Disput

Esther, was ist für dich links?

Esther Bejarano, 91, überlebte das KZ Auschwitz (im »Mädchenorchester«) und das KZ Ravensbrück. Sie steht im Jahr etwa 200 Mal auf der Bühne: sehr oft mit antifaschistischen und Antikriegsliedern – mit der Hip-Hop-Band Microphone Mafia. Esther wurde unter anderem mit dem Clara-Zetkin-Frauenpreis der Partei DIE LINKE geehrt (2012).

Esther, was ist für dich links?
Menschen wie ich. Man kann doch in der heutigen Zeit nur links sein: gegen Krieg, gegen Faschismus in allen seinen Spielarten, für Gerechtigkeit - im Land und in der Welt. Links heißt für mich, dass man für andere da ist.

Was hat dich in letzter Zeit am meisten überrascht?
Mich überrascht alles, mich überrascht diese schreckliche Politik zum Beispiel - obwohl es doch keine Überraschung ist. Ich habe lange schon davor gewarnt.

Worin siehst du deine größte Stärke, deine größte Schwäche?
Meine größte Stärke ist, dass ich immer noch auf der Bühne stehen will und immer noch mache, was ich seit meiner Kindheit mache: Mit der Musik etwas anfangen, etwas tun, was eben jetzt sehr nötig und sehr nützlich ist.

Meine größte Schwäche ist, dass ich immer noch mehr machen möchte, als ich eigentlich kann.

Was war dein erster Berufswunsch?
Mein erster Berufswunsch ist auch mein letzter: Sängerin. Ich wollte immer Sängerin werden, und ich bin es geworden und bin es noch.

Wenn du Parteivorsitzende wärst ...
… würde ich dafür sorgen, dass die Linke nicht so zerstritten ist, sondern zusammen das Nötige tut.

Was regt dich auf?
Dass immer noch Nazis auf der Straße rumlaufen können, dass die Regierung viel zu wenig dagegen tut. Für mich, die das alles erlebt hat, ist das ein Unding.

Wovon träumst du?
Dass wir den Sozialismus haben, dass der Kapitalismus verschwindet.

Wofür gibst du gern Geld aus?
Ich geb‘ wirklich ein bisschen viel Geld aus. Ich beschenke die Leute gern, und ich versuche auch, die Linken in ihrer Arbeit zu unterstützen. Für eine gute Sache geb‘ ich gern Geld aus.

Möchtest du (manchmal) anders sein, als du bist?
Nein. Nein, möchte ich nicht. Ich bin sehr froh, wie mein Leben verläuft.

Vaterland, Mutterland, Deutschland - wie gern lebst du hier?
Ich lebe hier sehr gern, 56 Jahre schon hier in Hamburg. Ich lebe darum gern hier, weil ich etwas bewirken kann.

Müssen Helden und Vorbilder sein?
Ich weiß nicht, ich habe keine Vorbilder. Von mir aus bräuchte es keine Helden geben.

Wann fühlst du dich gut?
Wenn ich auf der Bühne stehe, wenn ich eine Lesung mache und sehe, wie die Menschen, ganz besonders auch junge Menschen, zuhören und aufnehmen, was ich ihnen mitgeben will.

Wen oder was würdest du mit auf eine Insel nehmen?
Das weiß ich wirklich nicht, ein paar Bücher, einen Badeanzug? Die Menschen treffe ich lieber hier im wirklichen Leben.

Welche Rolle spielen Kunst und Kultur in deinem Leben?
Das ist mein Leben!

Mit wem lachst du besonders gern?
Ich lache überhaupt sehr gern. Sehr gern mit Menschen, mit denen ich übereinstimme, die wie ich für eine gerechtere Gesellschaft kämpfen.

Wovor hast du Angst?
Davor, dass sich wiederholt, was damals geschah. Weil ich eine gewisse Parallele sehe zwischen heute und der damaligen Zeit.

Welche Eigenschaften schätzt du an Menschen besonders?
Ich schätze Menschen, die aufrichtig sind, die die Wahrheit sagen, die sagen, was sie denken. Ich habe so wahnsinnig viele tolle Freundinnen und Freunde, das schätze ich sehr.

Wie lautet dein Lebensmotto?
Eigentlich habe ich kein explizites Motto - was mich immer aufrecht gehalten hat, auch in den schrecklichsten Zeiten, ist eine tiefe Liebe zum Leben.