Disput

Die Bändigung des »Taifun«

Mit dem Sieg in der Schlacht um Moskau fügte die Rote Armee der faschistischen deutschen Wehrmacht die erste strategische Niederlage bei

Von Ronald Friedmann

Die faschistische deutsche Führung hatte klare Vorstellungen von dem Schicksal, das sie den großen sowjetischen Metropolen zugedacht hatte. Am 8. Juli 1941, zwei Wochen nach dem Überfall auf die Sowjetunion, notierte der Stabschef des Heeres, Generaloberst Franz Halder, in seinem Tagebuch: »Feststehender Entschluß des Führers ist es, Moskau und Leningrad dem Erdboden gleichzumachen, um zu verhindern, daß Menschen darin bleiben, die wir dann im Winter ernähren müßten.« Und weiter: »Volkskatastrophe, die nicht nur den Bolschewismus, sondern auch das Moskowitertum der Zentren beraubt.« Folgerichtig erließ Hitler am 12. August 1941 den Befehl, »Moskau als Staats-, Rüstungs- und Verkehrszentrum dem Gegner noch vor Eintritt des Winters« zu entziehen.

Zu diesem Zeitpunkt schien die Lage der sowjetischen Truppen hoffnungslos zu sein. Unter Ausnutzung des Überraschungseffekts war die deutsche Wehrmacht in den vorangegangenen Wochen scheinbar mühelos hunderte Kilometer auf sowjetisches Territorium vorgedrungen und hatte wichtige Städte und Industriegebiete, darunter Kiew und Minsk, erobert. Die Rote Armee erlitt dabei dramatische Verluste an Menschen und Material. Nur unter größten Anstrengungen gelang es ihr Anfang September 1941, die deutschen Truppen vor Leningrad zum Stehen zu bringen. Doch es konnte nicht verhindert werden, dass die Stadt an der Newa vollständig vom Feind eingekreist wurde – die Blockade Leningrads sollte 900 Tage dauern (vgl. dazu DISPUT 8/2011).

Der anhaltende Widerstand der sowjetischen Truppen forderte allerdings auch auf der deutschen Seite seinen Tribut: Die Verluste der Wehrmacht an Gefallenen und Verwundeten übertrafen bereits zwei Monate nach dem Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion die gesamten Verluste an der Westfront in den Jahren 1939 bis 1941. Hinzu kam, dass es den Rückwärtigen Diensten der Wehrmacht nicht gelang, ausreichend Nachschub – Munition, Treibstoff und Verpflegung – an die Front zu schaffen. Obwohl die besetzten sowjetischen Gebiete vom ersten Tag an gnadenlos ausgeplündert wurden, konnte der Bedarf der drei deutschen Heeresgruppen nicht gedeckt werden. Mehr noch: Die deutsche Rüstungsindustrie war bereits jetzt an ihre Grenzen gelangt, die hohen Verluste an Waffen und sonstiger Kriegstechnik konnten schon nicht mehr ausgeglichen werden.

All das verzögerte die Fortsetzung der deutschen Offensive, und erst am 6. September 1941 konnte Hitler den Befehl erteilen, die Vorbereitungen für einen Angriff auf Moskau bis Ende September abzuschließen.

Am 2. Oktober 1941 begann das Unternehmen »Taifun« mit dem Ziel, die sowjetischen Truppen vor Moskau zu zerschlagen und die sowjetische Hauptstadt einzunehmen, die zu diesem Zeitpunkt noch 350 Kilometer entfernt war.

In Moskau war bereits Ende Juli 1941 begonnen worden, großräumige Verteidigungsanlagen zu errichten und die Luftverteidigung auszubauen. Hunderttausende Menschen, zumeist Frauen, hoben Stellungen und Panzergräben aus. In Moskau selbst wurden zwölf Divisionen der Volkswehr als Reserve für die Front aufgestellt. Wichtige Betriebe und Einrichtungen wurden evakuiert. Die sowjetische Regierung jedoch verließ die Hauptstadt nicht. Am 7. November 1941, dem 24. Jahrestag der Oktoberrevolution, fand auf dem Roten Platz die traditionelle Militärparade statt. Die teilnehmenden Truppenteile marschierten sofort an die Front weiter, die nur noch wenige Dutzend Kilometer entfernt war. Denn den Verteidigern Moskaus war es mit immensen Opfern und mit großem Heldenmut zwar gelungen, den deutschen Vormarsch zu bremsen, aber sie konnten ihn nicht dauerhaft aufhalten. Ein deutscher Erkundungstrupp hatte am 2. Dezember 1941 die Ortschaft Chimki erreicht, acht Kilometer vor der Stadtgrenze Moskaus und 24 Kilometer vom Kreml entfernt.

Erst jetzt kam die Wende. Am 5. Dezember begann die sowjetische Gegenoffensive. Die Führung der Roten Armee hatte die vorangegangenen Wochen genutzt, um unter strengster Geheimhaltung eine strategische Reserve aufzubauen. Aus dem Fernen Osten waren kampferprobte und gut ausgerüstete Truppen herangeführt worden, die nun im Rahmen der Moskauer Angriffsoperation zum Einsatz kamen. Bis zum 7. Januar 1942 rückte die Rote Armee auf einer Frontbreite von 1.000 Kilometern rund 250 Kilometer in Richtung Westen vor. Damit war nicht nur das Unternehmen »Taifun« gescheitert, sondern der gesamte Plan »Barbarossa« zur Vernichtung der Sowjetunion. Trotzdem sollte der Krieg noch fast dreieinhalb Jahre dauern und Millionen Menschenleben fordern, ehe am 8. Mai 1945 die rote Fahne über dem Reichstag in Berlin wehte.