Disput

Wie lernen wir in der Zukunft?

Kolumne

Von Nicole Gohlke

Die Digitalisierung breitet sich rasant in allen Lebensbereichen aus: Ob Arbeiten, Wohnen, Kommunizieren, Einkaufen oder Partnersuche – das Leben ist schon jetzt davon durchdrungen, und die Entwicklung steckt noch in den Kinderschuhen. Und nicht selten scheint es so, als seien wir der technischen Entwicklung machtlos ausgesetzt.

Allerdings ist das Wesen der Maschine kein technisches, sondern ein soziales. Denn Maschinen produzieren dort, wo Menschen es möchten. Das kann aus Profitgier oder aus Gründen der Arbeitserleichterung passieren. Ein einlösbares Freiheitspotenzial ist damit genauso vorhanden wie die Vergrößerung der Macht von Menschen über Menschen.

Dazu ein Beispiel aus der Bildung. Die New Yorker David-Boody-Schule wurde nach dem Konzept der »New Classrooms« umgestaltet. Statt im Frontalunterricht lernen die Schüler/innen in einem einzigen großen Raum an wechselnden Stationen. Manche reden mit ihren Lehrer/innen, andere nutzen Lernsoftware, wieder andere machen Gruppenarbeit. Am Ende eines jeden Tages machen sie einen kurzen Online-Test. Die Software errechnet, in welchen Bereichen sie am nächsten Tag nachlernen müssen und welche Methode dafür individuell am besten geeignet ist. Die Lehrenden sind nicht überflüssig, aber sie haben eine andere Rolle – sie sind vor allem Lernbegleiter/innen. Im regionalen Vergleich erzielt diese Schule Spitzenwerte. Als Bildungspolitikerin sehe ich darin einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung inklusiver Bildung. Statt dass Schüler/innen in ein normiertes Bildungssystem gepresst werden, passt sich die Bildung den individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten an. Denn je individueller die Bildung, umso besser entwickeln sich Kinder. Das ist besonders wichtig für diejenigen Kinder, die bisher aufgrund von Sprachbarrieren, Handicaps oder sozialer Herkunft im Bildungssystem unter die Räder kommen oder ausgesiebt werden.

Doch was sind die Risiken? Die Vorreiter der Digitalisierung sind die Weltkonzerne Google, Amazon, Facebook, und auch der deutsche Bertelsmann-Konzern investiert massiv in das E-Learning. Die Unternehmen stoßen in ein unterfinanziertes öffentliches Bildungssystem, vergrößern ihre Marktanteile und schaffen neue Abhängigkeiten. Sollten die FreinhandelsabkommenTTIP und CETA Realität werden, würden ihre Befugnisse massiv ausgebaut werden und die öffentliche Kontrolle immer weiter schwinden.
Gerade weil die neoliberale Ideologie einen schlanken Staat predigt und Bildungsangebote immer weiter in die Hände großer Konzerne übergibt, birgt der technische Fortschritt die Gefahr, dass Bildungseinrichtungen als Lernumgebungen verschwinden und Bildung zukünftig gänzlich als private Eigenleistung zu erbringen sein wird. Denn wo das digitale Lernprogramm läuft, ist aus technischer Sicht letztlich egal.

Die Möglichkeiten, die sich auch auftun könnten, sind jedoch enorm. Schon jetzt gibt es algorithmisierte Programme, die Mängel in der gesellschaftlichen Verteilung von Nahrung durch automatisiertes Umleiten beheben könnten – aber der Kapitalismus ist eben kein logistisches Problem. Stattdessen werden die Programme dazu benutzt, um Geldanlagen beim Wetten auf Preisänderungen von Nahrungsmitteln in Millisekunden auf dem Erdball zu verschieben und dabei den Mangel in der Versorgung durch Preisexplosionen erst zu erzeugen.