Disput

Haferflocken und Hirngespinste

Feuilleton

Von Jens Jansen

Erst dachte ich, es liegt am Sommerloch, dass uns die Regierung aufgefordert hat, einige Vorräte – nach Art der Eichhörnchen – zu bunkern. Aber dann konkretisierte der Innenminister das: Nahrung für zwei Wochen, bevorzugt Haferflocken, Mehl und Nudeln. Getränke für eine Woche, etwa zwei Liter Wasser pro Kopf und Tag. Daneben Zucker, Salz, Kerzen und einen Verbandskasten. Die Älteren kennen das vom Marsch zum Luftschutzbunker vor 75 Jahren. Da tobte der Zweite Weltkrieg. Allerdings ist der ja lange vorbei. Drum hieß es, das sei eine reine Vorsichtsmaßnahme.

Doch dann sah ich eine der unzähligen Fernsehdokumentationen über die Schlachten und Wunderwaffen der deutschen Wehrmacht. Da erklärten mir Generalstäbler und Historiker, dass der Zweite Weltkrieg eigentlich nur die Fortsetzung des Ersten Weltkrieges war. Dass dann nahtlos der Kalte Krieg mit der neuen Hochrüstung folgte. Und dass die heutigen Aufmarschpläne der NATO und der Bundeswehr weithin identisch seien mit denen früherer Feldherren unserer Kaiser, Führer und Kanzler. Im Grunde befinden wir uns in einem  hundertjährigen Krieg mit kurzen Pausen. Die neue NATO-Strategie mit schnellen Eingreiftruppen, kürzeren Vorwarnzeiten, Kernwaffen und Drohnen verlange natürlich neue Maßnahmen der Zivilverteidigung. Auch wegen Hochwasser oder Erdbeben. Wobei kein Lebender weiß, wie man ein »atomares Erdbeben« mit zehn Flaschen Wasser besiegen kann. Da blieb bei mir ein mulmiges Gefühl.

Beim »Tag der offenen Tür« in den Berliner Ministerien habe mich daher eingereiht in die Warteschlange vor der neuen Zentrale des Bundesnachrichtendienstes. Mal hören, ob die Agenten da mehr wissen. Aber deren Fenster waren dicht und die Türen verschlossen, wie es sich für einen Geheimdienst gehört. Der Presseoffizier durfte nicht verraten, wie viele Haferflocken und Kerzen für die 4.000 Mitarbeiter dieser Großsiedlung gebunkert sind. Er wusste jedoch ergreifend zu schildern, von welchen Gefahren unsere friedfertige Merkelei umzingelt ist: Was tun, wenn Moskau nach dem Raub der Krim auch Appetit auf Rügen oder Helgoland hat? Der Türke inszeniert als NATO-Spießgeselle mal fix einen »Bündnisfall«, schießt einen russischen Jäger ab oder schickt mal eben ein paar Panzer nach Syrien rein. Einst hatte das Osmanische Reich sogar Wien belagert! Und was kann alles passieren, wenn böse Islamisten eine Kalaschnikow unter dem Hemd haben? Noch schlimmer, wenn chinesische Cyber-Krieger so lange am Computer spielen, bis bei uns die Lichter ausgehen!

Ehe er dann auf die Invasion der Pokémons zu sprechen kam, bin ich gegangen, um schnell noch 100 Fruchtriegel zu kaufen.

Dieser Sommer hatte kein Loch. Er war angefüllt mit Haferflocken und Hirngespinsten. Dahinter stand kein Kabarett, sondern das Kabinett unserer ebenso geliebten wie gefürchteten europäischen Großmacht Deutschland. Unweit von der »James-Bond-City« in Berlin befindet sich das Naturkundemuseum. Dort kann man die Saurier bestaunen. Die sind ausgestorben, obwohl sie unheimlich groß und kräftig waren. Ihr Panzer wog zehn Tonnen – ihr Hirn wog nur zehn Gramm. Das war bei vielen deutschen Herrschern ähnlich. Bei allen, die vergessen hatten, was sie wirklich groß gemacht hatte: der Fleiß der kleinen Leute, die allesamt Frieden, Wohnung, Bildung, Betreuung und eine berechenbare Zukunft wie die Luft zum Leben brauchen. Die Waffenschmiede und Brunnenvergifter gehen für Macht und Profit über Leichen. Ich bin mir nicht sicher, ob die heutige Obrigkeit klüger ist, sonst würde sie nicht nach dem Motto »Viel Feind – viel Ehr!« eine so kurzsichtige Innen- und Außenpolitik betreiben!