Disput

Die Kurve

Was Fußballfans mit Demokratie zu schaffen haben (können)

Von Marco Gemmellaro

»Also seid bitte denen gegenüber tolerant, die einen Augenblick im Sport als ihren schönsten Augenblick überhaupt beschreiben. Uns fehlt weder die Fantasie, noch haben wir traurige, leere Leben; es ist nur so, dass das wirkliche Leben blasser, glanzloser ist und weniger Potenzial für unerwartete Raserei enthält.« (aus Nick Hornby: »Fever Pitch«)

Auf einmal lag er da, ein abgetrennter Rindskopf auf dem grünen Rasen, in dem Bereich, der den Fansektor von dem Spielfeld trennt. Das war der ausdrucksstarke Protest der Fankurve von Dynamo Dresden gegen das Projekt RB Leipzig, hinter dem Red Bull steht und welches die Symbolfigur einer grenzenlosen Kommerzialisierung des Fußballs, einer extremen Entfremdung zwischen Fan und Verein hierzulande darstellt. Dementsprechend ungeliebt ist diese Mannschaft von vielen Anhängern des runden Leders. Und diese Missachtung hatte ihren Ausdruck in einem Pokalspiel im August gefunden und lag da am Rande des Spielfeldes in Form eines abgetrennten Rindskopfes.

Für viele Sportjournalisten war das zu viel. Die »Zeit« sprach sogar von einer »neuen Dimension der Fan-Entgleisung«. Und da war sie wieder: die hysterische Reaktion der Presse, die der Sozialwissenschaftler Gerd Dembowski als »in zeitlichen Wellen medial wiederkehrende Moralpanik« beschreibt. Diese habe mit der Gentrifizierung des Fußballs eingesetzt und richte sich gegen mehrheitsöffentlich als abweichend oder auffällig eingestufte Verhaltensweisen – insbesondere Gewaltereignisse.

Kein Wunder also, dass jene Fans, welche die Stadionkurven bevölkern, schnell mit Problemen wie Rassismus und Gewaltbereitschaft in Verbindung gebracht werden. Zu selten berichtet die Medienlandschaft über erfreuliche Aktivitäten der Kurvengänger im Stadion und außerhalb des Stadions: Spendenaufrufe für Benachteiligte, Initiativen gegen Rassismus und auch kritische Auseinandersetzung mit aktuellen oder bedeutenden politischen Themen. So hat es die »Schickeria«, eine Gruppe von Fans des FC Bayern, mit Hilfe von Choreografien im Stadion und anderen Aktionen geschafft, die mittlerweile in Vergessenheit geratenen Schicksale ehemaliger jüdischer Vereinsmitglieder zurück ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Das Leben des ehemaligen Präsidenten des FC Bayern Kurt Landauer wurde daraufhin sogar verfilmt und in der ARD ausgestrahlt.

Settore popolare – so werden in Italien die Bereiche der Fußballstadien genannt, für die es aufgrund der Lage hinter den Toren und der damit einhergehenden eingeschränkten Sichtverhältnisse die günstigsten Eintrittskarten zu erwerben gibt. Seit Jahrzehnten sind sie Anknüpfungspunkt für junge Menschen, Studenten, Arbeiter und solche, die sich dazugesellen wollen. Sie bilden den lebendigsten Teil der Fußballarenen. Hier sind in Italien Ende der 60er Jahre die »Ultras« entstanden – eine Bewegung der meist jungen Kurvengänger, welche die organisierte, aktive Unterstützung der Lieblingsmannschaft zum Ziel hatte. Wie die Geschichte um Landauer zeigt, können Stadionkurven gesellschaftlich etwas bewegen. Sie beherbergen ungeheures Potenzial für die Entwicklung des politischen Denkens und demokratischen Handelns. Doch das wird kaum thematisiert. So gut wie nie werden solche Fangruppen als das betrachtet, was sie sind: ein bedeutender Teil der deutschen Jugendkultur.

Mit dem Begriff Demokratie wird schnell die Möglichkeit verbunden, in geheimen, gleichen und freien Wahlen unsere politische Haltung zum Ausdruck bringen zu können. Dabei ist das eigentliche Wesen der Demokratie weit weniger präsent: die Organisation des Zusammenlebens durch unterschiedliche Menschen. Und genau dieses Element lässt sich in den Kurven wiederfinden. Dort treffen sich Fans, die im Kollektiv ihre Mannschaft mit Choreografien, Sprechchören und Spruchbändern unterstützen wollen – es entsteht der oft zitierte zwölfte Mann. Es geht um die Organisation des Supports durch unterschiedliche Menschen.

Doch die Stadionkurve ist längst nicht mehr ein Ort, der jedem zugänglich ist. Die Reichen bleiben in den Logen unter sich, während der Stadionbesuch für ärmere Schichten immer mehr zu einer Erinnerung verblasst. Was hier wie eine Übertreibung wirkt, ist in vielen englischen Städten Realität und hat Fans dazu gebracht, sich von ihren Vereinen abzuwenden, um eigene Teams zu gründen und die echte Freude wiederzufinden, die der Fußball Spielern und Zuschauern eigentlich verspricht. Der FC United of Manchester, gegründet von enttäuschten Manchester-United-Fans, ist wohl das berühmteste Beispiel für die Rebellion gegen eine Kommerzialisierung dieses Sports, die ungeahnte Extreme angenommen hat. Um gegen die hohen Ticketpreise anzukämpfen, haben hierzulande Fans die Kampagne »Kein Zwanni für ‘nen Steher – Fußball muss bezahlbar sein« ins Leben gerufen, um den »settore popolare« zu verteidigen.

Und ein weiteres Vorgehen hat die Zusammensetzung der Kurven radikal verändert: das Stadionverbot. Mit diesem Instrument kann ein Verein von seinem Hausrecht Gebrauch machen, um gewissen Personen den Zutritt zu den Sportarenen auch deutschlandweit für drei bis fünf Jahre zu untersagen. Faninitiativen wie ProFans kämpfen gegen diese Stadionverbote und fordern die Nutzung alternativer Maßnahmen. Nachdem der Bundesgerichtshof im Jahr 2010 Stadionverbote auf Verdacht als zulässig erklärte, beäugte auch die Presse dieses Phänomen kritischer. In einem Kommentar der »Süddeutschen Zeitung« wurde dieses Urteil gar als »rechtsstaatlich untragbar« bezeichnet.

Abgesehen vom Streitthema Pyrotechnik, die vor zwanzig Jahren medial noch als Stilmittel der Kurven gewürdigt wurde, heute von den meisten Journalisten sofort verteufelt wird und einen Stadionausschluss nach sich zieht, bleibt die Frage, wie man mit rassistischen Vorkommnissen oder Gewalt innerhalb eines Stadions umgeht. Stadionverbote mögen als das richtige Mittel erscheinen, aber sie können die Probleme höchstens vor die Stadiontore verschieben. So ist auf der Internetseite von ProFans zu lesen, dass »soziale Arbeit und Einbindung in die Fanszene sehr viel mehr bringen, als ›Problemfälle‹ unter den Fans einfach abzuschieben.« Eine starke, mündige Fankurve, die sich offen gegen Rechtsextremismus und Rassismus stellt, ist effektiver als jedes Verbot. Wo es Bemühungen der NPD gibt, Teile der Fangemeinschaft auf ihre Seite zu ziehen, dort gibt es Widerstand gegen diese Bestrebungen.

Stadionverbote und verteuerte Ticketpreise beeinflussen und verändern die Zusammensetzung der Kurve. Sie entziehen den betroffenen Individuen die Möglichkeit der Teilhabe an der Kurvengemeinschaft und zerstören dadurch das zutiefst demokratische Element, das Ureigene einer Kurve: die Organisation des Supports durch unterschiedliche Menschen. Das Stadion sollte sämtliche Teile der Gesellschaft in einem Moment unrealistischer Idylle vereinen.

Eine homogene, leblose Masse auf den Rängen würde den Reiz des Fußballs um ein Vielfaches mindern. Doch das scheint vielen Verantwortlichen im Sport noch nicht bewusst zu sein. Mittlerweile ist in vielen Stadien des deutschsprachigen Raums selbst der Torjubel durch die nach einem Treffer einsetzende Musik erstickt. Die von Nick Hornby als »unerwartete Raserei« bezeichnete Ekstase nach einem Treffer ist in vorgegebene Bahnen gelenkt worden. Den anarchischen Torschrei, der Glückseligkeit und Lebendigkeit vehement und frei zum Ausdruck kommen lässt, nicht zu hören, tut weh. Vor allem, wenn eine geschmacklose Melodie ihn übertönt.

Das Stadion liefert der Gesellschaft ihr Spiegelbild. So wie es Erfreuliches gibt, so gibt es Probleme. Vor allem die Preis- und Sicherheitspolitik bedrohen die soziale Mischung in den Fußballarenen. Einschränkungen im Namen der Sicherheit und der Gewaltprävention müssen immer die Ultima Ratio bleiben.

Um die Demokratie als Organisation des Lebens durch unterschiedliche Menschen begreifen und lieben zu lernen, eignet sich die Stadionkurve in einem außerordentlichen Maß, sofern sie die größtmögliche Freiheit und die damit mit sich bringende soziale Mischung und Selbstorganisation beherbergt. Darin liegt der unschätzbare Wert einer einfachen Kurve eines Fußballstadions für das demokratische System.

Marco Gemmellaro studiert Publizistik und Kommunikationswissenschaften in Wien, war Praktikant in der Bundesgeschäftsstelle der LINKEN und liebt den Fußball (fast) über alles.