Disput

Mit Chruschtschow fing es an

Von der Kunst, als politischer Karikaturist jeden Tag eine neue Idee zu entwickeln. Im Gespräch: Klaus Stuttmann

DISPUT veröffentlicht – seit mehr als fünfzehn Jahren – jeden Monat eine Ihrer Karikaturen. Unter den vielen treffenden Zeichnungen fällt die Auswahl nicht leicht. Wie leicht oder schwer fällt Ihnen die Auswahl für ein tagesaktuelles Kari-Thema?

Das ist das eigentlich Schwierige: ein Thema und die richtige Idee dazu zu finden.

Die Zeit hat sich sehr verändert. Es strömen so viele Themen auf einen ein, dass man sie kaum richtig sortieren kann. Vor allem weiß man nicht, was am nächsten Tag noch aktuell ist.

Ich gucke im Internet, welche Themen auf den meisten Portalen kommen, und frage mich, ob diese Themen wirklich noch am nächsten Tag in der Zeitung wichtig sein könnten oder ob sie nur kurzzeitig aufgebauscht werden. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich ein Gespür dafür entwickelt, und meistens liege ich einigermaßen richtig.

Was ist ein Karikaturist? Eine Art Kabarettist, der nicht reden kann oder will – und stattdessen zeichnen kann und will?

Parallelen gibt es, beiden geht es um politische Themen. Kabarettisten haben jedoch ihr Programm, mit dem sie mehr oder weniger jeden Abend durchs Land ziehen und an dem sie nicht sehr viel ändern. Während wir, zumindest die tagespolitischen Karikaturisten, uns jeden Tag was Neues ausdenken müssen.

Sind Karikaturisten per se progressiv?

Das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Ich habe den Anspruch, antiautoritär zu sein. Das heißt, gegen diejenigen, die selbstsicher die Macht haben, und gegen den Mainstream zu zeichnen. Wenn irgendwie alle der Meinung sind, dass die Griechen »faule Griechen« sind, gehört es zu meiner Ehre, dagegen zu argumentieren oder dagegen zu zeichnen.

Ob alle Kollegen das so machen, weiß ich nicht. Die meisten werden ein bisschen links gestrickt sein, aber nicht alle.

Wann ist eine Karikatur eine gute Karikatur?

Sie muss Witz, einen Gag haben. Nur moralisch was abbilden, geht nicht. Ein Zeigefinger geht gar nicht, obwohl er manchmal in die Zeichnung rutscht.

Was war bei Ihnen zuerst da: das Interesse am Zeichnen, am Karikieren? Oder das Interesse an der Politik?

Das am Zeichnen. Schon als Zehnjähriger habe ich so was gemacht. Meine erste politische »Karikatur« entstand, als unsere Familie umzog und ich vorher auf den Tapeten der alten Wohnung malen durfte. Ein wahnsinniges Vergnügen! Und da habe ich eine große Karikatur von Chruschtschow gemacht.

Mit dem legendären Schuh?

Ohne. Nur seinen Kopf. Meine Eltern haben ihn erkannt.

Damals habe ich viel gezeichnet und mir in der Zeitung meiner Eltern – das war die »FAZ« – die politischen Karikaturen sehr genau angeguckt, sie haben mir toll gefallen. Allerdings hatte ich nie die Idee, das als Beruf zu machen. Das kam viel später.

Sie haben Kunstgeschichte studiert. Was war Ihre Spezialstrecke?

Ich habe mich um alles Mögliche gekümmert, später hauptsächlich um Druckgrafik der Französischen Revolution – das hatte schon was mit politischer Karikatur zu tun. Meine Magisterarbeit ging ebenfalls in diese Richtung: Illustrationen von Wilhelm von Kaulbach zu Goethes »Reinecke Fuchs«, und zwar so, dass sie politisch auch von ihm interpretiert worden sind. Das war im Vormärz, und da waren in jedem Bild alle möglichen Bezüge zur aktuellen Situation. Insofern waren es tatsächlich eine Art Karikaturen.

Irgendwann standen Sie vor der Frage, als Kunstwissenschaftler oder als Karikaturist Ihr Brot verdienen zu wollen. Was hat den Ausschlag gegeben?

Das hing mit der Politisierung zusammen. Ich war 1970 nach Westberlin gekommen, wir haben in WG gelebt, und es ging um die Frage, wie es gesellschaftlich weitergeht. Ich landete bei den ADSen, den Aktionsgemeinschaften Demokratischer Sozialisten, und letztendlich bei der SEW (Sozialistische Einheitspartei Westberlins). In diesen Zusammenhängen fing ich an, Flugblätter zu illustrieren und für »Die Wahrheit«, das SEW-Blatt, zu zeichnen. Ich merkte schnell, dass das mein Ding ist. Und als ich den Magister hatte, entschied ich mich gegen die Wissenschaft – obwohl mir das sicher Spaß gemacht hätte. Doch die Möglichkeit, selber zu zeichnen und in gewisser Weise mein eigener Herr zu sein, gab den Ausschlag.

Zeichnen Sie heute – vielleicht als Hobby – gelegentlich »normal«, Aquarelle oder Ähnliches?

Ich fotografiere gern, als ein gewisser Ausgleich, und ich mache ab und zu Radierungen. Für mehr fehlt die Zeit.

Seinen Stil – ob schreibend oder zeichnend – erwirbt man nicht von heute auf morgen. Was hat die Entwicklung Ihres Zeichenstils beeinflusst?

Es ist wie bei der Schrift: Sieht man seine alte Schrift, erkennt man sie noch, aber sie sieht inzwischen eben anders aus. Der Strich entwickelt sich. Dafür sorgt einfach das Leben.

Seit 15, 16 Jahren zeichne ich ausschließlich mit einem Digitalstift, auf dem Computer-Zeichentablett. Das vereinfachte vieles und bietet mir bedeutend mehr Möglichkeiten.

Früher habe ich nicht immer einen sicheren Strich gehabt. Ich hatte nicht viel Geld und konnte nie auf Zeichenkarton zeichnen, sondern nur auf Schreibmaschinenpapier. Und die Zeichenfedern blieben im Papier stecken! X-mal hab ich deshalb Federn an die Wand geschmissen. Solche Probleme gibt‘s beim Zeichnen am Computer nicht. Ich zeichne flott. Wenn was falsch ist, wird schnell »radiert«. Das geht auf dem Papier nicht. Da kannst du vielleicht einmal radieren, aber beim zweiten Mal fängt alles an, grau zu werden, und du musst mit Deckweiß rüber, das wird dann alles Krampf.

Bei mir ist entscheidend gewesen, dass ich lockerer geworden bin und besser im Hinblick auf Details. Früher besaß ich Aktenordner mit Bildern aus Zeitschriften, wo ich mich orientieren konnte, wie beispielsweise ein Traktor aussieht oder ein Skilift. Das hab ich nicht im Kopf. Doch wenn man so was falsch macht, kriegt man sofort »Prügel« von Lesern: So, wie du den Traktor gezeichnet hast, kann der gar nicht fahren … Sich solche Sachen vorher genau anzugucken, geht heutzutage viel besser. In Nullkommanix findet man das im Internet und kann es sofort zeichnen.

Sie arbeiten an Ihrem Schreibtisch zu Hause, Kilometer entfernt von der nächsten Zeitungsredaktion …

Früher habe die Zeichnung noch mit dem Fahrrad in die Redaktion gebracht, heute erkundige ich mich beispielsweise vor einer Reise genau, wie am Ziel das WLAN funktioniert, damit ich jeden Tag pünktlich liefern kann.

Lange Zeit hatte jede Zeitung ihren eigenen Karikaturisten. Der saß in der Redaktion, damit er aktuell auf Ereignisse reagieren konnte. Mit der der Einführung der Fax-Geräte konnte man das von zu Hause schicken. Mit dem Internet änderte sich alles, nun ist selbst die Farbe gut zu übermitteln. Seitdem gibt es keinen einzigen Karikaturisten mehr, der in einer Redaktion sitzt. Dadurch hat sich allerdings die Zahl der Karikaturisten verringert. Jetzt beliefern weniger Karikaturisten mehr Zeitungen. Die Vielfalt ist nicht mehr so groß. Diese Schnelligkeit hat auch Nachteile.

Wie viele tagespolitische Karikaturisten gibt es in Deutschland?

Maximal 20, die davon leben können.

Wie allein ist ein Karikaturist, der von seinem Büro aus die Weltlage kommentieren will?

Das ist verschieden und hängt auch mit der familiären Situation zusammen. Wenn man allein ist, fehlt schon das Reden darüber, der Austausch.

Manche Kollegen beginnen mit ihrer Tagesarbeit früher als ich. Sie gucken sich die Situation und die Themen an und machen zwei, drei Vorschläge, von denen sich die Redaktion einen aussucht. Dieser Kontakt hat einen Vorteil – er hat aber auch einen Nachteil: Die Redaktion entscheidet sich vielleicht für den Vorschlag, den man selber am wenigsten mag, und trotzdem muss man ihn dann umsetzen.

Bei mir ist das nicht so. Ich bin völlig frei. Ich habe einen Vertrag mit dem »Tagesspiegel«, der keine konkreten Themen bestellt. Anderen Zeitungen schicke ich Zeichnungen zu, und sie wählen sich was aus. Ganz selten ruft jemand an und sagt, das geht gar nicht. Entweder habe ich dann eine Reserve, oder wir tauschen die Sprechblase aus. Das ist sehr selten der Fall.

Wann?

Bei gewissen Themen (Religion, Israel …) muss man darauf gefasst sein, dass die Redaktion oder der Chefredakteur das ein bisschen anders sieht. Ich habe schon eine ziemliche Freiheit, wobei ich weiß, wo etwa die Grenzen sind. Die Meinungsfreiheit ist ja nicht völlig unbegrenzt.

Wer denkt im Gespräch mit einem Karikaturisten nicht an das Attentat 2015 in Paris oder an Morddrohungen und den Anschlag auf den dänischen Kollegen Kurt Westergaard. Wie weit weg ist das für Sie?

Man hat das im Hinterkopf. Man weiß, wenn man sich solchen Themen nähert, muss man gewisse Vorsicht walten lassen. Ich musste mal eine Woche verschwinden, abtauchen.

Warum?

Das war 2006 und ein Missverständnis. Sie dachten, ich hätte was Antiislamisches gezeichnet. Dabei ging es um deutsche Innenpolitik: Ich wollte die Idee von Innenminister Schäuble kritisieren, während der Fußball-WM die Bundeswehr einzusetzen. Und es war reiner Zufall, dass ich der deutschen Mannschaft die iranische Elf (als Selbstmordattentäter) gegenüberstellte. Irgendjemand stellte die Zeichnung ins Internet, und ich wurde rund um die Welt aufgefordert, mich zu entschuldigen, weil ich angeblich den Islam beleidigt hätte. Irgendwann wurde die deutsche Botschaft in Teheran mit Feuer beworfen.

Das prägt schon. Man weiß, man kann nicht naiv alles zeichnen. Und heutzutage sowieso nicht, weil es schnell rund um die Welt verbreitet wird.

Als es diese modernen Übertragungsmöglichkeiten noch nicht gab, konnte man die Zeichnungen gezielter auf sein Publikum ausrichten. Man wusste, wie der Witz gestrickt sein kann und wie weit man gehen kann. Heutzutage muss man im Hinterkopf haben, dass das woanders landen kann, wo es nicht verstanden wird.

Eigentlich sollte man sich nicht davon beeinflussen lassen. Aber es schwingt doch irgendwie mit.

Wie wichtig sind Ihnen Reaktionen auf Ihre Zeichnungen?

Seltener wird mitgeteilt, wenn jemandem etwas gefällt. Umgekehrt ist das anders.

Als ich noch ein Gästebuch auf meiner Webseite hatte und – ganz besonders – als ich vor drei, vier Jahren auf Facebook gegangen bin, wurde viel kommentiert. Da kamen jeden Tag 50 Kommentare, und die musste ich alle, nicht zuletzt aus juristischen Gründen, lesen. Oft hatten die gar nichts mehr mit der Zeichnung zu tun, das waren Thesen und Antworten darauf, nicht selten unappetitlich, so dass ich mit meiner neuen Webseite das Gästebuch geschlossen habe und ich auch nichts mehr auf Facebook hochlade.

Wenn jemand was sachlich kritisieren will, gern. Ansonsten brauche ich Anfeindungen nicht, solche Sachen perlen nicht einfach an mir ab.

Verfolgen Sie die Nachrichten rund um die Uhr oder nur kurz und konzentriert vor dem eigentlichen Tagwerk?

Wenn ich aufstehe, gucke ich erstmal im Internet, was passiert ist seit dem letzten Blick in der Nacht. Insofern gucke ich rund um die Uhr. Vormittags, mittags suche ich mir dann ein Thema und arbeite, halb fünf habe ich Redaktionsschluss. Anschließend gucke ich wieder im Netz, ob sich was verändert hat und ich vielleicht völlig hinterher bin.

Wenn ich mir Gedanken mache, wenn ich eine Idee suche, wenn ich zeichne, muss Stille sein. Da höre ich auch keine Musik.

Beschweren sich manchmal Politiker (oder deren Pressesprecher)?

Nein, nie. Jeder Politiker weiß, das würde nur nach hinten losgehen. Wenn jemand zeigt, dass er dünnhäutig oder beleidigt ist, kriegt er nur noch zusätzlich eins drauf.

Sie zeichnen bestimmte Politikerinnen und Politiker besonders häufig: Merkel, Gabriel, Seehofer, Putin, Erdogan, neuerdings Trump. Wie nähern Sie sich zeichnerisch einem neuen »Subjekt«?

Meistens ist der Neue ja nicht so neu. Merkel gab’s schon, bevor sie Kanzlerin wurde, und ich hatte sie bereits öfters gezeichnet. Insofern nähert man sich an.

Wenn ich jemanden zum ersten Mal zeichne, gucke ich mir an, was ich entscheidend finde: Gesicht, Nase, Augen, Augenbrauen … Und ich probiere. Am Anfang guckt man genauer, dass es ähnlich ist und die Leute denjenigen erkennen. Mit den Jahren entwickelt sich das, wird einfacher, weil die Leute es immer schneller erkennen. Die Zeichnung muss dann nicht mehr unbedingt ganz ähnlich sein. Nach einer Weile führt sie, wie meine Merkel, ein Eigenleben. Manchmal heißt es: Frau Merkel sieht dem Stuttmann seiner Merkel immer ähnlicher. Das kriegt eine Zwiesprache, aber erst nach einer Weile.

Wen zeichnen Sie am liebsten, bei wem tun Sie sich schwerer?

Mein Lieblingsmodell ist Merkel. Zu Schröders Zeiten hießen meine Lieblingsmodelle Schröder und Fischer, und Kohl war auch lange Jahre mein Lieblingsmodell – wen man eben häufig zeichnet.

Nicht gerne zeichne ich Seehofer. Der hat keine Konturen im Gesicht. Was Konturloses zu zeichnen, ist für Strichzeichner schwer. Außerdem hat Seehofer weiße Haare – wenn man sie als Strich macht, wirken sie dunkler.

Verstehen Sie sich mehr als Künstler oder mehr als zeichnender Journalist?

Eher als Journalist, wobei es eine gewisse Kunst ist, jeden Tag eine neue Idee zu entwickeln und zu zeichnen.

Gibt es für Sie eine Lieblingskarikatur?

Nein. Ich mache rund 500 Zeichnungen im Jahr.

Und das wird Ihnen nicht über?

Bis jetzt nicht. Wobei ich Anfang des Jahres einen Hänger hatte: Ich war mit mir nicht zufrieden, und die Weltsituation fand ich schrecklich. Zwar hat sich mit der Weltsituation nicht viel verändert, doch irgendwie bin ich jetzt wieder besser drin.

Müssen Sie sich gelegentlich gegen den Gebrauch oder gar Missbrauch Ihrer Arbeiten wehren?

Das kommt vor. Als ich bei der »Jungen Freiheit« oder bei der NPD ungefragt abgedruckt worden bin, habe ich versucht, juristisch dagegen vorzugehen.

Meistens werde ich vorher gefragt, ob eine meiner Zeichnungen verwendet werden darf. Wenn linke Gruppen bei Demos eine Zeichnung von mir nehmen – gut, schön.

Haben Linke mehr Humor, als man ihnen nachsagt?

Eine schwierige Frage. Im Laufe der Jahre habe ich die Erfahrung gemacht, dass Konservativ-Bürgerliche oft mehr Humor haben als Linke. Allgemein würde ich mir jedoch kein Urteil erlauben.

Die Linken sind natürlich – das waren wir damals in Westberlin auch – verbissener, weil man oft gar nicht die Souveränität hat: Man kämpft ja gegen irgendwas und will seine Grundsätze durchsetzen, und vielleicht wird man dabei verspottet. Und da die Souveränität zu haben, ist schwierig. Deshalb sind die Linken manchmal ein bisschen verbiestert. Ich war das, wie gesagt, auch. Wenn du auf der Straße Flugblätter verteilen willst und wirst angemacht, ist es schwer, noch über sich selber lachen zu können. Schön wär’s.

Interview: Stefan Richter

Klaus Stuttmann, Jahrgang ’49, aufgewachsen bei Stuttgart, lebt in Berlin, studierte Kunstgeschichte, seit 1990 tagespolitischer Karikaturist für »Tagesspiegel«, »taz«, »Leipziger Volkszeitung«, »Hannoversche Allgemeine« und zahlreiche weitere Zeitungen. Mehrfacher Preisträger.