mit Gaul unterm Hintern verewigt war, sollte eine »begehbare Wippe« errichtet werden. Die sollte 55 Meter lang sein als riesige Nussschale mit Geländer, über 25 Stufen von vielen Passanten zu erklimmen. Und sobald die Leute ihr Gewicht mal zu diesem und mal zu jenem Ende bewegen, sollte die Gegenseite drei Meter in die Höhe wippen. Eine Art Spielplatz für große Kinder. Etwa unter dem Motto: Das Volk wird von den Herrschenden immer verschaukelt? Oder als Nachhilfe zu den Hebelgesetzen: Warum wiegen zehn Prozent Multimillionäre in diesem System mehr als jene 90 Prozent, von denen sie gefüttert werden? Das ist doch Satire, und die kann gefährlich sein!

Die wirkliche Tücke des Projektes lag im Detail. Der kaiserliche Baugrund erwies sich als morsch. Dort nisten aber unter Naturschutz stehende Wasserfledermäuse. Der Arbeitsschutz hatte Einwände wegen der Gefahren unter »schwebenden Lasten«. So wurden aus zehn Millionen Euro Baukosten noch vor dem Baubeginn 15 Millionen. Das Geld brauchen aber in Berlin auch der missratene Großflughafen, die Staatsoper, die Kanzler-U-Bahn und der Neubau des Geheimdienstes als »Verzugszinsen« für ihre Vollendung. Kurzum: Der Haushaltsausschuss des Bundestages hat jetzt die Wippe gekippt. Andermal und anderswo kann man ja weiter grübeln: Wie lässt sich die unbewältigte deutsche Einigkeit künstlerisch oder künstlich darstellen? Sicher gibt es nächstes Jahr, sollte die deutsch-nationale AfD in den Bundestag einziehen, neue Vorschläge im alten Geist. Besser wäre aber, man baut die Wippe doch und katapultiert die Häuptlinge der AfD damit auf den Mond! Da hört und sieht sie keiner.