Disput

Wir alle sind Linke

Eine DISPUT-Umfrage unter Mitgliedern mit dem besonderen Namen

Zwei Sätze aus der Satzung unserer Partei: »DIE LINKE strebt die Entwicklung einer solidarischen Gesellschaft an, in der die Freiheit eines jeden Bedingung für die Freiheit aller ist. Die neue LINKE ist plural und offen für jede und jeden, die oder der gleiche Ziele mit demokratischen Mitteln erreichen will.«

Solidarisch, freiheitsliebend, demokratisch, plural und offen … Ende September 2016 zählte DIE LINKE 58.645 Mitglieder. Wer aber sind sie im Einzelnen? Woher kommen sie? Welche Überzeugungen führten sie in DIE LINKE? Was erwarten sie von ihrer Partei? DISPUT fragte nach – bei all jenen, die sich nicht nur als LINKE verstehen, sondern auch so heißen: Linke.

Zehn Linke haben geantwortet, einige (wie erbeten) kurz, andere ausführlicher: Linke, Alexander Karlheinz; Linke, Angelika; Linke, Bernhard; Linke, Gertraud … Allen einen herzlichen Dank!

 

Mitglied einer linken Partei bin ich seit fast 40 Jahren – aus der Überzeugung, dass unsere Partei sich als einzige Partei konsequent einsetzt: für den Erhalt des Friedens, gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr, für alle sozialen Themen in Kultur, Bildung, Wirtschaft und in der gesundheitlichen Versorgung, für die allseitige Förderung von benachteiligten Menschen in unserer Gesellschaft.

Mich haben immer ganz besonders soziale Themen berührt. Als Stadtverordnete und als Leiterin des Bürgerbüros des Bundestagsabgeordneten Norbert Müller nehme ich dabei Einfluss auf das Geschehen in der Stadt. Das Aktuellste ist unser »IntegrationsTreff« im Bürgerbüro. Mittwochs haben Geflüchtete die Gelegenheit, Hilfe beim Schreiben eines Briefes zu erhalten, eine Kopie machen zu lassen, vor allem aber Deutsch zu sprechen – über alles Mögliche.

Für unsere Partei wünsche ich mir noch mehr junge Mitstreiter, die den Mut haben, Verantwortung zu übernehmen, und die auch Gegenwind nicht fürchten, sondern das Parteileben mit ihren Ideen bereichern. Von meiner Partei wünsche ich mir, dass gefasste Beschlüsse konsequent umgesetzt werden, dass man nicht die Bodenhaftung verliert und den Kontakt zur Basis pflegt. Ganz persönlich wünsche ich mir Gesundheit für meine Lieben und für mich.

Angelika Linke, Ludwigsfelde (Brandenburg), 67 Jahre

 

Meine Frau und ich sind unabhängig voneinander 1953 in die Partei eingetreten. Der Anlass dafür war Stalins Tod (so war das damals eben), der eigentliche Grund: Ich habe immer versucht, die Welt zu verbessern – vor allem nach dem schrecklichen Zweiten Weltkrieg. Es gab kaum was zu essen. Wir haben Holz geklaut, damit wir was zum Feuern hatten. Als ich auf die Oberschule gehen wollte, kostete das noch Schulgeld. Mein Vater hatte das Geld nicht. Da habe ich Schlosser gelernt.

Ich habe in der FDJ aktiv mitgemacht, war bei der Kasernierten Volkspolizei, arbeitete im Rat des Bezirkes Karl-Marx-Stadt und bei der Partei auf dem Kulturgebiet, machte ein Kultur-Fernstudium und besuchte die Parteihochschule. Ich gründete im Bezirk Karl-Marx-Stadt die Gesellschaft für Natur und Umwelt mit und war Parteisekretär in einem großen Textilmaschinenbaubetrieb – bis zur Wende. Dann »durfte« ich als Sozial-Verantwortlicher all das verkaufen, privatisieren oder auflösen, wofür ich das gesamte Leben gekämpft habe: die Betriebspoliklinik, -küche, -bibliothek, den Sportplatz mit Turnhalle, den Kindergarten, das Ferienheim, die Ferienbungalowsiedlung. Das Gefühl ist nicht zu beschreiben … Anschließend kaufte der Marktführer West uns Marktführer Ost für eine Mark, und ich wurde, mit 56, in »Kurzarbeit Null« und in den Ruhestand geschickt.

Resigniert habe ich nicht – ich habe weitergemacht in der PDS, weil das, was wir heute erleben, nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Oder anders: Die Enkel fechten’s besser aus.

Meine Frau ist an den Rollstuhl gebunden, ihre Betreuung fordert mich voll, so dass ich in der Partei an nichts mehr teilnehmen kann. Ich sage überall meine Meinung und bezahl die Beiträge, mehr geht leider nicht.

Ich steckte mitten im Leben, das hat mich geprägt. Mir gefällt nicht, dass die Lebensleistung in der DDR nicht zählt, auch nicht in der eigenen Partei. Das geht bei simplen Sachen los: Zum »50.« meiner Parteimitgliedschaft brachte mir mein BO-Sprecher eine Urkunde vorbei, zum »60.« hat sich niemand um so was gekümmert und gesagt: Schönen Dank, dass du so aktiv warst. Mich stört ungemein, dass selbst LINKE, die die DDR nie erlebt haben, sie nur miesepetrig erklären und politische Ereignisse nach dem gegenwärtigen Zeitgeschmack interpretieren.

Ich vermisse eine massenwirksame Politik. Es gibt so viele Themen, mit denen DIE LINKE die Leute mobilisieren könnte: die Arbeitslosigkeit und alles. Das macht jedoch keiner, und deswegen kriechen zu viele den AfD-Leuten auf den Leim.

Ohne meine Partei könnte ich bestimmt ruhiger leben. Aber ich bin ein durch und durch politischer Mensch, ich kann einfach nicht stillhalten.

Bernhard Linke, Rostock (Mecklenburg-Vorpommern), 80

 

Diese Umfrage ist eine sehr schöne Idee, deswegen habe ich mich sehr über den netten Brief gefreut.

Der Familienname stammt von meinem Mann (er ist leider schon vor 30 Jahren gestorben). Seine Familie hieß nicht nur LINKE – sie war es auch dem Herzen nach. Mein Vater war zwar parteilos, aber er las vor der Nazizeit regelmäßig die »Rote Fahne«.

Ich bin zeitlebens ein politisch denkender Mensch. Lange habe ich im Kreiskulturhaus Berlin-Treptow gearbeitet und Musikunterricht für Kinder organisiert. Das war eine schöne Aufgabe. Kultur und Bildung sind sehr wichtig.

Mein Leben ist sehr vom Krieg und vom Kampf gegen Krieg geprägt. Mein Vater musste in den Ersten Weltkrieg, mein Mann in den Zweiten Weltkrieg. Nach 1945 war der Wunsch, etwas Neues, etwas Besseres aufzubauen, sehr stark. Die Hoffnung, dass die Atomwaffen geächtet werden, erfüllte sich nicht. Die Welt ist aus den Fugen geraten und die Situation schwierig. Mein wichtigster Wunsch ist Frieden.

Gertraud Linke, Berlin, 94 und Neuabonnentin des DISPUT

 

Soziale Gerechtigkeit steht für mich an oberster Stelle, da bin ich bei der LINKEN am Besten aufgehoben. Lebensbedürfnisse und Interessen der Menschen müssen in der Politik und Wirtschaft absolut im Vordergrund stehen. Kein Kind soll in Armut oder auf der Flucht leben müssen. Frieden, freie Bildung, internationale Solidarität und ein Sozialsystem von allen für alle.

Der Partei und mir wünsche ich die Kraft, die schwierigen Aufgaben der Zukunft zu bewältigen.

Alexander Karlheinz Linke, Mannheim (Baden-Württemberg), 32

 

Eure Absicht, über die wunderbare Symbiose von Partei- und Familiennamen zu berichten, ist sehr lobenswert. Sie ist wohl einmalig in der Parteiengeschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Wir verhehlen auch nicht, dass uns das ein wenig stolz macht. Deshalb möchten wir uns, im Interesse der nachfolgenden Generationen, mit einem Beitrag beteiligen.

Wir kommen dabei um eine kleine Zahlenspielerei nicht herum. Unser Alter beträgt zusammen 173 Jahre. Der Kardiologe hat festgestellt, dass unsere Herzen in dieser langen Zeit etwa sechs Milliarden Mal geschlagen haben. Wieviel linkes Herzblut dabei geflossen ist, das kann jedoch auch der beste Arzt mit der neuesten Technik nicht diagnostizieren.

Vier Gesellschaftsformationen haben wir kennengelernt. Das Trauma von Krieg und Faschismus, die durchlebten Bombennächte, das Inferno unserer brennenden Heimatstadt Magdeburg haben nicht zur Resignation geführt, sondern zu einem Neuaufbau beflügelt. Die Ärmel hochgekrempelt, und unter der Losung »Freie Deutsche Jugend, bau auf!« haben wir etwas völlig Neues geschaffen.

Vierzig Jahre habe ich in der Uniform unseres Arbeiter- und Bauernstaates gedient. In der Zeit des Kalten Krieges war der Frieden fragil. Aber im sozialistischen Staatenverbund, Schulter an Schulter mit den sowjetischen Waffenbrüdern, gelang es, der Welt den Frieden zu erhalten. Der Dienstweg führte uns an viele Wohnorte, Seite an Seite mit meiner Frau und den Kindern.

123 Jahre sind wir nun schon Mitglied unserer Partei. Sie hat mehrfach ihren Namen geändert. Nie dachten wir an einen Austritt. Denn wie eh und je ist es das Ziel, eine sozialistische Gesellschaft zu errichten. Wenn auch unser linker Ministerpräsident über die DDR und andere historischen Wahrheiten schwadroniert, es tut weh, schadet unserer Partei, hält uns aber nicht von unserem Weg ab. Die DDR war der beste Staat, den es je auf deutschem Boden gegeben hat.

Bald feiern wir unseren »Eisernen Hochzeitstag«. Den Staffelstab übergeben wir an unsere Kinder und Kindeskinder mit der Verpflichtung, alles zu tun für ein Leben ohne Kapitalismus und Ausbeutung, für soziale Gerechtigkeit und Solidarität, gegen Terrorismus, Krieg und Fremdenhass, für Frieden und Sozialismus.

Rosemarie und Hans Linke, Suhl (Thüringen), 86 und 87

  

Wir sind nicht alt – wir werden nur älter. Inzwischen leben in meiner Familie vier Generationen, einige Urenkel gehen in die Schule.

Ein langes Leben bringt viele Erinnerungen und Erfahrungen mit sich. In der Nazizeit geboren, den Krieg überlebt, den neuen Staat DDR mit aufgebaut und unfreiwillig in der BRD angekommen.

Als ich 16 Jahre alt wurde, fragte mich mein Großvater, wann ich denn in die Partei eintreten wolle. Das war vor mehr als 66 Jahren. Als junge Genossin war mein Haupttätigkeitsfeld die Jugendorganisation FDJ. In einer Arbeiterfamilie und auf dem Dorf aufgewachsen und erzogen, habe ich unter schwierigen Bedingungen die Hochschulreife erreicht und Rechtswissenschaften studiert. In diesem Beruf war ich mehr als 30 Jahre bis zu meiner Entlassung in den Vorruhestand tätig.

Neben diesem Beruf war die Erziehung von drei Kindern keine leichte Aufgabe. Und da immer noch ein wenig Freizeit blieb, übernahm ich »ehrenamtlich« die Gewerkschaftsarbeit in unserem Verantwortungsbereich.

Mein vorzeitiges Rentnerdasein brachte mir Zeit für die Übernahme von Funktionen in der Volkssolidarität – selbstverständlich ehrenamtlich. Noch heute sehe ich hier als Genossin ein weites Feld, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, um ihnen Unterstützung und Hilfe zu geben. Es geht um den Zusammenhalt, den wir zurzeit so sehr vermissen, um die soziale Gerechtigkeit und um das Zusammenleben von Alt und Jung.

Ich freue mich, dass ich mit meiner Meinung gefragt bin, dass ich mich einmischen kann. Im Rahmen meiner Möglichkeiten versuche ich, meinen Beitrag zu leisten. Denn ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass eine Veränderung der derzeitigen Gesellschaft möglich ist. Sicherlich in kleinen Schritten, aber in die richtige Richtung.

Ein Leben lang links, aber eine linke Linke wurde ich erst durch die Liebe!

Lore Linke, Berlin, 82

 

Ich bin Mitglied der Partei DIE LINKE, weil ich aus der Partei, in der ich 1958 aus Überzeugung Mitglied wurde, nie – auch nur ansatzweise – ausgetreten bin, obwohl mir in den vielen Jahrzehnten manche Äußerungen oder Haltungen von Spitzenpolitikerinnen und -politikern oder »einfachen« Genossen in der SED, PDS oder LINKEN nicht gefallen haben.

Ich denke, dass alle Mitglieder glaubwürdig und konsequent jede Unterstützung von Krieg, Ausbeutung und Rassismus ablehnen.

Rückblick: Ich verdanke dem Wirken der SED, dass ich schon zwischen 1946, da ich als Arbeiterin leicht in die SED hätte eintreten können, und 1951 schrittweise zu einem besseren Geschichtsverständnis gelangt bin, als es mir bis zu meinem Abitur 1944 beigebracht worden war (ich las zu Hause Engels‘ »Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen« und Mehrings Geschichtsaufsätze). Ich erlebte, dass der Parteisekretär in der Chemischen Fabrik Helmitin in Erfurt sich auch um dringende Wohnprobleme von Parteilosen kümmerte, und lernte später Kommunisten kennen, die im Konzentrationslager gewesen waren.

In den Wohnparteiorganisationen in Berlin-Karlshorst haben wir durchaus kritische Meinungen geäußert und diskutiert, zum Beispiel über das Verbot der sowjetischen Zeitschrift »Sputnik« 1988, weil wir das für schädlich für die DDR hielten. Leider wurde das, wie ich 1990 erfuhr, in den Versammlungsprotokollen an die Kreisleitung selten weitergegeben. Aber ich bin dabei geblieben, nachzufragen oder zu sagen, wo mir etwas falsch erscheint.

Es ist bei dieser komplizierten Weltlage sehr schwer, den besten Weg zur Erreichung unserer Ziele herauszufinden; da sind Kontroversen normal. Hinsichtlich der Beteiligung der Bundeswehr an militärischen Auslandseinsätzen, Waffenexporten der Wirtschaft in Krisengebiete und dergleichen war uns die Ablehnung durch unsere Bundestagsfraktion stets sicher.

Sorge macht mir, dass (zunehmend) vielen Funktionären und Mitgliedern der LINKEN echtes Wissen über das Alltagsleben in der DDR mit seiner sozialen Sicherheit, seinen Bildungsmöglichkeiten etc. – trotz ihrer Begrenzungen – verständlicherweise fehlt und sich das zuweilen in ihren Äußerungen oder Handlungen an verantwortlicher Stelle zeigt. Das unzureichende Wissen durch entsprechende Sozialisation will ich niemandem vorwerfen, wünsche mir aber, dass oberflächlich wertende Aussagen vermieden werden.

Margarethe Linke, Berlin, 90

 

Marianne Linke – Oh, sagte Oskar Lafontaine, als ich mich ihm auf dem Gründungsparteitag 2007 vorstellte, welch ein Name. Marianne – das Symbol der Französischen Revolution und nun LINKE – der Name unserer Partei – das Synonym für Frieden und soziale Gerechtigkeit in der Welt.

Na gut, beides ist nicht mein Verdienst. Es wurde mir angetragen: 1945 von meiner Mutter und 1968 von meinem Mann. Geprägt hat mich das Umfeld in Berlin-Mitte, in das ich hineingeboren wurde. Die zerstörte Vierzonen-Stadt war meine Kinderstube, diesseits der Grenze von Aufbauwillen und Antifaschismus, jenseits durch restaurative Bestrebungen und Antikommunismus charakterisiert.

Hier konnte sich jeder in jede Richtung profilieren. Hier habe ich mich entschieden: für eine Welt ohne Kriege, für Antifaschismus und Frieden. So blieb ich in dem kleineren, wenig glamourösen Teil Berlins, in jenem Teil Deutschlands, der an der Seite der Sowjetunion ein Friedensgarant war.

Hier wollte ich meine Fähigkeiten entwickeln, um etwas zu leisten, um etwas zu gestalten. Ich wollte mich mit meinen Möglichkeiten in die Kämpfe unserer Zeit einbringen. Wohl wissend, dass mein Leistungsvermögen begrenzt und ein Menschenalter in der Jahrtausende zählenden Menschheitsgeschichte – durchdrungen von Machtkämpfen aller Art, Mord und Totschlag als Dauerthemen – marginal ist.

Insofern war mein Leben bis 1989 und nach 1990 durch Beteiligt-Sein und Mit-Wirkung charakterisiert. In diesem Sinne leben wir als Familie, haben wir unsere Kinder und Enkelkinder für die Schönheiten und Grausamkeiten dieser Welt sensibilisiert. So habe ich auch immer meine Arbeit verstanden und kann in meinem beruflichen und politischen Engagement keinen Wandel oder gar Brüche feststellen, egal wie die Partei auch heißt, der ich seit 1964 angehöre.

Ich war Wissenschaftlerin und Hochschullehrerin in der DDR, Amtsleiterin und Landessozialministerin in der Bundesrepublik. Mein Wirken als Sozialministerin in Mecklenburg-Vorpommern von 2002 bis 2006 und als Vorsitzende des Kreisverbandes Stralsund der Linkspartei von 2010 bis 2014 waren geprägt von unterschiedlichsten Aktivitäten, Arbeits- und Wahlerfolgen, gemeinsam errungen mit meinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern.

Zugleich waren diese Jahre durchdrungen von ständigen unproduktiven Machtkämpfen mit den Landesfunktionären, bei denen unser Festhalten an den programmatischen Zielen der Partei, unsere intensive Basis- und Bündnisarbeit vor Ort ebenso wie die fehlende Bereitschaft, dem Koalitionspartner in bestimmten Fragen Zugeständnisse zu machen (Stichwort: Kreisgebietsreform, Sicherheits- und Ordnungsgesetz, Finanzierung des Kindertagesförderungsgesetzes oder bei der Kürzung des Landesblindengeldes), auf heftigen Widerstand der Funktionäre des Landesverbandes stießen.

Auch waren wir wenig geneigt, die von den Genossen Bartsch und Holter immer wieder geforderten Bekenntnisse zum herrschenden Zeitgeist abzulegen. Auf kritische Hinweise hierzu meldete sich Dietmar Bartsch in der »Ostsee-Zeitung« vom 27.8.2008 zu Wort: »Wer etwas anderes als Holter sagt, ist nicht links«. Heidrun Bluhm nannte Helmut Holter an gleicher Stelle einen »Vordenker«.

Selbst in der Einleitung zur Wahlauswertung der jüngsten Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, die für die Partei mit dem schlechtesten Wahlergebnis seit 1990 endete, fanden diese Debatten mit folgenden Sätzen ihren Niederschlag: »Das Leben ist ungerecht, Wahlergebnisse sowieso … Nach den innerparteilichen Querelen wurde die Baustelle ›Stralsund‹ geräuschlos abgeräumt. Die Reihen der LINKEN waren zum Wahlkampf fest geschlossen …« Und so weiter – eine Seite nur Selbstlob.

Diese Sichtweise ist wohl eine bedeutsame Quelle hiesigen Scheiterns. »Stralsund« wurde eben nicht geräuschlos abgeräumt. Der entstandene Krater entfaltete Sogwirkung, die bekanntlich nach unten reißt. Eine beträchtliche Zahl unserer politisch klugen, ideenreichen, engagierten Genossinnen und Genossen haben die Partei verlassen. Übrig geblieben ist ein spürbares Loch, das nun von rechten Kräften der AfD gefüllt wird.

Mein persönliches Leben kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in dem von mir überschaubaren Zeitraum von 50 oder 60 Jahren nicht gelungen ist, auch nur ein Menschheitsproblem – seien es Kriege, Hunger, Krankheit, Armut, Bildungsnotstand – nachhaltig zu lösen. So sind es nach wie vor die »Bienkopps«, »Wanzkas«, die mich faszinieren, deren Träume ich gern leben würde ...

Ja, und da bin ich auch mit begrenzten Beiträgen und Erfolgen zufrieden, akzeptiere Niederlagen, Rückschläge meiner Generation und freue mich, täglich Menschen zu begegnen, die sich wie ich offen und ehrlich für Frieden, Solidarität und Gerechtigkeit engagieren.

Marianne Linke, Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern), 71

 

Ich bin Jahrgang 1926 – zu der Zeit war noch der Hindenburg an der Macht, du meine Güte!

1958 bin ich in die SED eingetreten, weil ich darin – nach all diesen negativen Erinnerungen – für uns alle Zukunft und Hoffnung sah. Ich fühle mich heute wie damals einer großen Familie zugehörig.

Ich kann mich noch gut an die Plakate erinnern, auf denen stand: Wer Hitler wählt, wählt den Krieg. Leider ohne gehört zu werden. Der Krieg kam mit seinen Schrecken und Ängsten, mit millionenfachem Tod und Verderben, mit Vernichtung der Natur und der Städte und Dörfer! Wir überfielen die ganze Welt.

Das Kriegsende würde ich heute noch gern als den höchsten Feiertag begehen!

Als der Lebenswille der Menschen langsam zurückkehrte, begann der Wiederaufbau. Die Deutsche Demokratische Republik entstand. Eine neue schöne Melodie wurde unsere Hymne: »Auferstanden aus Ruinen«. Ich erlebte diese Zeit als die schönste in meinem Leben. Die DDR war ganz einfach meine Heimat. Ich habe drei Söhne geboren, die in Kindergarten, Schule und Lehre gut versorgt worden sind. 1960 ist unsere Familie ins neu gebaute Eigenheim eingezogen. Der Staat hat uns dabei geholfen und unterstützt. Aus diesen Gründen gibt es für mich keinen »Unrechtsstaat DDR«.

Ich kann niemals mehr die Hymne aus Hitlerzeiten hören, geschweige denn singen. Denn jedes Mal kommen die Kriegsbilder wieder in Erinnerung. Ich drücke das im Fernsehen weg!

Was die LINKEN von heute betrifft, bin ich immer dabei, wenn Gregor Gysi, Sahra Wagenknecht oder andere kommen. Ich höre ihnen gerne zu.

Die Ängste der Bevölkerung sind groß und vor allem berechtigt, aber sie finden damit auch kein Gehör bei den LINKEN – leider. Bitte hört dem Volk zu, denn sonst wird die AfD stärker werden als wir.

Der Druck auf die Beendigung des Krieges müsste stärker sein, so etwas findet Anerkennung. Ich wünsche mir so sehr, dass das Elend der Menschen endlich aufhört.

In diesem Sinne »Alles Gute« unserer Partei und einen guten Zusammenhalt!

Es grüßt alle herzlich Marianne »die Linke«

PS: Ich habe mich sehr gefreut über diese Idee mit den »Linken«. Ich bin trotz meines hohen Alters noch sehr mit der Politik verbunden und freue mich immer, wenn ich gute Nachrichten von »uns« höre.

Marianne Linke, Remptendorf-Liebschütz (Thüringen), 90


Bei uns zu Hause hing immer die rote Fahne aus dem Fenster. Meine Eltern waren seit den 20er Jahren Mitglieder der KPD: Vater war Funktionär in der KPD-Unterbezirksleitung Berlin-Neukölln, Mutter politische Leiterin einer Straßenzelle und Wohlfahrtspflegerin. Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand wurde mein Vater als bekannter Kommunist verhaftet, er kam als einer der Ersten in das Konzentrationslager Sonnenburg. Meinem Vater gelang es, freizukommen und nach Prag zu fliehen. Unsere Familie folgte ihm dorthin. Als es dort immer unsicherer wurde, emigrierten wir 1936 in die Sowjetunion, nach Moskau.

Ende der 30er Jahre verschwanden aus unserem großen Schlafsaal des Migrantenheims der Internationalen Arbeiterhilfe jeden Tag Menschen. An einem Tag auch mein Vater. Er wurde im August 1938 verhaftet und 14 Tage später als »Feind der Sowjetunion« in Butowo bei Moskau erschossen. Die Verhaftungen der treuen deutschen Kommunisten erklärten wir uns damals als großen Irrtum, der bald aufgeklärt werden würde.

Nach Vaters Verhaftung durften wir nicht mehr in Moskau und Umgebung wohnen, und nach dem Einmarsch der Deutschen in die Sowjetunion wurden wir nach Kasachstan zwangsumgesiedelt. Erklärt wurde das als Vorsichtsmaßnahme. Es war eine sehr schwere Zeit. Meine Schwester starb 1945 (wenige Tage nach Kriegsende) an Typhus, mein Bruder 1947 bei einem Arbeitsunfall. Ich selbst wäre auch beinahe an Typhus gestorben, die Ärzte hatten mich schon aufgegeben. Von der überwundenen Krankheit rührt meine Gehbehinderung.

Im Juni 1947 konnten meine Mutter und ich nach Berlin zurückkehren. Ich arbeitete anfangs als Russisch-Dolmetscher beim Magistrat, machte dann Abitur und studierte. Ich wurde Ingenieur bei der Reichsbahn, war Fachingenieur für Diesellokomotiven und habe bei der Entwicklung von Lokomotiven mitgearbeitet. Wegen der Lokomotiven kam ich wieder in Berührung mit der Sowjetunion.

Von Vaters Erschießung erfuhr ich erst am 17. Juni 1993 durch eine Veröffentlichung im »ND«. Mich hat das sehr aufgewühlt. Auch als ich bei einer Veranstaltung erfuhr, dass er 1938 aus der Partei ausgeschlossen worden war. Mein Vater ist am 10. Januar 1991 durch die PDS offiziell rehabilitiert worden. Von Russland kam keine Entschuldigung.

Selten – so, als ich mich bei einer Parteischule vorstellte – habe ich über unser Schicksal gesprochen, nie über das (mögliche) Schicksal meines Vaters. Mir hatte niemand verboten, darüber zu reden.

Auch wenn uns Unrecht geschah und viel schiefgegangen ist, hat uns der Stalin’sche Terror mit den sehr, sehr vielen Opfern nicht zu Feinden der Sowjetunion gemacht, auch nicht nachträglich. Alle Genossen, mit denen ich im Alltag unmittelbar zu tun hatte, handelten getreu den Idealen der sozialistischen Bewegung und kämpften für Frieden und eine ausbeutungsfreie Gesellschaft. Das Bestreben, etwas für die Menschheit zu tun, das bleibt. Überall, ob beim Magistrat oder bei der Eisenbahn, war ich in der Partei aktiv. Ich bin 1947 eingetreten, 14 Tage nach Ankunft aus der Sowjetunion. Im nächsten Jahr werden das 70 Jahre. Ich habe niemals daran gedacht, aus unserer Partei auszutreten.

Mit 56 Jahren wurde ich invalidisiert und war danach in der Wohnparteiorganisation aktiv. Natürlich bin ich inzwischen ein bisschen älter geworden und nicht mehr so aktiv, wie ich es ansonsten das ganze Leben war. Ich höre regelmäßig Nachrichten, lese das »nd« und bin im Ortsverband der LINKEN. Am meisten freue ich mich, wenn es in unserer Gemeinde Schulzendorf vorangeht.

Die Großen, die in der Politik und besonders in der Wirtschaft herrschen, denken nicht an die Menschen. Denen geht es nur um Machterhalt und den eigenen Reichtum. Dabei müssen die Macht und die Wirtschaft für den Frieden und für alle Menschen, auch für die einfachen Menschen, da sein. So habe ich das von klein auf gelernt. Daran hat sich nichts geändert.

Auch in der Frage der Flüchtlinge. Die Länder, aus denen Flüchtlinge kommen, müssen unterstützt werden. Ich meine wirkliche Hilfe statt Waffen und Militär zum Bekriegen Anderer. Und diejenigen, die gezwungenermaßen hier sind, muss man unterstützen. Meine Tochter zum Beispiel half viel in einem Flüchtlingsheim. Wir haben Erfahrung als Flüchtlinge.

Meine Frau lebt leider nicht mehr zu Hause, sie ist schlimm krank und in einem Heim, ihr Zustand verschlechtert sich laufend. Sie war auch Ingenieur bei der Eisenbahn und dort politisch tätig. Meine Tochter ist ebenfalls in unserer Partei; sie hat Bauwesen studiert, in der Sowjetunion.

Wolfgang Linke, Schulzendorf (Brandenburg), 89