Disput

Ein Jahr davor

Revolution, Mausoleum, Kaviar. Beobachtungen in Moskau

Von Gert Gampe

In Gorki Leninskije, im jetzt vom russischen Kulturministerium, früher von der KPdSU betriebenen Lenin-Museum, entdecke ich unter einer Glasvitrine die russische Ausgabe von Jack Londons »Die Liebe zum Leben«. Lenin, von mehreren Schlaganfällen gezeichnet, ließ sich von Nadeshda Krupskaja, seiner Frau, daraus vorlesen, bevor er am 21. Januar 1924 im Alter von 53 Jahren starb. Auf vierzig Druckseiten erzählt der Autor die Geschichte eines Überlebenskampfes in der Wildnis, eines Mannes mit einem Gewehr ohne Patronen und 67 Streichhölzern. Er vertreibt einen Bären, einen kranken Wolf wird er nicht los, und legt über 2.000 Kilometer an einem Fluss zurück. Und im Text steht dann: »Als Einzelwesen kämpfte er überhaupt nicht mehr. Es war das Leben selbst in ihm, was ihn vorwärtstrieb.«

Noch in der Nacht des 21. Januar 1924 wurde Lenin präpariert, später einbalsamiert, sein Gehirn wurde auf Stalins Befehl hin einer speziellen Kommission von Neurowissenschaftlern zur Verfügung gestellt. Es galt, die »materielle Basis des unsterblichen Genies« zu untersuchen. Auch Oskar Vogt, der deutsche Gründungsdirektor des Kaiser-Wilhelm-Institutes für Hirnforschung, wurde »eingeflogen«. Vogt vertrat die Theorie der architektonischen Beschaffenheit des Gehirns. Es ging um die sogenannten Pyramidenzellen, ihre Größe und Anzahl. »Die Pyramidenzellen waren bei Lenin bei Weitem stärker entwickelt, die verbindenden Assoziationsfasern zwischen ihnen bei Weitem zahlreicher … unser hirnanatomischer Befund lässt Lenin als einen Assoziationsathleten erkennen.«

Vier Tage wurde Lenins Leichnam im Zentrum Moskaus, im Haus der Gewerkschaften, aufgebahrt. Bei klirrender Kälte zogen über eine Million Menschen an ihm vorbei. Dann wurde er einbalsamiert und in einem schlichten hölzernen Mausoleum auf dem Roten Platz aufgebahrt. 1930 kam der prachtvolle Bau des Architekten Alexej Schtschussew aus Labradorstein und dunkelrotem Granit, so wie wir ihn heute kennen. Zwischen 1953 und 1956 »beherbergte« er auch den nicht gewollten »Untermieter« Stalin. Bekanntlich hatten sich Lenin und Krupskaja gegen Personenkult, gegen die Verwandlung Lenins zu einer Ikone, eine Inszenierung zur Legitimation Stalins für seine eigenen Machtgelüste gewehrt. »Stalin ist zu grob, und dieser Fehler, der in unserer Mitte und im Verkehr zwischen uns Kommunisten erträglich ist, kann in der Funktion des Generalsekretärs nicht geduldet werden. Deshalb schlage ich den Genossen vor, sich zu überlegen, wie man Stalin ablösen könnte«, schrieb Lenin am 4. Januar 1923. Erst nach dem Tod Stalins erschien der Roman »Tauwetter« von Ilja Ehrenburg – eine Auseinandersetzung mit dem Stalinismus, das von Chruschtschow noch im Jahr 1963 verworfen wurde als zu einseitig oder falsch.

Der Rote Platz steht unter Unesco-Weltkulturerbe mit Kreml, Mausoleum und Luxuskaufhaus GUM. Fällt Lenin auch darunter? Wie sieht seine Zukunft aus? Wird sich sein Wunsch und der seiner Frau noch erfüllen, neben seiner Mutter in Sankt Petersburg beerdigt zu werden, wirklich unter die Erde zu kommen? Putin sagte mal, wir werden sehen. Ein hoher Geistlicher in Moskau erklärte, eine »ordentliche Beerdigung« werde es geben, irgendwann. Die Gäste aus der ganzen Welt, die Russen, die am Mausoleum anstehen, bleiben ein konstanter Tourismusfaktor. Der hundertste Jahrestag der Oktoberrevolution im nächsten Jahr wird die Debatte deutlich beleben, jedoch nicht im Sinne einer Entsorgung oder Verdrängung, sondern einer Belebung der Auseinandersetzung mit einem Weltrevolutionär, der in aktuellen Umfragen in Russland deutlich hinter Stalin rangiert. Die Kommunistische Partei Russlands, die als zweitstärkste Partei aus den Duma-Wahl 2016 hervorgegangen ist, wird wie andere linke Organisationen diesen Jahrestag auf vielfältigste Weise begehen. Auch diverse staatliche Organisationen und Museen planen in dieser Richtung.

Ob Lenins Spruch »Lernen, lernen und nochmals lernen« noch in Schulen propagiert wird, ist zweifelhaft. Der spezielle russische Kapitalismus bleibt nicht ohne Spuren, und so bewegt sich die Jugend auch im westlichen Konsumrausch und in Produktverliebtheit. Die Entpolitisierung und Verdrossenheit nimmt zu, wenn zum Beispiel nur 35,2 Prozent zur Wahl gehen in Moskau, in Petersburg gar 32,5 Prozent.

Die größte digitale Gemeinde Europas ist in Russland, und so bestimmen in der Metro die I-Phones das Bild – und nicht mehr die Bücher. Straßen wurden auch in Moskau umbenannt, Geschichtsbücher neu geschrieben, und die Russische Orthodoxe Kirche hat in den vergangenen 28 Jahren nach eigenen Angaben 28.000 Kirchen neu gebaut oder rekonstruiert. Die prächtigen Kirchenbauten sind immer gut besucht, ob Opium im Spiel ist, weiß man nicht. Nicht alle gehen als Gläubige da hinein. An den Wochenenden sind die unzähligen Kneipen voll, Bier rangiert klar vor Wodka. Wir wissen, gefeiert wird bis »zum Grund«.

Beim Bummel durch das prächtige, saubere und nachts angestrahlte Moskau lässt einen die Geschichte dieses großen Landes nicht los. Die Stadt im Krieg nicht zerbombt, bietet alle Facetten an monumentaler und historischer Architektur, breite Straßen, die einmalige Metro, Parkanlagen, Theater und Museen. Nicht zu vergessen die Luxus-Läden, die die aktuelle Weltmode präsentieren. Aber finanzbewusste Russinnen fahren dann doch lieber nach Paris, weil es da günstiger ist. Im gut bewachten Kaufhaus GUM kann der Besucher auch mal Kaviar probieren oder eine der über 500 Wodkasorten. Für mich ein eigenartiger Ort, da meine Jugenderinnerungen immer wieder hochkommen. Ich erinnere mich an ein lautes Kaufhaus voller Gedränge, mit robusten sowjetischen Erzeugnissen und Übersichtlichkeit in den Regalen. Jetzt: fast menschenleer, wenige Touristen, Edelläden mit Personal, welches gelangweilt rumsteht. Vor der Tür tummeln sich Doubles von Lenin, Stalin, Iwan dem Schrecklichen. Für zehn Euro gibt es ein gemeinsames Foto.

Dann lieber zum Gorki-Park mit seiner wunderschönen Lage an der Moskwa, Treffpunkt der Moskauer, die an den Wochenenden nicht auf eine Datscha fahren können oder auf die Wahnsinnsstaus einer 15-Millionen-Metropole verzichten wollen. Dort trifft sich die Szene zu Yoga, Tanz, Schachspiel und Konzerten.

Die Tretjakow-Galerie – Die Moderne – lädt ein und das Museon: ein Skulpturenpark, ein Friedhof der gefallenen Denkmäler. Friedlich, verloren und »verunsichert« stehen unzählige Statuen und Büsten der nicht mehr gewollten Sowjetherrscher zwischen Bäumen und bunten Beeten, staunend über das, was nach ihrer Zeit so geschehen ist. Wie sagt ein aktuelles russisches Sprichwort: In Russland leben nur Optimisten. Denn die Pessimisten sind schon längst ausgewandert.