Disput

Gerechte Mobilität – mehr Raum für den Umweltverbund

Zur Debatte um einen ticketlosen ÖPNV

Von Gunda Wienke

Automobilität gilt als Synonym für Mobilität schlechthin. In den 50er Jahren wurde die autogerechte Stadt zum Leitbild. Mit dem massiv geförderten (Aus-)Bau von Straßen wurde der Zuwachs des Automobilbestands gezielt und rücksichtslos gefördert. Der öffentliche und gemeinschaftlich organisierte Verkehr (ÖPNV) galt als unzeitgemäß; als etwas, das den Kfz-Verkehr behindert. Genauso wie FußgängerInnen und RadfahrerInnen, die buchstäblich aus dem Straßenbild eliminiert wurden: Allein im Jahr 1970 wurden in der BRD fast 10.000 Fußgänger und Radfahrer getötet und mehr als eine Viertelmillion verletzt.

1960 lag die Motorisierungsrate noch bei unter 100 PKW pro 1.000 Einwohner, 2016 hatte sie sich vervielfacht (539 PKW pro 1.000 EinwohnerInnen). Der aktuelle Modal-Split liegt bei 65 Prozent motorisiertem Individualverkehr (MIV) zu 35 Prozent Umweltverbund – ÖPNV, FußgängerInnen und RadfahrerInnen. Schaut man auf die räumliche Verteilung der Verkehrsflächen, wird die Ungerechtigkeit noch offensichtlicher. Am genügsamsten sind FußgängerInnen unterwegs. Sie brauchen gerade mal 0,8 Quadratmeter. Ein stehender Kleinwagen besetzt 6,2 Quadratmeter, bei 40 Stundenkilometer sind schon 60 Quadratmeter nötig. 23 Stunden am Tag steht so ein »Fahrzeug« allerdings. Meist gratis auf öffentlichem Grund. Beim Parken gelten die sonst so hoch gehaltenen Marktmechanismen nicht. Die enormen Kosten fürs Parken werden auf die Allgemeinheit umgelegt – damit existiert hier bereits ein Umlageverfahren, allerdings nicht für den öffentlichen Verkehr, sondern für den privaten Individualverkehr.

Eine ressourcenschonende Mobilität ist unerlässlich, um den kappen urbanen Raum gerechter und effektiver zu nutzen. Dazu muss der ÖPNV gefördert werden – unter anderem durch ein umlagefi nanziertes, sozial gestaffeltes Bürgerticket. Die Abhängigkeit vom MIV ist zu verringern. Es muss eine ebenbürtige Wahl ermöglicht werden. Zwischen Fußweg, Rad-, Bus-, Bahn- oder PKWFahrt. Straßen als Grundlage für Mobilität sollten allen gleichermaßen zur Verfügung stehen.

Der übermäßige Vorrang für den MIV ist auch (zeit)ökonomisch absurd. Seit Jahrzehnten liegt der Mobilitätsaufwand konstant bei einer Stunde. Es wurden lediglich kurze Wege durch längere ersetzt. Strukturen, die das Auto begünstigen, verteuern das Wohnen, verschandeln die Umgebung und haben massive Auswirkungen auf unsere mentale und physische Gesundheit. Einer effektiven Mobilität sind sie eher abträglich.

Das Auto ist ein rückständiges Fortbewegungsmittel. Umweltbelastung und Energieverbrauch sind extrem hoch. 60 bis 70 Prozent der Luftverschmutzung in Städten gehen auf das Konto des MIV. Auch Elektromobilität und autonomes Fahren werden die Verkehrsprobleme nicht lösen, denn übermäßiger Flächenverbrauch wird so nicht eingedämmt (1,2 Personen pro PKW sind Schnitt). Die Milliardenförderung für Elektroautos hätte beim ÖPNV – der schon jetzt größtenteils elektromobil und für die Passagiere autonom ist – sehr viel größere Wirkung.  ## Öffentliche Mobilität sollte nicht nur gerecht und selbstbestimmt sein, sondern auch würdevoll.

Dazu gehört, dass Busse und Bahnen, sicher, barrierefrei und bequem sind und dazu gehört selbstverständlich auch, dass Fahrzeuge und Insassen nicht skrupellos zu WerbeträgerInnen degradiert werden. Gleiches gilt für den Fuß- und Radverkehr, der schlicht mehr Raum braucht, um angemessen stattfinden zu können. Auf das die Stadt nicht mehr den Autos, sondern den Menschen gehört.

Gunda Wienke ist für DIE LINKE sachkundige Bürgerin im Verkehrsausschuss des Rates der Stadt Köln.