Disput

Warum DIE LINKE für den fahrscheinfreien ÖPNV kämpfen sollte

Zur Debatte um einen ticketlosen Nahverkehr

Von Marco Böhme

Eines der Grundbedürfnisse der Menschen ist Mobilität. Mobil sein heißt, beweglich zu sein. Also eine Mobilitätschance oder die Wahl zu haben, wie man sich fortbewegt.

Ob ich eine Mobilitätschance habe und sie realisiere, hängt von meiner Lebenslage (zum Beispiel Einkommen, Infrastruktur, Führerschein, Fahrplan) und meinen Alltagsanforderungen ab. Es kann demnach sein, dass ich nicht mobil bin, weil ich keinen Führerschein habe, mir die Fahrt mit dem Bus nicht leisten kann oder gar kein Bus fährt, oder ich nicht zurückkomme, eine Behinderung habe und so weiter.

Mit all diesen Fragestellungen beschäftigen sich auch die meisten Verkehrsunternehmen und entwickeln ihr Angebot entsprechend weiter. Das ist auch nicht falsch, und das fordern wir auch.

Das Problem ist aber: Das machen alle! Also auch die Autoindustrie. Es geht nur um Verbesserungen im bestehenden System. Aber wehe, jemand will das System ändern! Genau darum geht es aber beim fahrscheinfreien ÖPNV – um einen Systemwechsel!

Ziel ist es, Mobilität für alle zu ermöglichen. Unabhängig vom Geldbeutel, Führerschein, Alter, Zeitressourcen und Umweltbewusstsein. Ziel ist es, den Straßenraum zu befreien von den Massen an Autos. Ziel ist es, das ÖPNV-Angebot so flächendeckend auszubauen, dass alle davon wirklich profitieren – zeitlich und finanziell, in der Stadt wie auch im ländlichen Raum mit modernen Fahrzeugen und attraktiven Verbindungen.

Es gibt unzählige Finanzierungskonzepte, auch von uns LINKEN. Grundtenor: Man soll keinen Fahrschein mehr kaufen müssen! Jeder kann einfach einsteigen, faktisch kostenfrei fahren. Das ist auch der Systemwechsel: Der ÖPNV ist schon bezahlt. Von allen! Solidarisch und gerecht. Denn alle haben etwas davon: Die AutofahrerInnen, die dann weniger im Stau stehen, AnwohnerInnen, die dann ruhigere Straßen haben, RadlerInnen und FußgängerInnen, die mehr Platz für ihre Wege bekommen.

Und ja, im ländlichen Raum wird in der Regel ab 18 Jahren mit dem Auto gefahren. Das bleibt auch so, selbst wenn alle 20 Minuten ein Bus ins Dorf fährt. Es reicht nicht, nur das System zu verbessern – die Leute müssen dabei auch mitmachen. In diesem Fall es mitfinanzieren, gerade aus Gerechtigkeitsgründen und gerade in einer Gesellschaft, die immer noch fast komplett auf das Auto ausgerichtet ist, wo die Straßen von der Allgemeinheit finanziert werden und für den ÖPNV nur dessen NutzerInnen aufkommen müssen.

Bei der Finanzierung sprechen wir faktisch über ein Semesterticket für alle, also eine solidarische Abgabe aller EinwohnerInnen. Durch die große Anzahl an potenziellen Neukunden sinkt der Preis für jeden Einzelnen. Genau dafür lohnt es sich zu kämpfen, denn der Preis entscheidet am meisten über die Nutzung des ÖPNV. Die Kosten sollen jedoch nicht nur die BürgerInnen durch Abgaben zahlen, sondern auch die Wirtschaft, TouristInnen und PendlerInnen müssen eingebunden werden.

Es lohnt sich, den Systemwechsel auch im Verkehrsbereich zu fordern, damit wir am Ende alle mobiler sind.

Marco Böhme ist Landtagsabgeordneter aus Sachsen und in seiner Fraktion Sprecher für Klimaschutz, Energie und Mobilität.