Disput

»Die Mörder sind unter uns«

Vor 70 Jahren, am 15. Oktober 1946, erlebte der erste deutsche Nachkriegsfilm in Berlin seine Uraufführung

Von Ronald Friedmann

Die feierliche Uraufführung des Films »Die Mörder sind unter uns« am 15. Oktober 1946 im Berliner Admiralspalast, der damaligen Spielstätte der Deutschen Staatsoper, war ein kulturpolitisches Ereignis ersten Ranges. Der Einladung der Filmgesellschaft DEFA – sie war erst während der Dreharbeiten mit Genehmigung der sowjetischen Besatzungsmacht gegründet worden – folgten nicht allein Persönlichkeiten aus dem kulturellen Leben Berlins, sondern auch zahlreiche Vertreter der vier Besatzungsmächte. Die »Berliner Zeitung« berichtete am folgenden Tag: »Das war keine Filmpremiere, wie wir sie schon zu Hunderten erlebt haben, das war eine ganz besondere Veranstaltung, die als solche wohl allen, die anwesend waren, unvergeßlich bleiben wird. [...] Es war kein Spiel- und kein Unterhaltungsfilm, sondern ein Film […, der] mitten hinein in unsere deutsche Gegenwart führte, voller Probleme, die uns Tag und Nacht beschäftigen, bis zum Rand beladen mit all den Nöten und Beschwernissen, mit denen fertig zu werden das neue demokratische Deutschland gegenwärtig mit Leidenschaft dabei ist.«

Die Handlung ist mit wenigen Worten erzählt: Der Arzt Dr. Hans Mertens (Ernst Wilhelm Borchert) war am Weihnachtsabend 1942 hilfloser Zeuge, als sein Kompaniechef Hauptmann Ferdinand Brückner (Arno Paulsen) mehrere hundert polnische Zivilisten –  Männer, Frauen und Kinder –  erschießen ließ. Nach Kriegsende kehrt Mertens nach Berlin zurück und findet Unterkunft in der halbzerstörten Wohnung von Susanne Wallner (Hildegard Knef), die aus einem Konzentrationslager befreit worden war. Mertens leidet unter den Kriegserinnerungen und flüchtet sich in den Alkohol. Als er erfährt, dass Brückner den Krieg nicht nur überlebt hat, sondern bereits wieder Geschäfte macht und in Wohlstand lebt, beschließt er, seinen ehemaligen Vorgesetzten zu töten. Susanne, die sich in Mertens verliebt hat, gelingt es jedoch, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Man solle und müsse anklagen, so Susanne in der Schlussszene, dürfe aber nicht selbst zum Richter werden.

Gedreht wurde der Film in Studios in Potsdam-Babelsberg und in Berlin-Johannisthal. Die Außenaufnahmen allerdings entstanden direkt in den Trümmern Berlins. Das gab dem Film ein hohes Maß an Authentizität, auch wenn Kritiker in späteren Jahren immer wieder monierten, dass insbesondere die modische Kleidung der Hauptdarsteller nicht der damaligen Lebenswirklichkeit entsprach.

Für den bei der Uraufführung gerade vierzig Jahre alten Wolfgang Staudte, der das Drehbuch verfasst und Regie geführt hatte, war der Film »Die Mörder sind unter uns« ein wichtiger Teil seiner sehr persönlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit: Als Schauspieler – unter anderem in einer Nebenrolle in dem antisemitischen Machwerk »Jud Süß« – und Regisseur leichter Unterhaltungsfilme war er Teil der Goebbels‘schen Propagandamaschinerie gewesen.

Staudte arbeitete in der Folge insgesamt fast zehn Jahre für die DEFA. So entstand 1951 unter seiner Regie der Film »Der Untertan« nach dem gleichnamigen Roman von Heinrich Mann, eine einzigartige Kritik an der Borniertheit des deutschen Spießers. Folgerichtig wurde der Film in der Bundesrepublik zunächst fünf Jahre lang verboten, bis 1971 durfte er nur in einer stark gekürzten Fassung gezeigt werden.

Ein ähnliches Schicksal blieb dem Film »Die Mörder sind unter uns« erspart: In den Westzonen, wo man es Staudte nicht gestattet hatte, den Film zu produzieren, wurde »Die Mörder sind unter uns« erstmals am 10. April 1947 in Baden-Baden gezeigt – im März 1947 hatte die französische Militärzensur den Streifen für ihre Besatzungszone zugelassen. Die Freigabe für die US-amerikanische und die britische Besatzungszone erfolgte erst im Juni 1948. Der Film wurde damals nur in Bochum gezeigt, entsprechend gering war die Resonanz in der Öffentlichkeit. Im westdeutschen Fernsehen wurde »Die Mörder sind unter uns« erstmals am 18. Dezember 1971 gesendet. Das Fernsehen der DDR, damals noch Deutscher Fernsehfunk, hatte den Film bereits am 1. November 1955 im Rahmen seines offiziellen Versuchsprogramms erstmals ausgestrahlt.

Auch im Ausland gab es großes Interesse an dem ersten deutschen Nachkriegsfilm. »Die Mörder sind unter uns« wurde in mehr als zwanzig Ländern gezeigt und begründete so den wohlverdienten Ruf der DEFA als einer Filmgesellschaft, die die Auseinandersetzung mit Krieg und Faschismus als bleibende Verpflichtung verstand.