Disput

Dem Volk aufs Maul schauen

Kolumne

Von Peter Porsch

Dem Volk aufs Maul zu schauen, hat sich Martin Luther bekanntlich selbst verordnet, um mit seiner Bibelübersetzung dem Volk verständlich zu sein. Im Wollen steckte jedoch der Teufel, wie man heute noch an den Tintenspuren an der Wand von Luthers Studierzimmer auf der Wartburg sehen kann. Luther schmiss mit dem Tintenfass nach dem Störenfried.

»Dem Volk aufs Maul schauen«, das geht nicht immer auf: Eine Frau P. hatte am 10. September dieses Jahres ein Video bei Facebook eingestellt, in dem zu sehen ist, wie eine offensichtlich aus dem arabischen Raum stammende Frau einen Busfahrer zu verprügeln versucht. Über den Anlass erfährt man nichts, wohl aber wird die Empörung durch den Begleittext geschürt, »unakzeptabel – bitte teilen«. Und das Volk empört sich weisungsgemäß.

»Wes das Herz voll ist, des läuft der Mund über«, übersetzt Luther Matthäus. Was aus dem Herzen in den Mund fließt, läuft weiter in die Hand und wird geschrieben bei Facebook sichtbar. »Rausschmeißen«, »laufen lassen zum Abkühlen«, »am besten gleich bis ins Heimatland«, »eine scheuern, dass sie drei Tage rückwärts rennt«. Das sind die guten Ratschläge. Also: »nichts wie raus aus deutschland solche fotzen haben in unserer Heimat nichts verloren.«

Gehört das zur Sprache der Dichter und Denker, zur Sprache von Goethe und Schiller, oder sind die weit ab vom Volk? Eine Frau einfach »Fotze« nennen? Für Schiller lässt es sich in der Eile nicht überprüfen, aber für Goethe hilft das »Goethe-Wörterbuch«. Und siehe da, zwei Mal verwendet der Dichterfürst das Wort. Einmal im »West-Östlichen Diwan« und einmal in einer Tagebucheintragung. Freilich gibt es einen Unterschied. Goethe spricht in beiden Fällen nicht per pars pro toto von einer Frau. Er reduziert sie nicht auf den vulgären Ausdruck für ihr Geschlechtsteil; und noch etwas ist anders, das Wort wird nicht ausgeschrieben. Im einen Fall steht nur »F.« und im anderen ersetzen *** das Wort.

Eine Hemmung noch bei Goethe, beim Volk offensichtlich nicht mehr. Einer formuliert aber vielleicht doch vorsichtiger. Er nennt die schlagende Frau »bloede Schnalle«. »Schnalle« als vulgäres Wort für eine junge Frau kommt aus der Jägersprache. Dort nennt man das äußere weibliche Geschlechtsteil bei Hunden und Haarwild so. Tatsächlich steckt dahinter die Analogie zur Schnalle, in die ein Dorn gesteckt wird, damit etwas zusammenhält. Auch nicht besser als »Fotze«! Was steckt da für ein Frauenbild dahinter?

Für die Eintragungen im »DUDEN – Deutsches Universalwörterbuch« versucht man ebenfalls dem Volk aufs Maul zu schauen. Als sechste Bedeutungsvariante von »Schnalle« steht dort »(vulgär) junge Frau«. Als aus dem Leben gegriffenes Verwendungsbeispiel bietet das Wörterbuch »die Schnalle macht mich ganz schön an.« Das Böse im Weib fließt dem Volk aus dem Maul. Das Wörterbuch bestätigt das. Unter dem Stichwort »spitz« finden wir unter anderem: »(umgangssprachlich) vom Sexualtrieb beherrscht; geil; sinnlich: die Frau ist so was von spitz; sie macht die Typen spitz und lässt sie dann nicht ran.«

Das Volk muss sich wehren, zumal, wenn solche Frauen aus fremden Landen kommen. Volk meint bei Facebook, es täte dies zu wenig: »Deshalb geht Deutschland den Bach runter, weil sich niemand mehr wehrt. Ihr lasst alles mit euch machen, seid stolz drauf und geht unter.« Es werden ja täglich hunderte Busfahrer in Deutschland von zugezogenen Frauen verprügelt und keiner wehrt sich. Fakt ist freilich, dass sehr viel mehr deutsche und auch hergeholte Frauen (Thailand, Vietnam, Afrika, Karibik ...) täglich von deutschen Männern verprügelt werden. Aber das ist Leitkultur und hält uns zusammen.

Linkes Fazit: Man sollte dem Volk schon aufs Maul schauen, aber nicht nach dem Munde reden.