Disput

»Ick bin Ihre Kandidatin«

Sozial, solidarisch, selbstbewusst: Ines Schmidt, parteilos, will in Berlin für DIE LINKE ins Abgeordnetenhaus

Du bist gelernte Schneiderin und Straßenbahnfahrerin, bist seit Jahren erfolgreiche Frauenvertreterin bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Warum willst du nun in die Politik umsteigen?

Weil ick nach 20 Jahren mal was anderes machen könnte. Und weil ick jetzt diese Chance hab: Im November 2015 rief mich DIE LINKE an und fragte mich: Ines, hast du nicht Lust, dorthin zu wechseln, wo du schon mal als Fachfrau (zum Beispiel zur Novellierung des Landesgleichstellungsgesetzes) warst: ins Abgeordnetenhaus? Da hab ick mir gedacht, okay, da sitzt du vielleicht nicht »nur« mal als Fachkraft, sondern als eine, die linke Politik direkt mitgestaltet.

Fachkraft, das heißt bei dir: Gesamtfrauenvertreterin bei der BVG. Was macht eine Gesamtfrauenvertreterin?

Sie ist im Betrieb die oberste Frauenvertreterin, gewählt alle vier Jahre, und arbeitet nach dem Berliner Landesgleichstellungsgesetz.

In 20 Jahren hab ick die Rahmenbedingungen mit gesetzt und alle möglichen Projekte angestoßen, ick hab gezeigt, wo die Frau hingehört, wo die Frau qualifiziert werden kann, wo die Frau unterstützt werden muss, was Gleichstellung bedeutet. Jetzt haben wir den dritten Frauenförderplan abgeschlossen.

Bei der BVG sind 12.000 Beschäftigte in neun Dienststellen, und die haben je eine Frauenvertreterin. Ick bin sozusagen die oberste Frauenvertreterin vom gesamten Unternehmen. Bei uns arbeiten 2.300 Frauen, 19,7 Prozent aller Beschäftigten.

Ist das viel?

Ick würde gern 50 Prozent haben.

Warum?

Weil Frauen in so ein Verkehrsunternehmen gehören! Es ist doch uralt zu sagen, Verkehrsbetriebe, Wasserunternehmen, Stadtreinigung … sind Männerbetriebe mit Männerberufen. Das war mal so! Auch Frauen können Bus oder U-Bahn lenken. Und unsere IT-Technik: Man glaubt gar nicht, wie computeraffin Mädchen sind! Gerade in einem solchen öffentlichen Unternehmen muss die Frau nicht »nur« eine kaufmännische Ausbildung haben, sondern sie muss auch in die technischen Berufe einsteigen. Dafür engagiere ich mich ganz doll. Dafür, dass sie beispielsweise auch so einen großen »Gelben« lenken kann.

Du warst selbst Straßenbahnfahrerin.

Von der »6« und der »8«, in Marzahn. Es war schon toll, die »Asphaltschnecke« durch Berlin zu schieben. 1996 wurde ick dann gefragt: Mensch, Ines, du hast doch so ’ne große Klappe, hast du nicht Lust, Frauenvertreterin im Bereich Straßenbahn zu werden und dafür zu sorgen, dass die Frauen gleichberechtigt sind. Zu der Zeit hab ick noch gedacht: Was, Frauen nicht gleichberechtigt – was ist denn das für ein Blödsinn?! Direkt auf dem Straßenbahnhof, unter den Kollegen, merkte ick keine Unterschiede.

Und im Unternehmen insgesamt?

Zu meinem Anfang war die ganze Führungsebene männlich, da war’s unheimlich schwer für mich als Gesamtfrauenvertreterin, so anerkannt zu werden wie heute. Wenn da Personalfragen geklärt wurden, wurde ick nicht mal ansatzweise eingeladen. Ab und an gab mir die Sekretärin ‘n Tipp, und da bin ick hingegangen. Manchmal hab ick diese Sitzungen nicht durchgehalten mit Argumenten. Wenn da lauter Männer drin sitzen und dir die Welt erklären, ist das unheimlich schwer. Beim Bereichsleiter Straßenbahn hab ick mich nicht mal getraut, mich hinzusetzen, ick bin dann rückwärts wieder raus, und draußen sind die Tränen gelaufen.

So ist es hier in der Zentrale auch mit ganz großen Projekten passiert: Na, Ines, gibt’s noch irgendwelche Frauenfragen …, irgend ‘ne Heidi, die ein Problem hat …? Das wurde alles so runtergeredet, wie: Jetzt muss die Braut auch noch eingeladen werden, weil die irgendein Gesetz vertritt. Manchmal hab ick mich gefragt, warum tust du dir das an, warum machst du diesen Mist, dir dankt das doch kein Mensch?

Seit ick bei der BVG angefangen habe, betrug die Frauenquote immer 17,4 Prozent, immer! Ick konnte mir das Futter aus dem Ärmel reißen, ick konnte den Flur polieren, ick konnte aus dem Fenster brüllen – an den 17,4 Prozent konnte ick nicht wackeln. Wackeln konnte ick erst mit der Frau Dr. Nikutta, der neuen BVG-Chefin. Am 18.10.2012 haben wir die Frauenquote eingeführt, und an deren Erfüllung wurde die Zielprämie für Führungskräfte am Jahresende festgemacht. Seitdem stieg der Anteil der Frauen im Unternehmen auf 19,7 Prozent! Das wollen wir auf 20 Prozent (2017) und 27 Prozent (2022) erhöhen.

Du bist, meinte mal jemand und Ostdeutschen wird der Vergleich eine Menge sagen, eine Mischung aus Helga Hahnemann und Regine Hildebrandt. Das gefällt dir …?

Ja, das macht mich unheimlich stolz. Weil: Die Hildebrandt war ‘ne Frau des Volkes.

Ick merke, ick hab Höhen und Tiefen. Ick bin ein Mensch, der Höhen total genießt und manchmal von Tiefen richtig weggerissen wird, wo ich dann reingehe ins Büro, die Tür zumache. Und dann kommt irgendwann ein Erfolgserlebnis und ick sage mir: Okay, geht weiter.

Zum Beispiel?

Mit der Agentur für Arbeit hab ick ein Projekt für langzeitarbeitslose alleinstehende Frauen angestoßen, um ihnen bei der BVG eine Chance zu geben. Inzwischen sind das 41 Frauen!

Wie hast du dir deinen Stand in dem 12.000-köpfigen Unternehmen erarbeitet?

Abgesehen von den Qualifizierungen – ick hab alles mitgenommen, was es in der Hinsicht gibt (ick hab mir gedacht: Wenn du schon ‘ne große Fresse hast und von allem redest, musst du wenigstens wissen, wovon du redest) –, hat mich auch der Männerbetrieb geformt. Ick sagte dir ja: Manchmal hab ick mir gesagt: Um jeden Dreck unterm Fingernagel musst du hier kämpfen wie ‘ne arme Irre. Aber am nächsten Morgen, beim Zähneputzen, war mir dann klar: Die kriegen dich nicht! Nicht mal im Traum! Also, Rückgrat durchdrücken und wieder rein in die Manege!

Auch einige Vorstände haben mich unterstützt und meine Gewerkschaft ver.di, wo ick mich in Frankfurt am Main ein Jahr lang weiterbilden und ein Fachabitur in Arbeitsrecht machen konnte. Ick schloss als Projektmanagerin mit einem Diplom ab. Das formt dich in 20 Jahren, echt.

Heute hab ick überall Anerkennung. Wenn ick was sage, ist der Saal ruhig.

Und ick hab jetzt ein riesengroßes Netzwerk, da träumen viele von.

Zu unseren Schulzeiten gab es auf den Zeugnissen noch Noten für Betragen und Gesamtverhalten.

Ja, da hatte ick ‘ne 3, manchmal ‘ne 4: »Ines quatscht immer und stört den Unterricht …«

Der Betrieb schickte mich mal zu ‘nem Coach, der mir Hochdeutsch beibringen sollte, mit Filmaufnahmen und allem Drum und Dran. Fünfmal bin ick hingegangen. Danach haben sie gesagt: Ne, bleib einfach so, wie du bist.

Wann und wie sorgst du für Stille und Ruhe?

Ick kann auch zuhören. Und was Erholung betrifft: Anfang August waren wir vier Tage mit unserem Hund in einem Haus an der dänischen Küste, weit und breit nichts anderes. Wunderbar.

Wie reagieren deine BVG-Kolleginnen und -Kollegen auf deine Kandidatur zum Abgeordnetenhaus für DIE LINKE?

Manche sind total ruhig, einige sagen: Ines, ich mag dich ganz doll, aber es hätte auch die SPD sein können. – Doch DIE LINKE hat nun mal zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Fragen gestellt.

Von manchen älteren Kollegen, vor allem aus Westbezirken, wird ja DIE LINKE immer noch so als Überbleibsel von Stasi und DDR gesehen. Da quatsche ick dann.

Ansonsten erleb ick hier ganz viel Unterstützung, das ist total irre.

Welche Themen interessieren dich politisch besonders?

Gleichstellung, das ist klar. Und auf jeden Fall Jugend, bezahlbarer Wohnraum, sanierte Schulen, der Kampf gegen die sinnlose Autobahnverlängerung A 100 durch die Stadt: Ein paar hundert Millionen Euro einfach verbrennen, statt das in die Kieze zu stecken ...?! In meinem Wahlkreis sind ein Drittel Hartz-IV-Empfänger. Dort wird nicht viel gemacht für die Jugend, immer mehr Freizeiteinrichtungen schließen.

Ganz doll interessiert mich das Thema Geflüchtete. Ick bin jetzt im Flüchtlingsheim am Hausvaterweg unterwegs. Wir wollen dort junge Frauen unterstützten, dass sie in der BVG eventuell ab 2017 einen Ausbildungsberuf erlernen können. Das beginnt mit Deutsch-Kursen, damit sie mehr lernen als »Guten Tag« und »Die Heizung ist kaputt«. Mir ist das unheimlich wichtig. Ick bin kein Schreiberling, sondern eine Macherin, ick möchte das in Angriff nehmen.

Hast du ein bisschen Sorge, als Parteilose irgendwie durch die Partei vereinnahmt zu werden?

Wegen der Politik der LINKEN hab ick zugesagt zu kandidieren. Ick hatte mich vorher schon mit der Politik auseinandergesetzt und danach nochmal reingeguckt ins Wahlprogramm und überlegt, ob es meine Richtung ist, ob es das ist, was ick selber lebe. Und deshalb hab ick das Angebot zu kandidieren angenommen.

Die Versammlungen der Partei besuch ick sowieso; ick möchte wissen, was passiert.

Und ick weiß gar nicht, ob ich immer parteilos bleibe. Irgendwann wird’s vielleicht den Ruck geben, wo ick sage: Okay, heute trete ich ein.

Wann hast du mit dem Wahlkampf begonnen?

Ick bin ja ‘ne Schnelle: Angefangen hab ick am 1. Mai im Welsekiez, Volksfest, früh um acht, das war ‘n richtiger Kick. Ick bin von Bude zu Bude, hab alle angequatscht, Kontakte gemacht, hab Tüten mit Tomatenpflanzen und einem Flyer von mir verteilt: »Wie wär‘s mit ‘nem Pflänzchen? Ick bin Ihre neue Kandidatin. Ick möchte Sie kennenlernen, Sie möchten mich kennenlernen – auf der Karte steht meine Mailadresse«.

Der Kiez kommt ja nicht zu mir, also geh ick zum Kiez.

Wie läuft der Wahlkampf?

In meinem Welsekiez macht der Wahlkampf Spaß. Mit dem Chef von der Edeka-Halle hab ick gesprochen, ick darf davor stehen und die Leute anquatschen – der AfD-Kandidat nicht; er hat rundum die Läden befragt, er darf nirgends stehen. Das hat er sich verdient.

Na ja, ein SPD-Stand direkt neben mir ist mal von Neonazis zusammengeräumt worden, da kriegst du schon Angst. Manchmal kommen auch Sprüche wie »Den Scheiß kannste abräumen« oder, als neulich Roma neben der Haltestelle saßen: »Denen kannste was zu essen geben. Schließlich hat ihr doch dafür gesorgt, dass die bei uns sitzen.« – »Die sind eingereist, denn wir haben Europa und offene Grenzen«, hab ick geantwortet. Auf patzige Antworten geh ick nicht weiter ein, ick hab keinen Bock auf aggressive Leute. Aber wenn einer von Weitem schimpft, lad ick ihn manchmal ein: »Komm rüber, ick hab hier ‘ne Tasse Kaffee, lass uns quatschen …« Zwei sind darauf eingegangen. Ick weiß aber nicht, ob ick sie eingefangen habe.

Möchtest du noch was loswerden?

Dass möglichst ganz viele Wählerinnen und Wähler mich kennenlernen.

Ines Schmidt, geboren 1960, Schneiderin, Straßenbahnfahrerin, seit 1999 Gesamtfrauenvertreterin der Berliner Verkehrsbetriebe

Interview: Stefan Richter