Disput

Totengräber

Das kleine Blabla

Von Daniel Bartsch

Frühes Frühstück, kurz nach Mitternacht, dann auf zur Satanistenfete mit Teufelstanz. Die Flasche »Draculas Blut« ist verpackt, im Radio die Nachrichten. Ich höre: »… betätigt sich hier als Totengräber der Marktwirtschaft.« Ja, ja – gestorben wird immer, und was weg ist, brummt nicht mehr. Aber 2016 hat es schon zu viele erwischt.

Sterben ist so ziemlich die letzte Station auf unserer Reise auf zwei Beinen durchs All und ist als allgemein unangenehm verschrien. Dem Sprachbild vom »Totengräber« wohnt auch aus diesem kühlen Grunde die finale Dramatik inne: Hier wird beerdigt, nichts rührt sich mehr, es bleibt ehrendes Gedenken – wenn überhaupt. Aber am Fakt, an dem man nicht so rührselig hängen sollte, dass – einzig mit Jesu Ausnahme – tot gleich weg ist, ändert das nichts.

Was an dem Bild so ungemein stört, ist, dass es oft unangemessen drastisch und dramatisch theatralisch daherkommt. Jeder, der schon mal zum Friedhof musste, weiß, dass der Schmerz des Abschieds ein gewaltiger ist – und man assoziiert diesen sofort, wenn der »Totengräber« aufgerufen wird. Sei es der »Totengräber« der Marktwirtschaft, des Liberalismus, der UdSSR, des Freihandels … etc. pp. Nicht so schön. Und zweitens genießen die Verkünder offensichtlich und gern die (un)-wohligen Schauer, die sie auslösen. Den »Totengräber« auszubuddeln, ist immer ein bisschen über den Rand gemalt und in Permanenz unnötig.

Historisch wertvoll hingegen ist das Marx-Zitat über die Bourgeoisie: »Sie produziert vor allem ihren eigenen Totengräber. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich.« Na bitte – Sterben als Chance!

Ich weiß, einen Rat von mir anzunehmen ist, wie vom Tischler vermessen zu werden, aber dennoch: Nicht alles, was ein bisschen aus dem Ruder läuft, muss gleich beerdigt werden …