Disput

Der andere Würselener

Michael Horbach ist Millionär und für eine Vermögenssteuer. Zu Besuch bei einem ungewöhnlichen Reichen

Von Christian Werthschulte

»Morgen Du!«, sagt Michael Horbach und lacht. Die Lotto- Werbung lockt mit der Aussicht, Millionär zu werden. »Das ist der geilste Spruch überhaupt. Morgen Du! Ne, is klar.« Michael Horbach könnte an solche Sprüche glauben. Denn er ist einer, bei dem es geklappt hat.

Um elf Uhr vormittags hat der 66-Jährige eben einen wunderbar sanft schmeckenden grünen Tee zubereitet. Er sitzt mit weißem Hemd, modischer Brille und locker sitzender Jeans in einer bestimmt 30 Quadratmeter großen Küche in einer umgebauten Fabrik in der Kölner Südstadt, wo er mit seiner Frau lebt. Im Lotto musste er dafür nicht gewinnen, aber seine Lebensgeschichte ist fast ebenso unwahrscheinlich. Michael Horbach ist der Sohn eines ungelernten Pflasterers und einer Hausfrau aus Würselen bei Aachen. Heute kann er mit einem starken Aachener Dialekt von sich behaupten: »Ein paar Millionen habe ich noch, das reicht zum guten Leben« und kurz darauf sagen: »Die unteren 50 Prozent der Deutschen besitzen nicht einmal ein Prozent des Vermögens. Wenn das so weiter geht, gefährden wir den sozialen Frieden.«

Eigene Firma

Die Millionen für das gute Leben hat Michael Horbach mit Finanzdienstleistungen für Akademiker verdient. 1983, im Alter von 33 Jahren, hat er seine eigene Firma in Köln gegründet, nachdem seine damalige Freundin, eine Medizinerin, ihn nach ihrem Abschluss um fi nanziellen Rat gefragt hatte. Studiert hatte Horbach Volkswirtschaftslehre, unter anderem beim Links-Keynesianer Karl- Georg Zinn in Aachen. »Mit Professor Zinn habe ich heute noch Kontakt «, erzählt er. »Es war toll, wie er Zusammenhänge darstellen konnte. Der Mensch lebt ja nicht nur von der Wirtschaft, sondern ist ein Gemeinwesen. «

Horbachs Firma wächst schnell, 1998 wird sie in ein Aktienunternehmen mit Mitarbeiterbeteiligung umgewandelt. In den besten Zeiten sind dort um die 100 Leute beschäftigt, die Horbach persönlich eingestellt hat. »Ich habe ein ganz gutes Gespür für Menschen«, sagt er und erzählt von einem Beschäftigten, bei dem er aufgrund seiner Vergangenheit als DDR-Grenzsoldat erst skeptisch war. »Das war später einer meiner besten Mitarbeiter.«

Linker Student

Michael Horbach ist ein etwas untypischer Millionär, weil ihn die Rendite nicht lange motivieren konnte. Im Jahr 2000, zu seinem 50. Geburtstag, hat er sein Unternehmen, den Finanzdienstleister Horbach AG, verkauft. »Das war immer mein Plan«, erzählt er. »Das Ökonomische hat mich eigentlich nie interessiert.« 30 Prozent seiner Aktien gab er seinen Mitarbeitern, eine Million Mark hat er an Karlheinz Böhms »Menschen für Menschen« gespendet und mit einer weiteren Million eine Stiftung gegründet. Die Michael-Horbach-Stiftung vergibt Stipendien an Künstler aus dem Ausland und betreibt eine Galerie, bei der die Künstler 100 Prozent der Verkaufserlöse erhalten. Zuletzt fand dort ein interkulturelles Kunstprojekt zum Thema »Menschen auf der Flucht« statt, ab 1. Mai stellt Horbach seine Fotosammlung »sehn sucht« aus. In Kunst machen, das ist schon ein wenig mehr millionärslike, oder? »Ich habe immer gedacht, dass Kunst ein Bereich ist, der neben dem Kapitalismus steht«, sagt Horbach. »Heute weiß ich, dass es genau umgekehrt ist. Nur geschätzte 0,01 Prozent aller Künstler können von der Kunst leben«, fährt er fort und regt sich über Paragraf 13 des Erbschaftssteuergesetzes auf, mit dem man 60 Prozent der Erbschaftssteuer sparen kann, wenn man Kunst für zehn Jahre einem Museum zur Forschung oder für Ausstellungen zur Verfügung stellt – ein ideales Steuersparmodell. »Wer macht denn solche Gesetze? Der Hartz IV-Empfänger? Wohl kaum.«

Horbach hat den »Appell für eine Vermögensabgabe« unterzeichnet, der von einer Gruppe »Vermögender « initiiert wurde. »Wenn die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinanderdriftet, dann sitzen wir Reichen bald im goldenen Käfig«, beschreibt Michael Horbach seine Beweggründe, den Appell zu unterzeichnen. Er will auch in Zukunft noch auf seinem Rad durch die Kölner Südstadt fahren können, ohne Angst haben zu müssen. »Der soziale Friede ist eins unserer höchsten Güter.«

Als linker Student hat Horbach Karl Marx gelesen, heute ist seine Weltanschauung aber eher idealistisch geprägt. Er spricht von Gemeinsinn, Empathie, Altruismus, schwört auf ein »Glück durch Teilen«. »Das sind Werte, die bei uns immer weniger als cool oder schick gelten«, fi ndet er und sieht diese Entwicklung in Donald Trump und seinem mit Marmor und Messing ausgestatteten Trump Tower verkörpert. »Ich verstehe nicht, warum die wirklich Reichen nicht kapieren, dass man mit zusätzlichen materiellen Dingen vielleicht für drei Sekunden glücklich sein kann und sie danach nur noch eine Belastung darstellen.«

Immer wieder kommt er auf Kuba zu sprechen. »Auf meinen Kuba-Fotos lachen die Leute immer«, erzählt er. Einmal habe ihn ein Bekannter gefragt, ob die Bilder gestellt seien. »Der war richtig verstört, weil er meinte, das könne nicht sein, weil die Menschen auf Kuba doch so arm sind.« Sieben Mal hat Horbach die Karibikinsel besucht. Er liebt sie. Und sie ist für ihn ein Musterbeispiel für die außenpolitische Doppelmoral des Westens: »Obama hat in Havanna die Menschenrechte eingefordert – aber gleichzeitig hat er Guantanamo nicht geschlossen. « Und die Medien haben Obamas Forderung einfach so wiedergegeben. Und kaum ein Journalist scheint sich zu fragen, wie der amerikanische Militärstützpunkt mitten in Kuba entstanden ist. Horbach hat seine eigenen Erfahrungen mit dieser Doppelmoral gemacht. Vor ein paar Jahren wollte er eine kubanische Künstlerin nach Deutschland einladen. Die Behörden auf Kuba hatten ihr schnell ein Visum ausgestellt, nur die deutsche Botschaft zierte sich. »Ich habe schließlich zu der normalen Bürgschaft 50.000 zusätzlich hinterlegen wollen, dann ging es endlich«, erzählt er empört.

Reiche in der Pflicht

Michael Horbach ist bestimmt in seinen Ansichten, aber sanft im Ton. Egal, worüber er sich empört, Einwände gegen seine Ansichten lässt er stets gelten. Wie reagiert sein Umfeld auf seine politischen Ansichten? »Ich habe ja nicht viele Millionäre im Bekanntenkreis «, sagt er und lacht. »Das gibt mir nicht so viel.« Und dann erzählt er die Geschichte seines ehemaligen Finanzvorstandes. Der hatte vor seiner Karriere bei Horbachs Unternehmen bei der Deutschen Bank gearbeitet, mittlerweile betreut er den Ethikfonds, den Horbach zur Verwaltung seines Vermögens aufgesetzt hat. »Wir haben immer viel diskutiert «, erinnert sich Horbach. »Eines Tages meinte ich dann: Mensch, Andreas, du denkst ja kritischer als ich. Und dann meinte der: Michael, meinst du denn, dein jahrelanges Reden sei spurlos an mir vorübergegangen? Da lief es mir eiskalt den Rücken runter.«

Horbach sieht die Reichen und Konservativen in der Pflicht, ihre Haltung im eigenen Interesse zu verändern, weil die gesellschaftliche Linke dafür zu schwach sei. Viel Hoffnung darauf hat er jedoch nicht: »Die, die Vermögensverhältnisse einfrieren wollen, sind die Totengräber unseres Systems. Zu den wirklich Reichen dringen Sie nicht durch. Die leben in einer eigenen Welt und wollen nicht mehr zuhören.«

Staat, nicht privat

Dabei ist soziales Engagement von Reichen weniger außergewöhnlich als man denken könnte, selbst im neoliberalen US-Kapitalismus nicht. Synthesizer-Pionier Bob Moog etwa hat seine hochprofitable Firma seinen Angestellten vermacht, der Milliardär George Soros hat rund ein Drittel seines Vermögens für Bürgerrechtsorganisationen gespendet und Microsoft-Gründer Bill Gates hat über seine Stiftung mit mehr als sieben Milliarden Dollar den Kampf gegen Krankheiten in Afrika unterstützt. Aber anders als diese Reichen vertraut Michael Horbach nicht auf private Ethik, sondern will mithilfe von Staat und Politik für mehr Verteilungsgerechtigkeit sorgen. »Wir haben ein Gemeinwesen mit einem demokratisch legitimierten Staat«, führt er aus. »Aber wir ersticken in privaten Gütern und in manchen Bereichen ist schon öffentliche Armut da.«

Manchmal klingt Michael Horbach ein wenig wie SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, der wie er aus Würselen kommt. Dann sagt er Sätze wie: »Es kann doch nicht sein, dass man im Finanzsektor, der uns in die Krise geführt hat, Millionen verdient und diejenigen, die gesellschaftlich wertvolle Arbeit machen, können davon nicht leben« oder »In 200 Jahren werden die Menschen auf uns schauen, wie wir heute auf den Manchester- Kapitalismus schauen, und fassungslos sein«. Das klingt radikaler als es ist. Denn der politische Diskurs in Deutschland hat sich so weit nach rechts verschoben, dass selbst moderate Sozialreformen heute fast schon utopisch wirken. »In den sechziger Jahren hatten wir in Deutschland einen Spitzensteuersatz von 70 Prozent, unter Helmut Kohl gab es eine Vermögenssteuer. Heute ist es so, als ob das schon kommunistisch wäre.«