Disput

Gegen die Gewalten erhoben

Vor 100 Jahren, am 8. November 1916, wurde der deutsch-schwedische Schriftsteller, Maler, Grafiker und Experimentalfilmer Peter Weiss geboren

Von Ronald Friedmann

Der dreiteilige, mehr als tausend Seiten umfassende Roman »Die Ästhetik des Widerstands« ist das bedeutendste schriftstellerische Werk von Peter Weiss und einer der wichtigsten deutschsprachigen Texte des 20. Jahrhunderts. Dieser Roman war das Ergebnis einer fast zehnjährigen Arbeit zwischen 1971 und 1981, die den Künstler zeitweise bis an die Grenzen des physisch und psychisch Erträglichen trieb. Schon während der Arbeit am ersten Band, in den frühen siebziger Jahren, hatte Peter Weiss notiert: »Ich kann diese riesige Arbeit nicht bewältigen, bei all den Störungen und Irritationen. Das Herz beginnt wieder zu flimmern.« Insbesondere der dritte und letzte Band, der, so Peter Weiss, als »Epilogband« konzipiert war und das gesamte Werk zu einem überzeugenden Abschluss bringen sollte, bereitete besondere Mühe. Erst Ende August 1980 konnte er den Band abschließen, nach dem er mehrere frühere Fassungen verworfen hatte. Doch sein Gesundheitszustand erlaubte es ihm nicht mehr, die notwendigen Verlagskorrekturen selbst vorzunehmen. Nur wenige Monate nach der Veröffentlichung des dritten Bandes der »Ästhetik des Widerstands« starb Peter Weiss am 10. Mai 1982 in Stockholm, nur 64 Jahre alt.

»Die Ästhetik des Widerstands« ist ein Entwicklungsroman. Der namenlos bleibende Ich-Erzähler, ein kommunistischer Arbeiter und antifaschistischer Widerstandskämpfer, ist auf der Suche nach politischer und kultureller Bildung. Die Handlung setzt 1937 ein, als der gerade 20-Jährige den Weg ins tschechische Exil antreten muss. Er wird Spanienkämpfer, geht nach dem Ende des Bürgerkrieges nach Paris, wo sich zu dieser Zeit die Auslandsleitung der KPD befindet, und gelangt schließlich nach Schweden. Dort erlebt er 1945 das Kriegsende. In Rückblicken schildert er die Höhen und Tiefen der deutschen Arbeiterbewegung in den Jahren der Weimarer Republik, und er berichtet, welche verheerenden Wirkungen die Herrschaft des Stalinismus in der Sowjetunion auf die kommunistischen Parteien in aller Welt hat. Seine Darstellung des Kampfes und des Sterbens der Mitglieder der »Roten Kapelle«, einer internationalen antifaschistischen Organisation, ist ein ergreifender und erschütternder Bericht über verborgenes Heldentum in einer dunklen Zeit. Peter Weiss gedenkt der »Söhne und Töchter der Erde, [die] sich gegen die Gewalten erhoben, die ihnen immer wieder nehmen wollten, was sie sich erkämpft hatten«, wie es im Finale des Romanzyklus' heißt.

Peter Weiss hat in einem Interview nach Erscheinen des ersten Bandes einmal gesagt, dass die »Die Ästhetik des Widerstands« keine autobiografische Arbeit sei, dass er sich aber gewünscht hätte, sie sei seine Autobiografie.

Peter Weiss wurde am 8. November 1916 in Nowawes bei Potsdam in der Familie des jüdischen, nachdrücklich um Assimilierung bemühten Kaufmanns Eugen Weiss geboren. Seine Mutter war die aus der Schweiz stammende Schauspielerin Frieda Weiss, die, wie ihr Sohn in späteren Jahren berichtete, »in führenden Rollen auf [Max] Reinhardts Bühne« gestanden hatte. Ein offener und unbefangener Umgang mit Kunst und Kultur gehörte deshalb ganz selbstverständlich zum Lebensalltag des heranwachsenden Peter Weiss. Er las, so seine Erinnerung, in den frühen dreißiger Jahren »den ganzen Hesse, den ganzen Thomas Mann, den ganzen Brecht, alles lasen wir damals als ganz junge Leute.« Er hatte Kontakt zu Mitgliedern der Berliner Secession, einer impressionistischen Künstlergruppe, die ihn beeinflussten, eine Mal- und Zeichenschule zu besuchen. 

Und auch in anderer Sicht hatte er Glück. Die Flucht mit seinen Eltern und Geschwistern vor der antisemitischen Verfolgung in Deutschland hatte für ihn zunächst den Charakter von Lehr- und Wanderjahren. In London besuchte er eine Schule für künstlerische Fotografie. Von der Tschechoslowakei aus suchte und fand er persönlichen Kontakt zu Hermann Hesse in der Schweiz.

Einen Bruch erlebte Peter Weiss erst, als er Anfang 1939 als mittelloser und sprachunkundiger Flüchtling nach Schweden gelangte. Zeitweise, insbesondere während seines Studiums an der Stockholmer Kunstakademie, konnte er nur mit Gelegenheitsjobs überleben. Doch es gelang ihm auch, Aufträge als Maler und Grafiker zu erhalten. 1947 veröffentlichte er sein erstes Buch – eine Sammlung von Prosagedichten in schwedischer Sprache.

Bekannt und berühmt – auch und vor allem in den beiden deutschen Staaten – wurde Peter Weiss in den sechziger Jahren. Dazu trugen Stücke wie »Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats«, »Die Ermittlung« über den Frankfurter Auschwitzprozess oder der »Gesang vom lusitanischen Popanz« über die portugiesische Kolonialherrschaft in Afrika bei.

Sie waren Ausdruck seines kategorischen Anspruchs als Künstler, das, »was wir durchlebten, so darzulegen […], daß wir uns darin erkennen könnten.«