Disput

Der Briefwechsel zwischen Käte und Hermann Duncker

Auszüge, ausgewählt von Stefan Richter

Lieber Herr Duncker!     Leipzig, 3.7.1894

Es ist mir eingefallen, daß wir unsere Kahnfahrt unmöglich unternehmen können, bevor Sie und Herr Rudeck bei Frl. Dan Besuch gemacht haben. (…) Ich glaube nicht, daß Sie jemals Ursache haben würden, den Verkehr in unserem Hause zu bereuen; denn es sind nicht Ihre musikalischen Leistungen, weshalb man Ihnen hier freundlich entgegenkommen wird. Sie treffen Frl. Dan stets von 12 bis 1 Uhr zu Haus.

Mit freundlichem Gruß

K. Doell

 

Liebes Fräulein Doell!     Goslar, 27.12.1894

Zwar fehlt mir noch die »formale« Berechtigung, einen Brief an Sie zu richten, aber, hoffe ich, werden Sie verstehen, wenn ich trotzdem ein wenig mit Ihnen plaudern möchte …

Also leben Sie wohl und seien Sie herzlich gegrüßt von Ihrem Hermann Duncker

 

Liebes Fräulein Doell!     Leipzig, 16.2.1895

Da ich nicht sicher bin, ob das Festprogramm der Deutsch-katholischen Gemeinde in Ihre Hände gekommen, so weise ich noch einmal darauf hin, daß erstens morgen früh 10 Uhr in der Bürgerschule die festliche Erbauung stattfindet; zweitens ca. 4 bis ½ 5 Uhr in den Kaiserhallen (Eisenbahnstr. 1) ein Fest stattfindet nebst einer Aufführung eines Stückes: »Aus bewegter Zeit«.

Wie mir aus bester Quelle mitgeteilt, sind alle Gäste herzlich willkommen, und so darf ich wohl die Frage an Sie richten, ob Sie eventuell in eins der beiden Nummern oder vielleicht in beide gehen? Des weiteren ist morgen im Kunstverein der Vortrag ½ 12 Uhr, der aber nur für Mitglieder; jedoch steht am Nachmittag 1 bis 3 Uhr der Eintritt in den Kunstverein für 50 Pfennig jedem frei, der Eintritt in das Museum ganz gratis.

Darf ich Ihnen zumuten, aus dieser Musterkarte sich etwas auszuwählen und mir noch darüber Mitteilung zu machen (ich nehme an, daß dieser Brief noch heute abend in Ihre Hände kommt). Selbstverständlich möchte ich jeden Einfluß auf Ihr etwaiges Vorhaben morgen von vorneherein ablehnen und kann doch auch in der Hinsicht sicher sein. Sonst also auf Wiedersehen Dienstag!

Mit herzlichem Gruß

Hermann Duncker

 

Du Liebste!     Leipzig, 13./14.3.1895

Jetzt muß ich noch plaudern – das Gesundheitsleben fang ich morgen an. Ja denk, ich habe eben mein Zimmer aufgeräumt, die letzte Zeit lag alles wüst durcheinander, und nun, da wollte ich auch hier Ordnung machen. (…)

Dein Hermann

 

Mein lieber Junge!     Leipzig, 16.3.1895

(…) Ich hatte früher auch ein Ziel, aber es war so unpersönlich, so kühl. In Dir und in dem Zusammenstreben mit Dir hat es Gestalt bekommen. Das ist ja eben das Schöne bei dem Verhältnis zwischen uns, daß wir uns treffen in dem Streben nach Erkenntnis und Freiheit für uns und den anderen. Und dieses Streben wird zugleich höher gehoben und vertieft durch das Gefühl, welches uns verbindet; findest Du das nicht auch? (…)

Deine Käte

 

Mein Herzlieb!     Leipzig, 17.-19.3.1895

(…) Ich will Dich glücklich machen, lehre es mich zu können! Eins ist sicher: Es ist das größte Glück, daß wir beide Sozialisten, wenn auch noch nicht sind, so doch sein wollen, das ist die Lebensaufgabe, in die wir gemeinsam uns teilen können, die uns zusammenführt und fügen wird. (…)

Lebwohl, sei innig umarmt und geküßt von Deinem Hermann

 

Meine liebe Käte!     Leipzig,     30./31.3.1895

(…) weißt Du, daß wir beide uns eigentlich noch nie in der hellen Tagesbeleuchtung haben sehen und sprechen dürfen, wir zwei Nachtfalter! (…)

Dein Hermann

 

Mein lieber kleiner Junge!     Leipzig, 9.2.1896

Ich war heute nachmittag in einer Volksversammlung in Stötteritz, wo Bebel sprach.25 Um 3 Uhr sollte die Geschichte losgehen. ½ 3 war die »geschmackvolle« Festhalle gestopft voll, ja sogar auf dem Gebälk an den Seiten hatten sich »gut disziplinierte« Genossen postiert oder aufgehängt, wie man’s nennen will, und vor der Halle standen noch etwa 10.000 Menschen in knöcheltiefem Kot. Wir preßten uns als gut angepaßte Naturwesen noch durch und standen gegen ¾ 3 etwa 15 Meter tief von der Tür entfernt im Gewimmel. ¼ m2 Boden kam auf den Mann, und von den hygienisch vorgeschriebenen 16 cm3 Luft à person war kaum der fünfte Teil anwesend. So stand man dann mit völlig abhandengekommenem Individualitätsbewußtsein und harrte des Kommenden. Bebel bestieg die Tribüne, donnerndes Hoch, Ruf: »Die Hüte ab!« und nun eine beinahe zwei Stundenrede mit viel Phrasen und wenig Krumen, schönen Schlagwörtern und einigen Späßen, die immer mit »Bravo« belohnt wurden. (…)

Viele Küsse von Deiner Käte, Gruß an Tante!

 

Mein lieber kleiner Junge!     Bebra-Eisenach-Fröttstädt-Friedrichroda, 13.-15.7.1896

(…) Ich glaube, ich werde eigentlich innere Ruhe und Zufriedenheit erst finden, wenn ich mich äußerlich wie innerlich ganz auf den Boden des Proletariats gestellt habe. Da fühle ich mich heimisch und am rechten Platz. Zwar mißtraue ich mir, ob auch nicht im Grunde der Wunsch, eine Rolle zu spielen, die Ursache ist. Doch könnte ich diesen Wunsch eigentlich auch in meiner bisherigen Sphäre befriedigen. Ich fühle mich eben wohl zwischen Menschen, die nichts anderes sein wollen als sie sind, ihre Persönlichkeit auf keinerlei Stelzen stellen. (…)

Diese Fahrt in IV. Klasse hat mein soziales Gefühl mächtig angefacht, mein soziales Gewissen geschärft. Und das Gespräch mit der Zetkin, die mir viel aus ihrem Leben erzählte, ebenso, es ist doch ein gewaltiges Schicksal, das diese Frau erfahren hat und es hat sie nicht klein gefunden, sondern gestählt. Mein Schatz, auch wir wollen unser Kreuz auf uns nehmen, aber zusammen. Wir wollen dem einfachen Proletarier nicht nachstehen, der mutig sein Lebensschiff der eigenen Faust anvertraut, und nicht auf die Hand warten, die für uns rudert, oder meinen, das Gepäck sei unentbehrlich. Frage Dich einmal ganz ernst und streng, ob Du gewiß bist, Dich auch bei Unwetter nicht nach dem sicheren Land zurückzusehnen, nicht wieder umzuschauen nach all den Bequemlichkeiten und, gestehen wir es uns ein, auch nach vielen geistigen Wohltaten und Genüssen, die das Leben auf hoher See ausschließt. Bist du sicher, nicht zu bereuen? (…)

Gute Nacht, viele, viele Küsse von Deiner Käte

 

Mein lieber Schatz!     Hamburg, 26.11.1896

Hier streiken, wie Du wohl gelesen hast, jetzt die Hafenarbeiter und Schauerleute, gestern noch 5.000, heut 7.000, morgen voraussichtlich 10.000. Es ist ziemliche Aufregung in der Stadt. Die Aussichten sind leider keine glänzenden; die Organisation ist klein und nicht gerade vermögend und ein solcher Massenstreik kostet Geld. Ich bekomme morgen auch eine Sammelliste und werde fleißig sein; denn wenn die Leute diesmal besiegt werden, dann ist ihre Niederlage auf Jahre hinaus besiegelt. (…)

Mit vielen Küssen umarmt Dich Deine Käte

 

Mein liebster Schatz!     Hamburg, 9.12.1896

(…) Daß der Streik mich so sehr mitnimmt, ist einesteils auf das Allgemeinbefinden zu schieben, dann aber vor allem darauf, daß ich das alles täglich sehe. Die Straßen sind so voll von den Arbeitslosen, sie machen jetzt schon sehr bekümmerte, abgehärmte Gesichter. Und diese Frauen in den Frauenversammlungen! Das ist Proletariat! (…)

Tausend Küsse von Deiner Käte

 

Mein süßes Lieb!     München, 11./12.8.1897

(…) Gestern abend trank ich im Hofbräuhaus mit Schneidern und Handschuhmachern meine Maß; trotz der unvermeidlichen Alkoholverdummung, die dadurch hervorgerufen, muß ich doch gestehen, daß das Münchner Hofbräuhaus mehr zur sozialen Hebung des Volkes beiträgt, als manche +++ sozialdemokratische Reichstagsfraktion. (…)

Mit innigstem Kuß, bin ja nur Dein, Dein treuer Mann

 

Liebes Weib!     Leipzig, 7./8.8.1900

Unser alter Liebknecht ist nicht mehr! Was in diesen wenigen Worten für uns, für die deutsche, für die internationale Arbeiterbewegung beschlossen liegt – die Zukunft wird es uns lehren, hoffen wir, daß wir nicht zu schwer es auskosten müssen.

Der »Alte«, so nannte ihn kurzweg der Arbeiter. »Der Alte spricht« – der Saal mochte noch so groß sein, noch so stürmisch die einzelnen sich ihre Plätze erobert haben – alles lauschte andächtig, und die klaren Worte sprachen jedermann zum Herzen. Wie eine große Familie umstand man ihn, und wie ein Vater zu seinen Kindern, so redete der Alte – furchtbar im Zorn, wenn es galt, der Bourgeoisie ihr schamloses Verhalten vorzurücken, mit gutmütigem Schelten, wenn da einer der Unsrigen sich etwas ungebärdig benommen – mit heiliger Rührung, wenn ihn die Erinnerung überkam, die Erinnerung an seine, an des deutschen Sozialismus stürmische Jugendjahre und ihren großen Berater und Lehrer Karl Marx.

Verlieren wir doch in Liebknecht das lebensvollste Band, was unsere Arbeiterbewegung mit den alten Freiheitskämpfern von 1848 verband …

Das Proletariat zu erwecken war die Aufgabe, Marx und Engels fanden das Zauberwort, und als ihr Schüler unternahm es Liebknecht, das deutsche Proletariat aufzurütteln. (…)

Heute abend werde ich mit meinen Sängern eine Gedächtnisfeier abhalten. Mit herzlichem Gruß an Euch alle, Klein Hedwig aber ganz besonders. Dein Hermann

 

Mein lieber Schatz!     Mainz, 17.9.1900

(…) Unsere Frauenkonferenz war recht interessant, 16 Frauen und 4 Männer dazu delegiert. Die Beschlüsse im einzelnen und die Debatten dazu erfährst Du mündlich – ich habe sehr wenig Zeit. Im übrigen die alte Geschichte. Die Ihrer warnt mich vor der Zetkin, die Zetkin vor der Ihrer, beide schimpfen auf die Braun. Die Steinbach und Zietz sind doch die einzigen wirklich Vertrauenswürdigen. Die Luxemburg (übrigens war die nicht bei der Konferenz) macht einen sehr unsympathischen Eindruck, mehr als ich dachte. (…)

Grüße von allen Bekannten, Deine Käte

 

L. H.!     Berlin, 19.11.1900

Nachmittags war meine dritte Versammlung, ca. 150 Mann und ein Spitzelchen. Ging ganz gut. Abends – nachts von 9-3 Uhr am Vortrag gesessen. Heute früh auch noch. (…)

Viele Grüße an alle 3 von D. K.

 

Liebe Frau!     Leipzig, 26./27.1.1902

(…) Dann ging ich nach Lindenau. Der vollste Abend bis jetzt in Lindenau: 180 Personen, ich sprach und las von ½ 9 bis 11¼ Uhr mit 3 kleinen Pausen. Sie waren sehr begeistert. (…)

In treuester Liebe und glückerfülltem Herzen

Dein Hermann

 

Mein lieber Schatz!     Leipzig, 29.10.1902

Vielen Dank für Deinen Brief, ich dachte schon, ich würde nichts mehr von Dir zu hören bekommen. Ich hätte gestern gleich geantwortet, aber ich hatte zuviel zu tun mit der Vorbereitung für den ersten Diskussionsabend.

32 Frauen in dem kleinen Unterrichtszimmer des Arbeitervereins: der reine Hexenkessel in jeder Beziehung. Na, ich habe ihnen gleich anfangs den Standpunkt klargemacht: Ich behielte mir absolut die Leitung vor, und Privatunterhaltungen würde ich nicht dulden usw. usw. Die Jäger setzte ich an meine grüne Seite, auf der anderen Seite die Wolf, so war die wenigstens gut isoliert, und nun legte ich los. Weiter als bis zur Schilderung des Kleinbürgertums bin ich aber in der ersten 1 ½ Stunde nicht gekommen. Die verschiedenen Programme sowie der Ausdruck »ökonomische Entwicklung« und »Produktionsmittel« usw. nehmen reichlich Zeit in Anspruch. Niveau ziemlich tief. Meine Frauen sowie die, die in Lindenau Deinem Kursus beigewohnt hatten, schossen den Vogel ab. Na, ich bin neugierig, wie es gehen wird. Ca. 6-8 »wirkliche Arbeiterinnen« hatte ich auch dabei. Präsenzliste wird geführt. Kaffee wird auch gesoffen – ich lasse ihn ihnen gern: Die Bestien sind immer zahm, wenn sie Futter bekommen haben. (…)

Viele Grüße und Küsse von Deiner Käte

 

Liebster Schatz!     Leipzig, 27.11.1903

(…) Soweit der Wunsch unter den heutigen Verhältnissen berechtigt ist, haben wir uns doch vorwärtsentwickelt. Blick zurück: Nächsten Februar werden es 10 Jahre, daß wir uns kennen; willst Du behaupten, wir wären noch dieselben wie damals, Du der ängstlich tastende Jüngling und ich die eng begrenzte kleine Lehrerin? Nein, wir haben redlich gearbeitet, und wir sind arbeitend, ohne immer nur unser Werden vor Augen zu haben, doch vorwärtsgeschritten. Und wenn wir nun in einem ruhigen Geleise sind, dann kommt auch wieder Muße zum Selbst-Besinnen. Und ein Kreis von Menschen wird sich auch finden. Nur müssen wir nicht zu eng sein, nicht nur Parteigenossen suchen, bei denen ist hier an Geist nicht viel zu haben. (…)

Viele innige Küsse von Deiner Käte

 

Mein liebes Herz!     Dresden, 2.12.1906

(…) Kannst Du vielleicht meinen Weihnachtsvortrag »Was sollen wir unseren Kindern schenken?« verbrauchen, ich halte ihn für ganz gut. Wo ist denn das »Bildungsreferat« der Zetkin? Herzlieb, ich habe ja auch Heimweh. Aber so müssen wir Opfer bringen, wenn es auch vor dem »Altar der Bewegung« ist. Lebwohl. Tausendmal küßt Dich

Dein Hermann

 

L. K.!     Roßwein, 24.1.1907

(…) Es sind überall viele Frauen in den Wählerversammlungen, mehr wie früher, wurde mir gegenüber mehrfach konstatiert und bestätige ich. Der verlogene Kampf der Gegner ist grenzenlos. Der Reichsverband arbeitet unheimlich. Es wird eine kolossale Beteiligung. Die Nichtwähler werden hervorgerüttelt, wählen diesmal ordnungstreu, sind aber damit politisch interessiert und kommen bei der nächsten Wahl zu uns. (…)

Schreib bald, Dein H.

 

L. K.!     Dresden, 26.1.1907

(…) Die größte Gefahr ist, daß die »Gewerkschafter« jetzt sagen, mit der Politik ist nichts zu machen. Und ich sage, daß vielerorts Gewerkschafter geredet haben, ohne auf das sozialistische Ziel hinzuweisen, und die reine Negation (Fleischteuerung, Zölle) verfängt nicht mehr! (…) Das sozialistische Ziel muß mehr in den Vordergrund! Systematische Aufklärung durch Kurse und Presse! (…)

Mit 1 000 Küssen Dein Hermann

 

Mein lieber Eheherr und Gebieter!     Degerloch, 6.12.1907

(…) Alter Hase, Du mußt nämlich nicht denken, daß ich hier faulenze! Abgesehen von der »Gleichheit«, die nächste soll schon Montag, den 16., fertig sein, habe ich jetzt drei Vorträge in Sicht. 1. Montag Heilbronn bei den Buch- und Steindruckhilfsarbeitern, 2. Dienstag Ludwigsburg, Brotverteuerung, 3. Freitag wieder Heilbronn Frauenversammlung der politischen Organisation. Und obendrein eine Unmenge Manuskripte durchzusehen und manches mit Begleitschreiben zurückzusenden usw.

Und dazu war ich jetzt gar nicht wohl, weiß nicht, was das ist: so schrecklich oft Kopfweh! Da mußt Du schon mal mit einer Karte vorlieb nehmen und nicht gleich schimpfen. Mehr als zweimal in der Woche geht wirklich nicht zu schreiben. (…)

Viele Grüße und Küsse von uns allen, vor allem von Deiner Käte

 

Mein geliebter Schatz!     Königsberg, 15.9.1909

(…) Leider läßt in Königsberg der Kursbesuch nach, und damit sinkt natürlich auch bei mir das Selbstvertrauen. Ob ich es noch anders machen soll? Ob ich zu lange spreche? (…)

Nochmals viele innige Grüße an Euch alle, besonders an Dich Dein Hermann

 

M. l. H.!     Kopenhagen, 26./27.8.1910

(…) Dänen und Schweden wollen uns eine Resolution oktroyieren, daß das Nachtarbeitsverbot für Frauen aufgehoben werden soll. Ebenso wollen die Skandinavier und Engländer das beschränkte Frauenwahlrecht als vorläufig annehmbar hinstellen. (…)

Jetzt ist die Nachtarbeit dran! Ich bin entsetzlich müde. (…)

Viele Küsse von Deiner Käte

 

Mein lieber Schatz!     Kopenhagen, 30.8.1910

(…) An die Eröffnungsfeier (des Sozialistenkongresses ???) am Sonntag will ich immer denken, so alt ich werde. Die hat mich wirklich überwältigt. (…) Diese Musik, die wirklich etwas Künstlerisches war, hatte auf die ca. 1 000 Delegierten und ebensoviel Zuhörer eine großartige Wirkung. Außer den skandinavischen, englischen und österreichischen Liedern, die mir unbekannt waren, ertönten die Marseillaise, die Rote Fahne, der Sozialistenmarsch und zum Schluß die Internationale, immer in bester Orchesterbegleitung und von ausgezeichneten Sängern mehrstimmig. (…)

Lebt wohl, es grüßt und küßt Dich Deine Käte

 

Meine liebe alte treue Käte!     Erfurt, 25.2.1913

(…) Na, siehst Du, die Parteischule hat sich mir eröffnet. Ich freue mich an der Arbeit und werde auch noch mehr dort Boden fassen. Was als fernes Ziel uns vorschwebte, es ist erreicht und wir sind doch noch kein Jahr in Berlin. Die Menschen – sind freilich etwas mit Vorsicht zu genießen. (…) Und also, Schatz, sei dem Leben gut, und sag Dir lieber einmal eine Stunde ausgesetzt usw., als durch Pedanterie und falsches Pflichtgefühl sich und alle, die an Dir hängen, um ihre Zukunft bringen. Überlege doch, es geht vorwärts, ich habe noch 2 Kurse = 1200 Mark + Diätenersparung 250 + Parteischule 14 x 30 = 420, also ergibt das bis 15. Juni meinerseits noch 1870 Mark, dazu die Diäten vom laufenden Kurs 130, also 2000 Mark! Im August beginnen die Neueinnahmen. Und einiges fällt auch sonst noch ab! Schatz, das macht sich doch recht gut und nun mal keine Angst gehabt! Geh hin und suche Dir ein schönes Kleid aus, bitte, bitte.

… lebwohl, Schatz, und folge mir einmal – ich bin Dein Hermann

 

Herzchen, Du Liebes!     Königsberg, 15./16.9.1913

(…) Gestern abend nach dem Vortrag habe ich noch ein wenig gesumpft, mußte dabei einem Genossen das Problem der Willensfreiheit darlegen! (…)

Viele, viele Küsse von Deinem einsamen Hermann

Viele Grüße an die Kinder! Schreibt keines von den Teufeln!

 

Mein Schatz!     Memel/Tilsit, 19.9.1913

(…) Wie wäre es, wenn wir beide, nachdem Du Deine Broschüre fertig hast, uns zusammentun zur Abfassung eines größeren sozialistischen Werkes: Das proletarische Massenelend der Gegenwart. Das Werk muß einmal geschrieben werden. Allzusehr kommen in der Partei schon die Meinungen von dem Erreichten auf (s. Wurms Rede!). Man übersieht hinter der proletarischen Oberschicht die ungeheure Not der Massen. Ich habe ja schon viel Material gesammelt, aber es muß ergänzt und erweitert werden, gut disponiert und eindringlich geschrieben werden. Schatz, das könnte etwas werden, wir würden es gemeinsam herausgeben. Es wäre ein Buch, das Wirkung machen könnte … Es würde mir eine große Freude sein, mit Dir zusammen etwas zu produzieren (und es darf ja nunmehr nur etwas Geistiges sein). (…) Viele, viele Küsse in treuer Liebe, der ganz einsame Hermann

 

Mein lieber Schatz!     Chemnitz, 6.6.1914

(…) Meine Kurse in Limbach und Döbeln sind schlecht besucht. In Limbach 65, in Döbeln gestern nur 20, ich habe natürlich Krach geschlagen und will hoffen, daß es hilft. (…)

… und nun lebwohl, liebes Herz, grüße und küsse mir die Kinder und sei selbst innig umarmt von Deinem Hermann

 

[ohne Anrede]     Auf der Fahrt nach Freystadt! 25.8.1915.

(…) Welche Ironie, daß gerade in Freystadt man mich in die Uniform stecken wird! Mit dem Glockenschlag 8 heute morgen höre ich auf, »ich« zu sein. Mein bisheriges Tun und Denken, mein Sein und Werden – es ist ausgelöscht für die Personen, die nun mich kommandieren: »Nasen nach vorn, Vordermann nehmen. Keiner ohne Erlaubnis von seinem Platz. Gepäck in die rechte Hand. Marsch!«

(…) Ergreifend war die Ausfahrt aus Berlin, die tausend und abertausend Menschen, die aus allen zur Bahn gelegenen Fenstern, von allen Straßenkreuzungen, allen Fabrikplätzen uns zuwinkten, auf Wiedersehen riefen, die Mütter, die ihre Kinder dem dahinfahrenden Vater entgegen hielten. Man empfand – und schauderte –, wie [sich] aus dem Volkskörper so ein Soldatenzug herausschneidet: Leben, pochendes Leben – da bleiben nun die Familien verwaist zurück, und ich denke an Dich, an die Kinder. Werde nur mühsam der Tränen Herr. (…)

Lebwohl – Gute Nacht – Viele Grüße und Küsse

H.

 

Mein liebster Schatz!     Steglitz, 30.11.1915

(…) Schatzle, heute war eine wirklich imposante Demonstration zwischen 8 und 9 Uhr Unter den Linden.60 Ich kam ca. 10 Minuten vor 8 Uhr von der Friedrichstraße aus die Linden hinunter nach dem Brandenburger Tor. Da begegnete ich Haase und Oskar Cohn, die vom Reichs tag kamen, zusammen mit Fanny [ Jezierska] und einer Freundin. Die beiden letzteren schlossen sich dann mir an, die Linden waren ziemlich menschenleer – nur alle 20 Schritt Gruppen von 2 bis 3 Schutzleuten. Das fiel uns auf und wir beschlossen zu sehen, was das zu bedeuten hatte. Oben, vom Pariser Platz, gingen wir auf die linke Seite hinüber (links, wenn man das Schloß im Rücken und das Tor vor sich hat). Da waren schon mehr Leute, aber immerhin noch nicht auffallend. Wir gingen langsam bis zur Friedrichstraße. Auf einmal, als wir dort standen, sahen wir vom Schloß her, mitten zwischen den Lindenbäumen, einen endlosen Zug heraufkommen, alles schwarz, soweit man sehen kann. Wir gingen hinüber, um uns die Sache näher zu betrachten. Zunächst absolute Stille. Da mischen sich plötzlich wie’s scheint Geheimpolizisten hinein, wir hören Rufe, sehen ein paar Leute sich auf der Erde wälzen. Nun wurden Rufe laut: Frieden, Brot, nieder die Lebensmittelwucherer, Frieden, Frieden!

Wir werden wieder auf die linke Seite gedrängt, die Menge staut sich in der Nähe vom Café Bauer. Die Schutzleute hatten nach dem Schloß zu abgesperrt. Man kam nicht vor – noch rückwärts. Neue Rufe! Wir gehen ins Café Bauer hinauf, um vom Balkon die Menge zu übersehen – 10 bis 15 tausend waren es mindestens zwischen den beiden Ketten. Und jenseits sind auch noch welche. Auf einmal die Marseillaise. Wir wieder hinunter. Als wir gerade zum Tor hinaus wollen, ein großes Geschrei, 50 bis 60 Leute drängen aufgeregt ins Café hinein, so daß kaum Möglichkeit war, herauszukommen.

Wir erfahren: Die Polizei hat blankgezogen. Man spricht davon mit größter Erbitterung. »Wir brauchen keine Kosaken in Berlin!« »Die Kerle sollen doch lieber draußen auf die Feinde hauen, nicht hier auf wehrlose Frauen!« und ähnliche Worte. Als wir endlich wieder hinaus können, treibt die Polizei die Leute überall in die Seitenstraßen. Aber Aufsehen hat die Sache gemacht. Wir trafen Leute mit verbundenen Gesichtern. Ein feldgrauer Unteroffizier soll mit unter die Masse geschlagen haben. Auf der Heimfahrt nur ein Gespräch im Wagen. Und auch bei den Unbeteiligten die Stimmung: »Ja Frieden! Frieden!« (…)

Ach Schatz – wenn ich nur wüßte, was ich tun soll. Viele, viele Küsse

D. K.

 

Liebster!     Steglitz, [3.1.1916]

(…) Ach, Liebster, was wird dieses Jahr 1916 bringen! Werden wir endlich den Frieden erzwingen können? So lange unsere Leute den Himmel voll Siegesgeigen sehen, wohl nicht! (…)Gestern, den 2. [ Januar], war eine größere Familienbesprechung

zusammen mit Onkel Franz [Mehring] und Karl [Liebknecht]. Es handelte sich um die Ordnung des Nachlasses von Tante Rosa [Luxemburg], da waren natürlich auch die Verwandten aus den übrigen Orten gekommen: Aus Stuttgart, Frankfurt, Leipzig, Dresden, Chemnitz (Vetter Heinrich [Brandler]), der Dich ganz besonders grüßen läßt und uns viel Interessantes erzählte), Jena, Erfurt, Braunschweig, Düsseldorf, Bremen und Hamburg. K[nief ] aus Bremen grüßt Dich auch besonders. (…)Wir einigten uns auf Tante Rosas Testament und machten dadurch einen Trennungsstrich zwischen uns und der Familie von Onkel Georg [Ledebour], der dieses Testament natürlich anfechten wird. Eine Abschrift des Testaments schicke ich Dir, sobald ich es habe. (…)

Es umarmt und küßt Dich Deine Käte

 

Schatz!     Ostfront, nahe Mitau, 30.1.1916

Ab 8 Uhr heute früh donnern die Kanonen, was soll da werden? Wir müssen uns auf alles vorbereitet halten. Ich kann nicht beschreiben, welche Gefühle mich durchzucken. Immer wieder, wieder kracht’s, dazwischen hört man Gewehrfeuer – Leuchtkugeln erhellen den schwarz daliegenden Wald … (…)

Ohne Dich hätte ich nie so glücklich in meinem Wirken sein können. Nicht immer habe ich es Dir leicht gemacht. Wir haben halt auch miteinander ringen müssen, aber ich habe Dein Verzeihen, nicht wahr – und wenn wir jetzt zusammen zurückschauen, da liegt doch heller Sonnenschein auf dem Pfade, den wir gingen.

Du Herzliebste, ich lasse Dich den Kindern und dem Befreiungswerke zurück. Sei meine herrlichste, liebe Frau! Nicht krank werden, Du mußt wirken, sollst mich doch rächen, mich und die Millionen. Schatz, ich danke Dir nochmals und ziehe Dich an mein Herz – lebe wohl und glaube, ich will, ich wollte mich bis zum letzten Dir erhalten.

Lebwohl, mein Lieb, es küßt Dich Dein Hermann

Küsse die Kinder und mein Mütterchen und Deins von mir. Ach, daß Karl schön spielen lernt. Er soll den Menschen ins Herz weinen und sie emporreißen!

 

Mein lieber Schatz!     Steglitz, 30.4.-2.5.1916

(…) Also gestern abend [1. Mai] war die Demonstration – ich kann nicht übersehen, wieweit sie gelungen ist. Wir wurden von der Königsgrätzerstraße in die Köthener, Bernburger und Dessauer abgedrängt, versuchten von dort wieder in die Königsgrätzer zu gelangen. Da waren ca. 2-3.000 Menschen. Wie viele in den anderen Straßen waren, weiß ich nicht. Einige schätzen, daß doch im ganzen 10.000-12.000 da waren. Man weiß freilich gerade auf dem Potsdamer Platz nicht, was gewöhnliches Verkehrspublikum und was Demonstranten sind. Das Schlimme ist nur, daß sie Karl [Liebknecht] dort verhaftet haben. Heute früh war Haussuchung bei ihm, und da fanden sie ganz offen liegend noch ca. 120 Handzettel und mehrere Pakete Maiflugblätter!! Das wird ihm nicht billig zu stehen kommen. R[osa Luxemburg] wäre um ein Haar mitgefangen worden. (…)

Deine alte Käte

 

Mein liebster Schatz!     Carignan, 21./22.8.1916

(…) Die Menschheit sollte alle, die in diesem Krieg die Waffen getragen haben, für Lebenszeit brandmarken! Und ich bin mitten unter ihnen! Woher Selbstachtung wiederbekommen? Doch ich habe bis jetzt noch keinen Mord begangen! Und daran richte ich mich auf. Aber Du glaube mir, es gibt nichts Grauenvolleres als diesen Krieg! Und der Wahnsinn umgibt einen überall! (…)

Lebwohl

Dein H.

 

Liebster Schatz!     Steglitz, 22./23.9.1916

(…) Also gestern war dann Diskussion mit bunter Reihe, ebenso heute vormittag, dann die Schlußworte. Ich faßte mich kurz und wendete mich zum Schluß gegen eine Resolution, die Liebknecht die »Teilnahme « ausspricht und von Heine, Kolb, Keil usw. unterzeichnet ist. Ich habe in meinem Zorn gesagt, daß ich eine solche Erklärung von den Verrätern der Sache, für die Liebknecht hinter Kerkermauern sitzt, als den größten Schimpf empfinde, der dem Namen Liebknechts angetan werden kann.281 Da hatte ich gleich zwei Ordnungsrufe weg. Na, beinahe hätten sie mich heruntergeholt. Schadet nichts, mit der Bagage gibt’s doch keinen gemeinsamen Boden mehr. (…)

Viele, viele Grüße und Küsse von D. K.

 

Liebste!     Mouzon, 8./9.10.1916

(…) Wenn Millionen wortlos im gleichen Schritt und Tritt dahingehen am Zügel des Kriegskommandos – darf da ein einzelner sich vermessen, seine Stimme dem allen entgegenzusetzen? Und doch. Nichts Höheres als der Mensch! (…)»Du sollst nicht töten!« Das ist das einzige absolute Axiom des Lebens. Eine Regel ohne Ausnahme, wenn der seelische Fortschritt gewährleistet werden soll.

Was ist der Mensch doch für eine Maschine! Das Denken wird auf lange Zeit ausgeschaltet, aber noch schlimmer: Es wird in gewollte Bahnen umgeschaltet. Wo ist der Eigen-Mensch? Beim Bier in der Kantine? Im Kartenspiel? Verflucht wenig »Eigenes« erhält sich hier der Einzelne. Nur als Maschine kann der Mensch dieses Dasein hier ertragen. Und ich will nicht Maschine sein! (…)

Mit innigsten Küssen, in heißer Liebe und Sehnsucht

Dein H.

 

Mein lieber Schatz!     Steglitz, 9.2.1917

(…) Was kümmert mich’s, wenn jetzt der PV die Partei in Stücke schlägt, für die ich seit 20 Jahren mit meiner ganzen Kraft, mit allem Idealismus gearbeitet habe? Daß er Gegenorganisationen dort schafft, wo die Opp[osition] die Oberhand hat, und die oppos. Genossen hinausschmeißt, wo sie in der Minderheit sind. Was kümmert das mich? Wenn ich nur meine Nudeln, mein Mehl, meine Heringe ergattere; wenn ich nur von dort mal ein paar Erbsen, von da mal ein wenig Fett bekomme! (…)

Viele, viele Küsse von Deiner Käte.

 

Mein lieber Hermann!     Steglitz, 1.3.1917

Ich schreibe diese Zeilen, während zwei Kriminalbeamte die Wohnung von unten bis oben durchschnüffeln. Sie kamen ½ 10 und sind jetzt (½ 3) immer noch da. Der eine hat sich sogar äußerst ruppig betragen. O diese preußisch-deutsche Freiheit, für die Ihr draußen kämpfen und bluten müßt. Da wißt Ihr wenigstens, wofür! Erst packte der eine Mensch sogar meinen Astronomenkursus93 mit auf (»da konnte sich ja noch sonstwas darin verbergen«). Das Lustigste ist, daß sie den kleinen Notizblock (Kalenderblock), auf dem ich notiere, wann ich Briefe an Dich absende, als ein hochwichtiges Dokument mit eingepackt haben. Wahrscheinlich meinen sie, da irgend etwas besonders »Geheimnisvolles « erwischt zu haben. (…) So, jetzt sind sie weg, die Schufte! Ich sitze hier wie Marius auf den Ruinen von Karthago! Beinahe 5 ½ Stunden haben die Banditen hier gehaust. Was sie eigentlich suchten, haben sie nicht verraten. (…)

Viele Grüße und Küsse

Von Deiner Käte.

 

Meine liebe Maus!     Steglitz, 22.4.1917

(…) Zunächst will ich Dir von der Bewegung noch etwas erzählen. Also am Montag (dem 16.) zogen die Arbeiter in großen Zügen fabrikweise in die Stadt zu ihren Versammlungen. Die Polizei hielt sich absolut zurück. Scheidemann und Legien, als sie sahen, daß die Dinge nicht mehr zu ändern waren, versuchten durch die Gewerkschaftsbonzen nun wenigstens die Zügel in die Hand zu kriegen. Sie meinten, sich dadurch Dank und zugleich Ansehen von oben her zu verdienen und zugleich den Strom zu regeln, der sie eventuell mit fortschwemmen konnte. Leider ist’s ihnen in der Hauptsache gelungen. Sie haben alle politischen Forderungen unterdrückt, die von den Streikenden gestellt wurden. Sie wurden einfach nicht zur Abstimmung gebracht, und selbst dort, wo das erzwungen wurde, haben sie sie nicht weitergegeben, sondern bei den Verhandlungen mit den Behörden nur Ernährungsforderungen angeführt und verfochten. (…)

Viele, viele Küsse!

Deine Käte

 

Liebste!     Waldlager b. Marchais, 8.8.1917

(…) Man muß ein für ein taktisches Zusammengehen aller Anti-Mehrheitsleute berechnetes Minderheitsminimum-Programm finden.

1. Klassenbewußtsein. Straffe Zusammenfassung der proletarischen Organisationsbildungen und Bekämpfung aller Kompromißallianzen, Repräsentations- und Konzessionspositionen à la Müller.

2. Internationalität nicht nur als Paradekongreß, sondern durch dauernde Verbindung

3. Sofortige Abrüstungspropaganda und Verweigerung aller Militärausgaben in jeder Situation.

4. Sozialistische Weltanschauungspropaganda. Systematische Aufklärung (auch abzielend auf Austritt aus der Kirche) unter besonderer Betonung des international beigesteuerten Gedankenmaterials und Belehrung über die fremdländischen Bewegungen! Anregung internationaler Arbeiter-Wanderjahre, Austauschorganisation (evtl. auch Esperanto-Unterricht zur Verständigungsbasis).

5. Besondere Jugendpropaganda.

6. Weitgehendste Frauenrechtspropaganda für gleiche Rechte.

Viele Grüße und Küsse

Dein H.

 

Hermann an (Tochter) Hedwig Duncker

Mein liebes Töchterchen!     Steglitz, 24./25.10.1918

(…) Ich schätze, daß mehrere 100 000e Liebk. zujubelten, der unausgesetzt vom Wagen herab »Nieder mit den Hohenzollern! Es lebe die Republik! « usw. rief. Es war ebenso berauschend wie am Schluß niederschmetternd, als man von der Polizeifaust vom Wagen gerissen wurde. (…) Ich war am 24. 10. in der R[ussischen] B[otschaft] zu einer Feier für K. Liebk. Es war höchste Galatafel auf dem alten Zarengeschirr. Joffe, Bucharin, Liebknecht, Mehring, Zietz, Walcher, Globig, Hoffmann, [Hugo] Haase sprachen. (…)

Lebwohl – mit innigstem Gruß und Deiner gedenkend

Dein Vater

  

Käte an (Sohn) Karl Duncker

Mein liebster Junge!     Steglitz, 3.11.1918

Die nächsten Wochen werden hier wohl auch wild bewegt sein, man kann nicht wissen, was sie uns bringen. Wir, die wir ein Menschenalter lang für eine neue, bessere Zeit gekämpft haben mit Wort und Schrift, können nicht im Hintergrund bleiben, wenn es gilt, dafür auch mit der Tat zu kämpfen. Mein Junge, fern bist Du von uns, aber Du sollst uns doch verstehen. Jetzt ist der Boden bis in seine Tiefen aufgepflügt durch vier Jahre Weltkrieg, jetzt oder nie muß die Saat des Sozialismus ausgestreut werden, jetzt oder nie muß die kleine aber mächtige Menschengruppe beseitigt werden, die in jedem Lande die ungeheure Mehrzahl der Bevölkerung nur als Material für ihre Zwecke braucht, als Arbeitskräfte, als Soldaten, als Steuerzahler usw. Jetzt oder nie muß versucht werden, all die Güter der Kultur und der Technik, die bis jetzt nur einer kleinen Minderheit zugute gekommen sind, der ganzen Menschheit dienstbar zu machen. Gewiß, es wird auch in Zukunft Unterschiede geben, aber nur die Unterschiede der persönlichen Begabung, nicht mehr die Unterschiede des Geldes und der Erziehung. Wer weiß, ob z.B. die Müllersjungen es nicht weiterbringen würden als Du und Wolf oder eben so weit, wenn sie von Anfang an Eure Umgebung und Erziehung und Schule hätten genießen können. Sie sind so intelligente Burschen. Aber nun ist der eine ein Laufbursche und der andere konnte die gute Gelegenheit in Dänemark nicht ausnützen, weil ihm die Vorbildung für das Gymnasium, für Sprachstudien und dergl. fehlte. Ich habe in den 24 Jahren (seit 1894), wo ich im Arbeiterbildungswesen tätig bin, so viel Kraft und Begabung gesehen, die sich durch die Ungunst der Verhältnisse nicht entwickeln konnte oder wenigstens nicht so entwickeln konnte, wie es im Interesse der Einzelnen wie der ganzen Menschheit möglich gewesen wäre. Das, mein Junge, ist der wichtigste Grund gewesen, der mich zuerst für den Sozialismus gewann. (…)

Es umarmt Dich in großer Liebe

Deine Mutter

 

M. l. H.!     Steglitz, den 16.1.1919

(…) Die Demonstration des Militarismus in den Berliner Straßen ist ungeheuerlich.

Als ich gestern mit dem Auto der Reichskanzlei durch die Stadt fuhr, einmal Hauptstraße – Potsdamer und einmal Kürfürstendamm – Kaiserallee (denn sie haben mich im Auto zum selben Fleck zurückgefahren, wo sie mich eingeladen hatten), traf ich mehrfach Panzerautomobile mit Totenköpfen hinten aufgemalt, zahllose Truppen mit Geschützen, an vielen Straßenkreuzungen [mit] aufgepflanzten Maschinengewehren. Alle paar Straßen wurde »unser« Auto von schußbereiten Leuten angehalten und mußte sich ausweisen, immer bei Brücken oder Bahnunterführungen oder größeren Kreuzungen.

Kein Zweifel, die Regierung ist jetzt schon Gefangene der Soldateska! (…)

Nur einen Rat: faß alle Deine Entschlossenheit und Kaltblütigkeit zusammen und begegne den Leuten mit Stolz, Ernst und Kürze. Nur nicht ängstlich und zögernd und unentschlossen. Ich war hier in der Wohnung, obwohl es innerlich in mir kochte, eisig kalt, wies die Leute immer auf die Folgen ihrer Handlungen hin – wie der eine Kerl im Medizinkasten nach Waffen suchte, sagt ich, ich würde ihn ersatzpflichtig machen, wenn er mir das geringste verdürbe. Sie waren entschieden ein wenig eingeschüchtert durch dieses Vorgehen. Und ebenso bei der Vernehmung kurz, kalt, entschieden. »Das können Sie aus der Presse wissen, das ist kein Geheimnis.« Wie sie nach den russischen Geldern fragten, sagte ich ihnen: »Es ist bezeichnend, daß man sich eine solche Bewegung nur als Resultat riesiger Bestechungen erklären kann. Meine Herren, die Leute, die an der Spitze der Spartakusgruppe stehen, sind von einer moralischen Höhe und Reinheit, von der Sie sich wahrscheinlich gar keine Vorstellung machen können.« Ich meine, daß ich der Gesellschaft dadurch imponiert und unserer Sache auch genützt habe. Daß die 3 polizeilichen Volontäre mich schön wieder nach Hause fuhren, ist wohl der beste Beweis dafür. Ich bitte Dich dringend, Dich vorkommendenfalls mit der gleichen Entschlossenheit und Kälte zu wappnen. Ein paar Wochen Untersuchungshaft sind schließlich auch nicht das schlimmste. (…)

Viele herzl. Küsse

D. K.

 

Lieber (Sohn) Karl Duncker!     Berlin, 17.1.1919

(…) Aus entsetzlich schweren Tagen flüchte ich mich in Gedanken zu Dir – mein Junge –, möchtest Du doch nie einen solchen Zusammenbruch erleben! Noch kann man es ja nicht fassen. Deutsches Volk gebiert solch entmenschte Verbrecher. Kaum 2 Monate waren Karl und Rosa in der Freiheit nach mehrjähriger Kerkerhaft.

Mittelalter umgibt uns, Scheiterhaufen brennen – Karl, das Schlimmste ist, daß alle soziale Arbeit einem vergällt ist – wenigsten für einen Augenblick. Und wofür hatte man gelebt? (…)

  

Liebes Herz!     Berlin-Haftanstalt, 9.-12.3.1919

Die innere Beschaulichkeit, zu der mich der Revolutionssturm da draußen etwas plötzlich und gewaltsam geführt hat, läßt mich in Gedanken kramen, die ich eben gerne auch mit Dir sichten und vertiefen möchte. Ich empfinde einmal wieder die brutale Einseitigkeit meines rein politisch orientierten Geisteslebens. Und auch in diesem klettere ich eigentlich nur wie im Gerüst herum, ohne den Fuß in das Gebäude selbst zu setzen. Die großen Begriffsplanken und Entwicklungsstufen geben doch nur einen etwas windigen und halsbrecherischen Stand, die Fülle des dahinter sich erhebenden Lebens geht verloren. Und dabei spreche ich nur vom historisch-sozialen Leben. An das gewaltige Meer des naturalen Lebens darf ich schon gar nicht denken!

Da steh ich nun, ich armer Tor! Und frage mich: Kann man mit 45 Jahren noch mal »in die Lehre gehen?« (…)

Es ist halt Sonntagnachmittag, Glocken läuten und dazwischen knallen Schüsse. Und meine Zelle ist nur 5 Schritte lang – aus dem Fenster aber sieht man nur ein kleines Stück grauen Himmels! (…)

Lebwohl, Schatz!

  

Mein liebstes Herz!     Berlin-Haftanstalt, 26.3.1919

(…) Dann lese ich jetzt mit großem Interesse die Briefe des flämischen Malers Vincent van Gogh (1853 – 89). Es sind 2 dicke Bände Briefe an seinen 4 Jahre jüngeren Bruder Theo.60 Ein starkes soziales Gefühl, erst religiös eingekleidet, dann in stärkstem künstlerischem Impressionismus sich entladend. Gogh hat sich mit 36 Jahren das Leben genommen. Die Welt ging damals noch blind an ihm vorüber. Heute zahlt man 100.000e für die Bilder, vor denen er hungerte. (…)

In innigster Liebe denkt Deiner und Eurer

Dein Hermann

  

Liebster Schatz!     Lund, 24./25.6.1919

(…) Sozialismus in der Politik und Kapitalismus in der Wirtschaft, das führt nur zu Korruption und Unkultur. Das sehe ich hier, das sah ich noch mehr in Dänemark. Um sich selber zu retten, korrumpiert der Kapitalismus den Sozialismus: sozialistische Minister (wohlgemerkt Typus Ebert, Scheidemann usw., d. h. Leute, die ihrem Amt innerlich nicht gewachsen sind), hohe Löhne, kurze Arbeitszeit, alle möglichen Unterstützungen und Annehmlichkeiten, aber keine Selbstverwaltung der Arbeiter, keine Abschaffung der Lohnarbeit selber, eben kein eigentlicher Sozialismus. Dadurch schafft man allmählich ein dickes, faules und gefräßiges Proletariat (in Dänemark ist man dicht dabei), das sich seine Erstgeburt gegen das Linsengericht eines langweiligen Phäaken-Daseins, eines gutgepflegten Haustierdaseins verkauft. Ein Proletariat, nur graduell verschieden von dem römischen.

Das war mir nie der Sinn des Sozialismus. Ich hoffte von ihm nicht fette Bäuche, sondern erhöhtes Menschentum. Und das kann er nur bringen, wenn er den Arbeiter, jeden Arbeiter, zum Mitverantwortlichen an der Produktion macht; wenn er ihm das Bewußtsein gibt, daß er mit seiner Arbeit ein notwendiges Rad im Mechanismus des Gesellschafts- und Produktionsganzen ist. Erhebung der Masse zu selbstbewußten und gemeinsinnigen Gliedern des Ganzen, das sollte der Sozialismus bringen, nicht die Entwicklung einer neuen wohlgepflegten Stallviehrasse. (…)

Es umarmt und küßt Dich

Deine alte Käte

  

Liebste!     Gotha, 8.1.1920

Die Arbeiterhochschule läuft und das geradezu wüste Gebell der bürgerlichen Presse hier beweist, daß wir reiten. Die gesamte bürgerliche Presse bringt spaltenlange Artikel über die »Kommunistische Hochschule « des Mitglieds der Kommunistischen Zentrale Dr. Duncker, der, »nachdem er in Berlin und München abgewirtschaftet hatte«, hierher gekommen sei usw. usw.

Die Kurse waren bis jetzt übervoll. (…)

Wenn Du Dich doch entschließen könntest, mir für 14 Tage etwas Gesellschaft zu leisten. Du könntest dann die Wohnungssuche in Gemächlichkeit erledigen und Dich sonst umsehen. Der Vorfrühling hier im Park verspricht wundervoll zu werden. (…)

Viele Grüße auch an Nexö, seid lieb zu ihm,

H.

 

Ihr Lieben!     Gräfenthal, 11.9.1920

Da bin ich also wieder Wanderbursche! (…) Weißt Du, daß die kleinste Fahrt auf D-Zug III. Klasse 15 Mark Minimum kostet! Von Saalfeld-Probstzella (2 nebeneinander liegende Stationen) mußte ich Schnellzug fahren: 15 Mark. Ein toller Zustand. Gestern zu Fuß nach Probstzella und zurück, auch dort einmütige Zustimmung, trotzdem es dort noch keine KPD-Gruppe gab. Hier in Gräfenthal zahlen die Genossen mir die Diäten in »Naturalien« aus, d. h. am Sonnabend Kaffee und Kuchen in unbegrenzten Quantitäten bei einem Genossen, Sonntag früh holte mich ein anderer Genosse zu Kaffee und Kuchen zu sich, ein dritter zum Mittag (Kartoffelklöße usw.!), ein vierter zum Abend (Bratkartoffel, Bratäpfel usw.). Ich bin dick wie eine Nudel.

 

M. l. H.!     Gotha-Siebleben, 24.10.1920

(…) Bitte, nimm Dir doch den Ernst Meyer mal zwischen oder unter vier Augen vor (vielleicht kannst Du ihn mal in seiner Wohnung besuchen) und frage ihn auf Ehre und Gewissen über die Moskauer Zustände. Die »Vossische Zeitung« veröffentlichte nämlich vor einigen Tagen einen Brief von Gorki an Lenin voll wilder leidenschaftlicher Anklagen über die Einkerkerung bedeutender Gelehrter und Künstler in Rußland. Und aus Gorkis Feder, der doch jahrelang Seite an Seite mit den Bolschewiki stand, ist mir die Sache doch recht bedenklich. Eine Regierung, die solche Mittel ergreift, fühlt sich schwach! Ich fürchte, es geht doch bergab – ich bin wieder sehr verzagt. Gewiß – Rußland ist noch nicht zur Ruhe gekommen, es kann ja gar nicht aufbauen. Aber sein Sturz wäre furchtbar für uns alle, auf ein halbes Jahrhundert wären wir zurückgeworfen. (…)

Viele Grüße und Küsse von Deiner Käte

 

Liebste!     Im Zug von Lörrach nach Heidelberg, 8.2.1921

Von Sonnabendnacht bis heute mittag saß ich in Gefängnissen 1. In Riehen, 2. Basel, 3. Lörrach, bin aus der Schweiz und aus Lörrach für ewige Zeiten ausgewiesen! Und alles, weil man mich Sonnabendnacht ½ 11 beim unerlaubten Grenzübertritt in Riehen-Basel erwischt hat. Ich habe am Montag [7. 2.] in Basel eine Buße von 20 Franken zahlen müssen (die die Jugend dort bezahlt hat) und in Lörrach heute eine von 50 Mark, die ich auch zahlte. (…) Das war ein Fastnachtsscherz! Ca. 500 Mark ausgegeben, um 3 Tage in der Schweiz eingesperrt zu sein! Es ist nicht zu glauben! Ich habe schön geflucht. Die Ausweisung ist fatal!23 (Photographiert hat man mich auch und Fingermessungen vorgenommen!! Der reine Verbrecher! Die freie Schweiz! Hol sie der Teufel!) …

Auf baldiges Wiedersehen!

Euer H.

 

Mein liebes Herz!     Aachen, 10.5.1921

(…) Schlimm ist es, daß die Weltgeschichte jetzt so Schnellschrift schreibt. Einige Monate Atempause wären für die Partei fast unerläßlich gewesen! Und wieder und wieder sage ich: hinaus in alle nichtkommunistischen Veranstaltungen und dort das Ideal aufgepflanzt. (…)

Es grüßt und küßt Euch alle und Dich besonders

Dein H.

 

Du liebes altes Haus!     Berlin-Charlottenburg, 13./14.12.1922

(…) Am 15. gibt’s ½ Monatsgehalt, hurra! Da bin ich also wieder obenauf und kann nun auch Hedwig die Schuhe besorgen, wenn Du keine finden solltest. (…)

Lebwohl, mein treues, liebes Herz, innig grüßt und küßt Dich

Dein Hermann

 

M. l. H.!     Gotha-Siebleben, 13.1.1923

(…) Auf der Kasse sind 41.950 Mark am 8. Jan. eingetroffen. Gut, daß ich meine Diäten hatte, sonst hätten wir die erste Woche Hungerpfoten saugen müssen. Und so konnte ich doch noch einiges etwas preiswerter einkaufen. (…)

Ich sehe keinen anderen Ausweg als Arbeiterregierung und Anschluß an Rußland. Aber dazu sind die VSPD zu feige und eine nur kommunistische Regierung können wir jetzt doch nicht durchsetzen. Wenn es nur nicht doch über kurz oder lang wieder kriegerische Verwicklungen gibt, in die wir mit hineingezogen werden. (…)

Viele Grüße an Euch alle von

D. K.

 

Alter Dachs!     Gotha-Siebleben, 4./5.3.1923

(…) Die vielen Fraktionsbesprechungen haben den Grund, daß es hier in Thüringen kriselt. Man fürchtet die sächsischen Spuren und will sich deshalb unserer Mitarbeit versichern, selbst um den Preis größerer Konzessionen.

Lebwohl, alter Dachs. Herzlich umarmt Dich

Deine alte Käte

 

M. l. H.!     Weimar/Gotha-Siebleben, 11./12.[?]3.1923

(…) Sonnabend [10. 3.] dann nach Suhl, 3.28 hier ab, ½ 8 dort an! Und dann eine überfüllte Frauenversammlung, die mich erschüttert hat wie kaum eine, vielleicht mit einziger Ausnahme der in Charlottenburg am Montag vor dem 9. Nov. (Deine Mutter war mir dorthin nachgekommen, sie hatte auch einen starken Eindruck davon).62 Einmal der starke Besuch, dann aber hauptsächlich der lebhafte und revolutionäre Geist der Versammlung. Diese Suhler und Zella-Mehliser Frauen (es war ein großer Trupp von dort herübermarschiert zusammen mit einem alten Spartakusmann [Richard] Vogt, der sich als ein besonderer Freund von Dir bekannte) sind ja ein ganz anderes Völkchen als die Nordthüringer, da steckt schon süddeutsches Blut und süddeutsche Lebhaftigkeit drin. (…)

Gute Nacht!

 

M. l. H.!     Weimar, 15.5.1923

(…) Thomas hat ein interessantes Flugblatt der Nationalsozialisten bei sich – »Nie wieder Krieg« –, das sich bis auf ganz kleine (aber einschneidende) Abweichungen absolut unserer Phraseologie bedient. Man muß unbedingt dieses Flugblatt zerpflücken … (…)

Ich armes Luder pfeife wieder auf dem letzten Loch, Schlaflosigkeit, schreckliche Nervenschmerzen in beiden Unterarmen und Handgelenk, Appetitlosigkeit, plötzlich eintretende Übelkeiten, alles die Folge der Anstrengungen der letzten zwei Monate. Wenn wir nicht aus Siebleben herauskommen, ist auch keine Besserung zu schaffen. (…)

Viele herzliche Grüße und Küsse von

D. Käte

Noch eins: Ich habe diesmal einen Geburtstagswunsch, wenn er nicht

allzu kostspielig ist. Nämlich ein elektrisches Plätteisen. (…)

 

Liebste Käte!     Berlin-Charlottenburg, 29.5.1923

(…) Ich bereite jetzt in einer Sammlung Elementarbücher des Kommunismus vor.

1. Kommunistisches Manifest

2. Marx, Lohnarbeit und Kapital

3. Marx, Lohn, Preis und Profit

4. Lassalle, Verfassungsfragen

5. Lassalle, Arbeiterprogramm

6. Engels, Grundsätze des Kommunismus

7. Engels, Entwicklung des Sozialismus von Utopie zur Wissenschaft.

Hast Du noch etwas zu empfehlen oder dazu zu raten? Bitte überlege.

Ich möchte möglichst zu jeder Broschüre ein Fremdwörterverzeichnis machen. Auch Vorworte usw. (…)

Auf Wiedersehen, innigst

Dein Hermann

 

Hermann an (Sohn) Karl Duncker

Liebster!     Moskau, 3.-5.4.1924

Nun ist es also doch erreicht, und Deine Eltern spazieren auf dem Boulevard von Moskau, als wären sie schon immer hier gewesen! Ja, ja, das kann man sagen, der Vater ist ganz vergnügt auf dem Boden des gelobten Landes.

Gestern waren wir bei Clara [Zetkin], heute bei Radek. Gestern abend ½ 11 noch in ein Kino und um ½ 2 nach Hause. Wir schwimmen aber ganz vergnügt in dem Strom. Haben ein großes Zimmer – finden viele Bekannte und finden uns sehr wohl! (…)

Es hat Dich sehr lieb

Dein sich vergnügenwollender Vater.

 

Käte an (Sohn) Karl Duncker

Mein lieber Bub!     Berlin-Karlshorst, 12.-15.6.1926

(…) Ich bin sehr neugierig, was das am 20. Juni wird. Ob wir die notwendigen 20 Millionen Stimmen für die Fürstenenteignung aufbringen oder ob das hungernde deutsche Volk wirklich noch beinahe 3 Milliarden für das Fürstengeschmeiß übrig hat. Von den Anschlagsäulen grüßen Plakate: »Du sollst nicht stehlen!« (nicht etwa an die langfingrigen Fürsten gerichtet), »Volksentscheid ist Bolschewismus!« (der schwarze Mann kommt!), und der große Kurfürst und der alte Fritz und Wilhelm I. drücken auf die deutsche Tränendrüse mit der Frage: »Ist das der Dank für unsere Taten?« Demonstrationen von links und Demonstrationen von rechts! Wilhelm in Kürassieruniform auf einem Lastauto, Holz sägend. Die Luft ist elektrisch geladen und man fühlt, es geht nicht um die Fürstengelder allein, sondern für oder gegen den monarchistischen Gedanken, für Schwarzweißrot oder Schwarzrotgold und Rot mit dem Sowjetstern. (…)

Es sehnt sich sehr

Deine alte Mutter

  

Käte an (Sohn) Karl Duncker

Mein liebster Bub!     Berlin-Karlshorst/Friedrichroda, 10.-15.7.1926

(…) Das Geld ist dringend notwendig, wir kommen niemals aus. Vater hat ca. das halbe Gehalt wie vor dem Krieg und alles kostet 1 ½ bis doppelt soviel! Ich bin am 10. oder 12. fast immer mit dem Geld zu Ende, das er mir gibt: 70 Mark Miete, mit Gas und Licht, Zeitungen und Kohlen 100 Mark. Die Frau kostet mich 40–50 Mark im Monat. Und 250 bekomme ich. Das übrige muß ich zuverdienen, mit Ach und Krach! Weißt Du, es ist schrecklich herabdrückend, wenn man so elend knapp ist. Man ist wie ein Maikäfer, den man an einen kurzen Faden gebunden hat: wenn man die Flügel ausbreitet, um sich zu irgend etwas »aufzuschwingen «, ein bißchen Freude, ein bißchen schöne Lektüre oder Besuch von netten Menschen – schon ist der Faden zu Ende und man liegt wieder im Staub. Wenn doch nur einer aus der Familie ein bißchen money-making verstünde! (…)

Herzlich umarmt und küßt Dich

Deine Mutter

 

Mein lieber Hermann!     Berlin-Tempelhof, 2.3.1933

(…) Wie froh bin ich, daß wir heute endlich Verbindung mit Dir bekommen haben und Dir die notwendigsten Gebrauchsgegenstände übermitteln konnten. Du kannst glauben, daß wir das seit Dienstagnachmittag [28. 2.] eifrigst, aber leider vergeblich versucht haben. (…)

Viele herzliche Grüße von uns allen

Deine Käte

 

Mein lieber alter Junge!     Berlin-Tempelhof, 2.4.1933

(…) Es gibt auch wohl wieder Morgenglocken für uns.

Freilich, es ist wahr, ich habe mich noch nie in meinem Leben so für uns Deutsche geschämt als am Sonnabend, als ich am Spätnachmittag durch die Stadt fahren mußte.28 Das – 150 Jahre nach Lessings »Nathan der Weise«! Das ist nicht das Deutschland Goethes und Schillers, Fichtes und Hegels, Mörikes und Vischers, das da erwacht ist! Trotzdem verlier den Mut nicht – die Dialektik in der Geschichte bleibt, auch wenn es gelänge, alle »Marxisten« zu vernichten. (…)

Doch nun lebwohl, Liebster. Herzlich umarmt Dich

Deine alte Käte

 

Mein lieber Junge!     Berlin-Charlottenburg, vermutl. 5.10.1933

(…) Jedenfalls: Verlier nicht den Mut und die Haltung – denk immer, daß aufrechte Haltung auch dem Gegner Achtung abnötigt. Aber ich brauche Dir das nicht zu sagen – es war nur, weil ich fürchte, daß Deine durch die Ungewißheit der letzten Wochen zermürbten Nerven Dir einen Streich spielen möchten. Ach Lieber, bleibe stark! (…)

Es umarmt und küßt Dich

Deine alte Käte

 

Hermann an (Sohn) Karl Duncker

Liebster Karl!     Paris, 2.-7.10.1938

(…) Die Dinge der großen Welt sind ja maßlos traurig. 1938 ist eine furchtbarere Niederlage als 1933 (weltmäßig gesehen). Hitlers Hegemonie über Europa ist brutale Wahrheit (bald genug werden die antifaschistischen Emigranten auch hier verschwinden müssen).

Es ist eben so, daß den führenden kapitalistischen Schichten in den demokratischen Ländern der kapitalistische Faschismus doch lieber ist als sein Sturz und die revolutionäre Nachfolge. (…)

Man ist so elend allein.

Innigste Grüße

Dein Vater

 

Hermann an Käte und (Sohn) Karl Duncker

Ihr Liebsten beide!     Paris, 4.-9.2.1939

(…) Das schreckliche Elend an der spanischen Front liegt auch sehr auf einem. Es ist einzig der Mangel an Waffen, an dem diese Heldenschar verblutet. Noch sind 3.000 von den internationalen Brigaden unten und sehen dem Tode entgegen, wenn nicht rasche Hilfe kommt. Daß man Spanien untergehen läßt, ist das entsetzlichste Verbrechen und natürlich Selbstmord der Demokratien. [Ludwig]

Renn, [Erich] Weinert, zu viele liebe Freunde sind noch unten. (…) Wie wohl die liebe Mau die Reise überstanden hat? Ach, jene sozialistische Insel im Ozean, die sie einst in die Karte einzeichnete, hat sie nicht wiederaufgefunden! (…)

Mit innigem Gruß

Dein alter Vater

 

Liebste!     Paris, 22.-28.8.1939

(…) Liebe Käte, daß wir beide dieses Millionenelend noch einmal erleben müssen. Und noch dazu bei so verzerrter Situation. Alle die Eltern, die ihre Kinder, Frauen, die ihre Männer hergeben müssen. Kann die SU da wirklich beiseite stehen? Nein, ich rechne sicher auf einen zweiten Akt: Die ganze Welt gegen den Faschismus! (…)

Lebwohl, Du Liebste und lieber Karl. Innig Euer arg verdatterter Alter

 

Liebste Käte!     Paris, 28.9.-2.10.1939

(…) Ich bin entsetzt über die neuen Verhandlungen Hitler-Stalin! Nie hielt ich das für möglich. Daß man auch das noch erleben muß! Wischt nichts diesen Spuk fort? Eine Umwertung aller Werte! Bei dieser »Dialektik« kann ich nicht mehr mit. Nie und nimmer kann man einen Sozialismus auf dem Hitlerismus aufbauen. Pfui Teufel! Ich habe eine solche Wendung nie für möglich gehalten. Dafür reicht mein Verstand nicht aus! (…) Die Hitler-Pakt-Kommunisten von 1939 sind beinah das Gegenstück zu den Regierungssozialisten von 1914. (…)

Herzlichst

 

Liebstes Herz!     Paris, 3.-7.10.1939

(…) Aber ganz klar ist mir, daß wirtschaftlich der Sozialismus und politisch die Demokratie die Zielpunkte der menschlichen Entwicklung sind! Dem Wort Diktatur hat man einen ungerechtfertigten Inhalt gegeben. Da klaffte ein Widerspruch, der vieles in sich hineinschlang. (…)

Wir müssen tapfer durchhalten. Den Untergang des Hitlersystems will ich noch erleben! Innigst

Dein sehr Alter

 

Mein liebster Hermann!     Swarthmore, 24.2.1940

Es ist alles zu Ende – Karl hat gestern früh die Farm verlassen und hat sich unterwegs in seinem Wagen erschossen! (…)Er hat nichts zurückgelassen als einen wirren Zettel: Daß man bei Rademachers anrufen solle, daß niemand die Schuld trüge als er allein (auf englisch, für die Polizei!). (…)

Man ist lieb zu mir.25 Aber in mir ist alles tot und leer. Ich habe diesen Jungen zu sehr geliebt … (…) Ich kann jetzt nur noch bis zur Abwicklung von Karls Angelegenheiten denken. Weiter nicht. Da ist nirgends mehr Zukunft, es sei denn, ich könnte meine Rechnung mit Hitler oder Stalin begleichen – sie haben mir das Lebensziel in den Schmutz getreten – sie haben mir auch die Söhne genommen.

Lebwohl, Lieber, es umarmt Dich

Deine Käte

 

O Du Herzliebste, O Du Ärmste!     Paris, 4./5.3.1940

Eben die Briefe vom 21. und 24. 2. – O Gott – wie furchtbar – was hat Karl gelitten und was hast Du zu leiden. Ich beschwöre Dich, bleib aufrecht, bleib uns erhalten. Du hast meinen Lebensfaden nun fest in Deiner Hand – ich will nicht von Dir gehen, aber Du darfst auch nicht von mir gehen. (…)

Ja, wir wollen uns gemeinsam an Hitler rächen und einen anderen Geist zu verbreiten suchen! Aber ohne Dich bin auch ich erledigt. Gib mir den Trost, daß auch Du dieses Ziel willst – und wir führen Karl mit uns. (…)

 

Lieb!     Paris, 5.-8.6.1940

Um 12 heute nacht höre ich noch einen Pariser Radiobericht und morgen früh um 5 einen aus London. Hitler darf nicht durchkommen! (…)

Übrigens, einen Deutschenhaß habe ich jetzt auch zuweilen. Und ich kann ihn nur zu gut verstehen. Aber kann man Goethe und Beethoven, Grimm und Mörike, Hölderlin und Liebermann auch verwerfen wollen? (…)

 

Liebste!     Paris, 8.-13.6.1940

(…) Diese Riesenmassen, die Hitler auf die Schlachtbank führt – und sie folgen ihm gehorsam. Entsetzlich! Wie ist das zu verstehen? Das ist nicht nur Einschüchterung durch Terror, diese »Wehrerziehung« hat Millionen vergiftet durch Verfälschung der Geschichte, der Umwelt, der Moral und der Zukunft. (…) Dunkel und ernst. Wie fernes Wetterleuchten hörte man in der Nacht Geschützdonner. Meine Nerven sind aufs äußerste gespannt. (…)

12. 6.

Ich habe mich entschlossen, zu Fuß heute abend Paris zu verlassen, zusammen mit noch 2 Müttern … Das Schlimmste ist, sich von allen lieben Dingen trennen.

Ich muß ja alles schleppen. So werde ich nur Karls Bild mitnehmen. Du bekommst gleich Nachricht, wenn ich irgendwo »lande«. Freilich, da ist keine Luftpost, es kann also lange dauern! Also als Wanderbursch (mit kleinem Rucksack und Koffer) ziehe ich los. Aber doch in Begleitung, und das wird helfen. Noch einmal ein neuer Akt in meinem Leben! Ich bin selbst neugierig – lebwohl,

Innigst Dein H.

 

Liebste Käte, liebste Kinder und Ihr alle Lieben!     Orléans-Agen, 14.-23.6.1940

Ich kam noch aus Paris heraus – zu Fuß und Auto – schließlich bin ich hier in Orléans. Für mich gibt es keine Hoffnung mehr. In die Hände der Deutschen will ich nicht fallen! So blieb kein anderer Ausweg mehr übrig. Der Gedanke an Karl wird mir helfen. Verzeiht meine Schwäche und den Schmerz, den ich Euch bereite! Aber in eine Hitlerwelt passe ich nicht mehr hinein. O arme Käte! So sind wir nicht mehr zusammengekommen, und ich bereite Dir einen solchen Schmerz! Ich kann nicht anders!

Dein und Euer Hermann

  

Liebste Käte!

10 Tage, die die Welt erschütterten, haben nun auch mein armseliges Sein besiegelt. Seit dem 12. 6. befinde ich mich auf der Flucht aus Paris. Zu Fuß, per Autostopp usw. nach Orléans, Vierzon, Limoges, Périgueux. Ich wollte nach Bordeaux, das ist aber für Zuzüglinge gesperrt. So blieb ich schließlich gestern in Agen hängen.Habe mein ganzes Gepäck unterwegs verloren – unwiederbringlich (dabei Karls Bild und die liebsten Erinnerungen). Bin 5mal als vermeintlicher Parachutist angehalten worden. Das Entsetzliche ist, daß ich nicht mehr die Straßenschilder usw. sehen kann und absolut nicht mich verständlich machen kann. Ich bin hilflos und zittere des Nachts in meinem dünnen Sommeranzug, ohne Decke.

Das ist, was von mir übrig blieb. (…) Du kannst Dir nicht vorstellen, wie ich unter dem Mißtrauen der Menschen leide! Käte, es ist aus! Ich sehe keine Zukunft. (…)

Lebwohl.

Dein erledigter Hermann

 

Mein lieber armer Alter!     Drovers Rest, 10.6.-10.7.1940

… 10. 7.

Eben Dein trauriger Brief vom 25. 6. Wenn ich nur bei Dir sein und Dir helfen könnte! Am 7. Juli, kurz vor meiner Abreise hierher, traf ich F. C.] Weiskopf. Er will auch tun, was er kann, und ich schickte ihm die Abschrift Deines Briefes. Auch ein neues Affidavit werde ich für Dich bekommen – wenn alles nur noch rechtzeitig gemacht werden kann! Ich will mich erkundigen, ob ich Dir telegraphisch Geld anweisen lassen kann. Behalte den Kopf oben – es sind hier Leute am Werk, die Leute wie Dich herüberzubringen suchen, außerhalb der Quotennummer. Versuche durchzuhalten! Zeit gewonnen, alles gewonnen. (…)

Innig umarmt Dich

Deine alte Käte

 

Herzliebste!     Marseille, 5.-10.11.1940

… 6. 11.

Als ich auf der Präfektur heute früh Verlängerung beantragte, wurde ich verhaftet und in der Grünen Minna mit vielen Leidensgefährten in ein Lager gebracht, bin dort aber nach ca. 8 Stunden als wegen Alters nicht lagerfähig wieder entlassen und muß morgen wieder auf die Präfektur. (…)

Lebwohl, und kannst Du mein Briefgestammel lesen? Innigst

Dein sehr

 

Mein lieber Alter!     Wilmington, 2.12.1940

Da habe ich nun mehr als drei Wochen gesessen und gebangt. (…) Also Du hast das Visum! Ich wage es kaum zu glauben! (…)

Aber wenn’s auch noch einige Wochen dauert: es wird schon werden. Lebwohl und bald auf Wiedersehen. Innigst umarmt Dich

Deine alte Käte

 

Du liebe Käte!     Oued Zem, 18.6.1941

(…) Wir sind hier ca. 250 Personen, seit dem 8. 6. 200 km in der fast baumlosen [Gegend] im Inneren [von Marokko]. Wellblechbedeckte Baracken, Strohsäcke, Wasser nur spärlich zugemessen, Hitze 40-50 Grad im Schatten. Lebensfrische 6-8 morgens und 8-11 abends. Ach, es ist eine armselige Kumpanei. Jeden 2. Tag habe ich Durchfall, und Essen und Trinken wäre doch das einzig Positive. (…)

 

Liebstes Herze!     Casablanca, 31.8./1.9.1941

Am 4. oder 5. 9. bekomme ich das Visum. Am [??] oder [??] soll das Schiff (Nyassa) von hier über Cuba nach New York gehen … (…)Mit 4 Koffern und einem Liegestuhl komme ich an. Nicht sehr salonfähig.

Der beste Anzug steckt schon monatelang im Koffer. Und ich bin ziemlich shabby – na ja, ein Dandy war ich nie! Lebwohl, innigst in heißer Liebe

Dein H.

 

Liebe alte Käte!     Ballyclare, 13./14.9.1943

Da will ich Dir doch noch mal einen Brief schreiben. Es sind ja im Leben so manche an Dich abgegangen – aus bösen und guten Tagen. Man bildet sich gern ein, daß ein briefliches Wort noch ein besonderes Gewicht haben könnte, verkörpert es sich doch in wägbarem und dauerndem Stoff. (…)

Wieder und wieder denke ich nach über die Haupt- und Diskussionsartikel, die man jetzt dauernd ins Gespräch werfen müßte (sie zirkeln um Demokratie, Sozialismus und Humanität), und die besten, schlauesten Zugänge zu diesen Themen und die plausibelsten Beweise! Wir beiden Lehrerseelen sollten die beste Pädagogik für den Erwachsenen ausfindig machen können, um ihn sozial verantwortungsbewußter zu machen! (…) Gerade diese Zeit ist uns beiden noch gegeben, wollen wir sie zu nutzen suchen! (…)

Liebes Herz, Du hast da manchmal so wundervoll schlichte und eindringliche

Worte! Versuchen wir eine (oder die) polit. Fibel für die Analphabeten zu finden!

Und dürfte nicht für uns beide auch gelten: Danger shared is affection deepened.

Altes liebes Weiblein, laß uns im neuen Heim noch mal ein neues Kapitel aufschlagen (unbelastet durch hervorgezerrte Erinnerungen). Versuchen wir es mit liebevoller Nachsicht.

Dein H.

 

Hermann und Käte Duncker an (Tochter) Hedwig Kaltenhäuser

Du liebes Kind!     Kew Gardens, 4.-12.4.1946

Was mich beschäftigt, sind immer wieder Fragen der sozialen Moral. Alle Moral ist ja Sozialmoral, ist die Stimme der Gemeinschaft in jedem Einzelnen. Insofern gibt es auch eine absolute Moral: das Verhalten des Einzelnen, ohne daß keine Gemeinschaft Bestand haben kann. Das sind die »Kardinaltugenden«, die wir in allen Religionen irgendwie wiederfinden. Dann aber kommt der bedeutsame Unterschied im Umfang des Gemeinschaftsbewußtseins. Nur das Menschheitsbewußtsein garantiert die höchste Sozialmoral. Daher verbindet sich für mich Demokratie, Sozialismus und Humanismus zu der Dreieinigkeit der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zielsetzung!

Den Sonntagsprediger kann ich halt nicht verleugnen. Je älter ich werde, um so weniger! Und dazu kommt, daß ich dauernd darüber grüble, wie man zu der deutschen Jugend jetzt sprechen müßte, um sie zu entgiften von dem Nazigift (Rassengrößenwahn, Führeranbetung, Machtkult usw.).

Diese verführten Kinder müssen doch zurückgeführt werden können zu Kultur und Vernunft. (…)

Doch gute Nacht, Liebes! Küß die Kleinen von mir und sei innigst umarmt von

Deiner Mutter

 

Hermann und Käte Duncker an Lotte Erxleben und Hans Jendretzky

Liebe Lotte und lieber Hans!     Kew Gardens, 5.7.1946

Ich bin 1941 über ein Konzentrationslager bei Casablanca schließlich von Marseille nach New York gelangt.156 1940 war mein ältester Sohn Karl hier in Amerika gestorben. Käte hatte alle Hebel angesetzt, um mich endlich nach USA zu bekommen. Schließlich gelang es. Nun hausen wir in einer kleinen Wohnung in New Yorker Vorstadt und warteten zuerst auf den Sturz des Nazismus und nun auf ein neues demokratisches, auf den Sozialismus zuschreitendes Deutschland – und auf die Möglichkeit der persönlichen Rückkehr. Bitte schreibt bald wieder und mehr, mehr!

Viele Grüße an alle, die sich unser noch erinnern, besonders aber an Euch beide,

Hermann und Käte

 

Hermann Duncker an Wilhelm Pieck

Lieber Freund Wilhelm!     New York, 23.9.1946

Sehr froh bin ich, Dich an der Spitze der Einheitsbewegung des deutschen Proletariats zu wissen! Wir Alten, die wir ja in unserem eigenen Leben beide Flügel der deutschen Arbeiterbewegung verkörperten, fühlen gewiß am stärksten die Notwendigkeit des Wiederaufbaus einer einigen proletarischen Partei. Wo doch offensichtlich die alte herrschende bürgerliche Klasse durch den Sturz des Nazismus an Prestige und politischer Macht erhebliche Einbuße erlitten hat, könnte eine zielbewußte einige proletarische Klasse eine in der bürgerlichen Gesellschaft noch nie dagewesene Machtstellung erringen. Ein »Funktionswandel der politischen Reform« könnte sich offenbaren. An die Stelle der konservierenden Reform der alten bürgerlichen Politik könnte die Demokratie des werktätigen Volkes nunmehr revolutionierende Reformen durchsetzen. Es ist mir unverständlich, daß die deutsche Arbeiterschaft so zögernd an die Einigung herangeht.

Ich möchte mit meinen letzten Kräften noch gern an dem Einheitsbau der Arbeiterfront mitwirken und dadurch auch einer wirklichen »deutschen Reformation« voranhelfen, die sich ja nur im Zeichen des Sozialismus vollziehen kann!

Mit herzlichem Gruß auch von Käte in sozialistischer Kampfgenossenschaft

Dein alter Hermann Duncker

 

Käte und Hermann Duncker an Jossif Stalin

Werter Genosse Stalin!     [Berlin, Juni 1948]

die Unterzeichneten, Hermann & Käte Duncker, alte Veteranen der deutschen Arbeiterbewegung, wenden sich an Sie mit der Bitte um Nachforschungen nach dem Schicksal ihres Sohnes Wolfgang Duncker.

Wir sind beide seit 1898 in der sozialdemokratischen Bildungsbewegung in Leipzig, Dresden, Stuttgart und Berlin tätig gewesen, Hermann Duncker zeitweise auch als Lehrer an der Parteischule in Berlin, Käte Duncker als Mitarbeiterin der Genossin Zetkin in der Redaktion der »Gleichheit«. Wir gehörten dem linken Flügel der sozial demokratischen Partei an, und im ersten Weltkriege waren wir Mitglieder des Spartakusbundes, Freunde von Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Franz Mehring, Wilhelm Pieck usw. Seit ihrer Gründung am 30. Dezember 1918 waren wir Mitglieder der KPD und gehörten von Anfang an zu den energischen Bekämpfern der nationalsozialistischen Bewegung.

Unser jüngster Sohn Wolfgang, geboren 1909, war von 1929 bis 1933 Redakteur der für die Sympathisierenden herausgegebenen Tageszeitung »Berlin am Morgen«. Seiner Arbeitsmöglichkeiten durch die Nationalsozialisten beraubt, emigrierte er 1935 mit seiner jungen Frau in die Sowjetunion, wo er mit Unterstützung der deutschen Sektion und der Mopr Aufenthaltserlaubnis und Arbeit in der Filmproduktion Meshrapomfilm, dann Mosfilm, erhielt. Auf Eingabe an das ZIK wurde ihm mit Frau und Söhnchen im Januar 1938 die Sowjetbürgerschaft erteilt.

Am 23. März 1938 wurde unser Sohn verhaftet, wahrscheinlich infolge einer falschen Denunziation, und – der russischen Sprache noch nicht recht mächtig – wurde er gezwungen, eine Erklärung zu unterschreiben, die als Eingeständnis einer – nicht vorhandenen – Schuld aufgefaßt wurde. Er hoffte, bei späterer Vernehmung die Dinge klarstellen zu können, aber er wurde ohne weitere Untersuchung am 8. Juni 1938 von der Ossoboje Soweschtschanije laut § 58 Punkt 6 zu 8 Jahren Arbeitslager verurteilt. Seit August 1938 befand er sich im 19. mechanischen Lagerpunkt Loktschimlag (Komi ASSR). Der schweren Waldarbeit war er nicht gewachsen. Er erkrankte an Malaria und Skorbut. Zuerst konnte seine Frau ihm noch schreiben und gelegentlich etwas schicken. Aber seit dem Einfall der Nazis in Rußland riß jede Verbindung mit ihm ab. Seine Frau wie auch wir wissen nicht, ob er gestorben ist oder weiter nach dem Osten transportiert wurde. Nachforschungen, die seine Frau, Hermann Duncker von Paris aus und Käte Duncker durch die Gesandtschaft in Washington versuchten, führten zu keinem Resultat.

Seine letzte (April 1941) Adresse war: Schelesno-doroschnii Rayon, Possiolok Woschask, potschtowii Jaschtschick 243/18, L/P. Tschornaja Retschka, Komi ASSR.

Wir bitten nun Sie, verehrter Genosse Stalin, zu veranlassen, daß über den Verbleib unseres Sohnes nachgeforscht wird und wir von dem Resultat dieser Untersuchung benachrichtigt werden. Und wenn er noch lebt, daß es ihm ermöglicht wird, wieder mit uns in Verbindung zu treten oder gar – besser noch – zu uns zurückzukehren.

Bitte, erfüllen Sie dieses Gesuch zweier alter Vorkämpfer des Kommunismus, denen diese schwere Zeit bereits 1940 den ältesten Sohn geraubt hat.

Hochachtungsvoll

Hermann & Käte Duncker