Disput

Tante Iris sucht die Wahrheit

Feuilleton

Von Jens Jansen

Weil die Einheitsfeiern fröhlich sein mussten, schlichen alle Festredner an den Problemen vorbei. Sie lobten Deutschland als Hort des Wohlstandes und die Ostprovinzen als »blühende Landschaften« mit etwas Unkraut dazwischen.

Eine Woche zuvor hatte Tante Iris einen anderen Lagebericht gegeben. Aber Iris Gleicke ist »Ostbeauftragte der Bundesregierung« im Rang einer Staatssekretärin und soll für den »Aufschwung-Ost« sorgen. Das macht ihr Sorgen. Mich erinnert ihr Amt an jene amtlichen »Betreuer«, die für das Wohl verwaister, verwahrloster oder behinderter Mitbürger verantwortlich sind. Eine ehrbare Arbeit! Ostdeutschland ist ja auch verwaist durch den Abgang der sozialistischen Völkerfamilie. Ist verwahrlost in den Wirren der Wende. Ist behindert durch den Kahlschlag der Treuhand, durch Massen-Rauswurf, Dauerarbeitslosigkeit, Bevölkerungsflucht und völlig neue Existenzängste. Da tröstet es, außer »Mutti Merkel« auch »Tante Iris« zur Patin zu haben.

Umso betrüblicher ist die Zwischenbilanz nach 26 Jahren: Das Inlandsprodukt je Bürger liegt immer noch 27,5 Prozent hinter den westdeutschen Ländern. Der Reallohn steht bei 81 Prozent des Westniveaus. Die Rentenangleichung ist ins nächste Jahrzehnt vertagt. Der Bevölkerungsrückgang ist nicht zu stoppen. Keine Konzernzentrale sitzt in Ostdeutschland. So fehlen auch die Forschungskapazitäten, die Innovationen, der Auftrieb für den Mittelstand, die Steuern für die Gemeinden. Bei der Bundes-Elite werden 1,7 Prozent Ossis gesichtet. »Und nichts deutet darauf hin«, sagt Tante Iris, »dass sich das mittel- oder langfristig ändern wird.«

Nun ja, der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen. Siehe die Schwarzkonten der Oberschicht! Da tut es weh, wenn Ostdeutschland vorgehalten wird, wegen der Umtriebe der Nazis eine Gefahr für das ganze Land zu sein. Tante Iris begründet das auch damit, dass Ostdeutschland zwei Diktaturen auszuhalten hatte. Da seien die Pegida und die AfD sozusagen »unbewältigte Reste«.

Ach, Tante Iris, ist es nicht viel mehr die missglückte Vereinigung, die vielerorts im Kolonialherrenstil verlief? Und was gehörte alles zur geistigen Entwicklungshilfe? Jeden Abend tanzen die Oberschicht, der Führer und seine Wunderwaffen durch die TV-Kanäle. Vor 35 Jahren ermittelte Infratest zusammen mit dem Sinus-Institut unter der westdeutschen Wahlbevölkerung: Fünf Millionen Bundesbürger wollen wieder einen Führer haben. 13 Prozent der über 6.000 Gesprächspartner hatten ein rechtsextremes Weltbild. 28 Prozent hielten Arbeitslager und 39 Prozent die »Reinhaltung der Rasse« für nützlich!

Im Sommer 1989 zählte der Bonner Innenminister 71 rechte Organisationen mit 28.000 Mitgliedern (ohne Republikaner!) Deren Publikationen addierten sich auf neun Millionen Exemplare. Das erbrachte 1.607 Straftaten im Jahr, von denen nur 143 erfasst wurden. Hat da irgendwer in Bonn »Alarm!« gerufen? Waren die westdeutschen Amtsträger nach der Wende nicht unter sich auf den ostdeutschen Chefetagen? Hatten sie kein Auge für die braunen Entwicklungshelfer? Die sitzen nun in zehn (nicht fünf!) Landtagen und in Brüssel. Sie üben den Einmarsch in den Reichstag!

Nein, Tante Iris, der Fremdenhass richtet sich nicht gegen die Nachbarn im Norden oder Westen, nur gegen den Osten und Süden. Das ist Rassenhass. Der wuchert seit Kaisers Zeiten. Diese Arroganz und Ignoranz jagte unsere Vorfahren in zwei Weltkriege. Vom Heimatstolz zum Nationalismus und Chauvinismus sind es drei kleine Schritte in den Abgrund! Es reicht nicht, die Blüten zu zählen, man muss die Wurzeln roden, von denen es an Isar und Rhein mehr gibt als an Oder und Peene, weil Bonn die alten Eliten in seine neuen Fundamente eingebaut hatte. Nun geht es um die Verteidigung von Buchstaben und Geist des Grundgesetzes durch alle Institutionen. Um eine gerechte Verteilung der Früchte unserer Arbeit ohne die Mästung der Superreichen. Um Beendigung der Kriegseinsätze und Waffenexporte und die Missachtung der Volksmeinung. Das gäbe zum 30. Jahrestag der Einheit einen anderen Bericht.