Disput

»… Dein erledigter Hermann«

Die Sozialisten Käte und Hermann Duncker – ein »Tagebuch in Briefen«: berührend, bewegend, beeindruckend

Wer erinnert sich im Jahre 2016 noch an Käte und Hermann Duncker? Sicher nur wenige. Dennoch ist es nicht völlig abwegig anzunehmen, einige der heute 40- bis 50-jährigen Mitglieder oder Wähler der LINKEN, die in der DDR aufgewachsen sind, könnten von ihnen gehört haben. Vielleicht gingen sie in einen Käte-Duncker-Kindergarten, besuchten eine Hermann-Duncker-Schule oder wohnten in einer nach ihnen benannten Straße. Unter den älteren Jahrgängen dürfte die Zahl derer, die sich an Dunckers erinnern, noch größer sein, gab es doch Arbeitskollektive, Betriebe, Klubhäuser und andere Einrichtungen, die ihren Namen trugen. 2013 benannte DIE LINKE in Thüringen ihren Fraktionssaal nach Käte Duncker. Selbst in den alten Bundesländern sind Käte und Hermann Duncker nicht gänzlich unbekannt.

Die Lehrerin Käte Doell (1871-1953) und der Student der Musik, später der Nationalökonomie Hermann Duncker (1874-1960) hatten sich, aus kleinbürgerlichen Verhältnissen kommend, Mitte der 1890er Jahre in Leipzig der Arbeiterbewegung angeschlossen und wirkten in deren Reihen bis zu ihrem Tode für eine friedliche, ausbeutungsfreie sozialistische Gesellschaft. Schwerpunkt ihrer rastlosen Tätigkeit war die Bildungsarbeit in ihren vielfältigen Formen und Facetten (Zirkel, Kurse, Vorträge), die sich nicht nur auf die Vermittlung weltanschaulicher Grundkenntnisse beschränkte, sondern Naturwissenschaften, Literatur, Kunst und Musik einschloss.

Käte und Hermann Duncker waren begeisternde und überzeugende Redner und zugleich Verfasser von Lehrmaterialien, Artikeln und Broschüren. Käte Duncker war einige Jahre Redakteurin der Kinderbeilage der Zeitschrift »Die Gleichheit« und gehörte 1910 auf der Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen zu den Initiatorinnen des Antrages, jedes Jahr einen Internationalen Frauentag zur Durchsetzung des Frauenwahlrechts zu begehen.

Als überzeugte Internationalisten und aktive Kriegsgegner gehörten Käte und Hermann Duncker von Anfang an zum linken Flügel innerhalb der Sozialdemokratischen Partei, der sich um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht herausbildete. Sie waren Mitbegründer des Spartakusbundes und der KPD, die von Käte 1921 bis 1923 als Abgeordnete im Landtag von Thüringen vertreten wurde. Hermann Duncker wirkte in den zwanziger Jahren erneut als Wanderlehrer, als Herausgeber marxistischer Schriften, insbesondere der »Elementarbücher des Kommunismus«, und als Lehrer an der Marxistischen Arbeiterschule (MASCH). Nicht allein Arbeiter und Angestellte, auch Schriftsteller und Künstler, selbst nichtparteigebundene Intellektuelle zählten sich zu Schülern der beiden Dunckers.

Käte und Hermann Duncker mussten schmerzliche Niederlagen verkraften und persönliches Leid erdulden: den 4. August 1914, den unbefriedigenden Ausgang der Novemberrevolution 1918/19, die Morde an Freunden und Mitstreitern, Verhöre, Haft und Misshandlungen, die Barbarei der Faschisten, erneute Verhöre und Haft, die entbehrungsreichen Jahre des Exils, einen weiteren mörderischen Krieg und den frühen Tod ihrer Söhne Karl und Wolfgang.

Wer mehr über Leben und Wirken Käte und Hermann Dunckers zu erfahren wünscht, hat nunmehr Gelegenheit, dies in dem kürzlich im Karl Dietz Verlag erschienenen »Tagebuch in Briefen (1894-1953)« zu erkunden. Die beiden Sozialisten haben zwar kein Tagebuch im üblichen Sinne geführt, sich aber, bedingt durch häufige Trennungen, über 3.000 Briefe und Postkarten geschrieben. Der größte Teil von ihnen liegt jetzt in einem von Prof. Heinz Deutschland herausgegebenem Printband und auf einer beigefügten USB-Card mit 5.722 Seiten (also faktisch zehn Bänden à 600 Seiten) als Brieftagebuch vor.

Die von der Rosa-Luxemburg-Stiftung finanziell geförderte Edition mit ihren zahlreichen Anlagen gewährt Einblicke in Menschenschicksale wie in die Geschichte des Alltags, der Kultur und der Arbeiterbewegung sowie in den weitgespannten Freundeskreis der Dunckers. Sie sind so bewegend und berührend, dass DISPUT auf den folgenden Seiten einige Auszüge dieser außergewöhnlichen Korrespondenz veröffentlicht.

Käte und Hermann Duncker. Ein Tagebuch in Briefen (1894-1953)
Herausgegeben von Heinz Deutschland unter Mitarbeit von Ruth Deutschland
Karl Dietz Verlag Berlin 2016
606 Seiten und USB-Card, 49,90 Euro
ISBN: 978-3-320-02314-0