Disput

Der Fahrer und sein Chef

Für Thorsten Zopf ist er ein unkomplizierter Fahrgast. Für DIE LINKE ist er der Frontmann bei der Bundestagswahl: Fraktionsvorsitzender Dietmar Bartsch

Von Stefan Richter

So gern »Cheffahrer« gewöhnlich über Gott und die Welt schwätzen, über ihren »Cheffahrgast« schweigen sie sich meistens aus. Thorsten Zopf ist da anders. Möglicherweise liegt das auch an seinem Fahrgast: Dietmar Bartsch, 59, Fraktionsvorsitzender und Spitzenkandidat der LINKEN zur Bundestagswahl. »Eigentlich ist er immer gut drauf. Er unterdrückt, wenn ihn was nervt. Mit ihm ist jeder Arbeitstag angenehm.«

Zopf nennt Bartsch – je nachdem, mit wem er spricht – den Fraktionsvorsitzenden, Dietmar oder den Langen. Der Lange misst 1,93 Meter, »an guten Tagen 1,94«. Seit Januar legt ihr Kilometerstand enorm zu. Termine über Termine. Parteitage, Empfänge, Talkshows, Wahlkämpfe, Podiumsdiskussionen. Wie neulich, auf Einladung einer Tageszeitung, mit Vertretern der Wirtschaft. »Die sind uns gegenüber immer erst mal zurückhaltend«, schildert Beobachter Zopf. »Aber durch seine offene Art ist Dietmar dort sehr gut angenommen worden, nach der Veranstaltung gingen sie auf ihn zu.«

Der Fraktionsvorsitzende gilt als Allrounder, er hat noch hinzugelernt und, selbstverständlich, das große Programm der großen Politik drauf. Den Blick fürs Ganze, dazu die Kenntnis von vielem Speziellem: von Haushalt bis Ausland, von Kinderarmut bis Reichenreichtum. Fazit für Bartsch, der sich als demokratischer Sozialist versteht: »Wir wollen diese Gesellschaft grundsätzlich ändern.«

Das (norddeutsche) Steife am Langen täuscht. Er ist ein Familienmensch, dem seine Kinder und seine Enkel vorgehen, (fast) egal, welcher Termin ansteht. Und er ist ein äußerst humorvoller Mensch, der sehr gern lacht. Mal leise vor sich hin, oft herzhaft und laut. Wie in einer württembergischen Kleinstadt, als er im Wahlkampf 2011 auf die Frage eines Bürgers, wer denn »hier in Münsingen der Chef der LINKEN« sei, antwortete: »Wenn Sie eintreten, sind Sie das!«

Locker, aufgeschlossen, kontaktfreudig – er sei, sagt der Fahrer über seinen Fahrgast, so wie bei ihrer ersten Tour, 2006. In der Zeit zwischen PDS, WASG und der neuen LINKEN. Bundesgeschäftsführer Bartsch hatte damals bereits etliche turbulente Politikerjahre erlebt: Auf(s) und Ab, Überleben und anhaltende Erfolge der PDS so wie ihre Niederlage 2002, als sie nicht in den Bundestag kam.

Der promovierte Ökonom war zur PDS gekommen, als es dort keinen Blumentopf zu gewinnen, aber eine Partei und mit ihr eine politische Heimat zu verlieren gab. Wurde Schatzmeister, mehr und mehr Organisator, Taktiker, auch Stratege. Erlebte Hausdurchsuchungen und trat 1994 (mit Bisky, Gysi, Brie und anderen) in den Hungerstreik gegen eine absurde Steuernachforderung, die das Sofort- Ende der PDS bedeutet hätte. Das mag heutzutage nicht sonderlich interessieren, gehört gleichwohl zur umkämpften Frühgeschichte dieser, unserer Partei.

Kerstin Kassner kennt Bartsch seit jener Zeit: »Ich schätze ohne Ende, was er in all den Jahren für die Partei getan hat. Er hat in schwierigsten Zeiten schwierigste Aufgaben übernommen. Und er hat sie gelöst.«

Kassner, gelernte Kellnerin, später zweimalige Landrätin der Insel Rügen und nun Bundestagsabgeordnete, verweist auf seine Bodenständigkeit. Die sei typisch für Menschen im Norden: »Er tut, was er sagt.« Am 4. Juli 2011, vor Tau und Tag, gegen vier, hissten sie auf der Rügendamm-Brücke ein riesiges Banner. Sein Text sorgte bundesweit für Aufsehen und Nachfolger: »Ihnen einen schönen Urlaub! Der Kellnerin einen guten Lohn!«

An manchen Wahlabenden maß Bartsch 1,94 Meter. Am Wahltag 2002 waren es gefühlt 1,90 Meter, maximal – denn Bartsch war Wahlkampfl eiter und einer der Spitzenkandidaten! Auch auf dem Göttinger Parteitag 2012, mit der Kandidatur für den Parteivorsitz gescheitert, werden es kaum mehr als 1,92 Meter gewesen sein. Der verhinderte Vorsitzende duckte sich jedoch nicht weg: »Ich habe die gute Erfahrung der Niederlage. Aus ihr kann man unendlich lernen.«

Seit Herbst 2015 führen, zur Überraschung nicht weniger in- und außerhalb der Partei, Sahra Wagenknecht und er die Bundestagsfraktion. »Die Prophezeiungen, ohne Gregor Gysi bräche alles zusammen, sind nicht eingetroffen. Dass es funktioniert, hat die Atmosphäre in der Fraktion deutlich verbessert. Es gibt Unterschiede, darunter deutliche, auch zwischen Sahra und mir – das ist kein Geheimnis –, aber wir kriegen das hin.« Ihre Unterschiedlichkeit wollen sie im Wahlkampf »produktiv machen«.

Bartsch, so Parlamentskollegin Kassner, leite die Fraktion in Arbeitsteilung mit Sahra und sehr souverän. »Er kann mit guten Argumenten verbinden. Das ist notwendig bei den vielen Alphatierchen in der Fraktion.«

Kurzhosig? Wenn's passt

Nicht die Sprache unterscheidet ihn von anderen Politikern, auch er redet zuweilen bedeutungsschwer in großer Konsequenz von Fokussieren und richtig gut. Was ihn auszeichnet, ist die Fähigkeit, sich mal augenzwinkernd zu äußern, nicht alles zu Sagende an jedem Ort und zu jeder Minute auf die Goldwaage zu legen. Wenn er etwa die Fraktion in einer Sitzung wissen lässt: »Die Grundlage ist die eigentliche Substanz.« Oder: »Das Fragezeichen auf Seite 2 ist jetzt durch Nicken gestrichen.«

Oder wenn er – nach einem eigentlich kriminellen Anlass: dem Einbruch ins Zimmer eines Parteivorsitzenden im Februar 2007 – mit einer Presseerklärung die Aufmerksamkeit in eine spezielle Richtung lenken will: »Es wurden Schränke geöffnet. Aber auf den ersten Blick konnte nicht festgestellt werden, dass etwas Wertvolles entwendet worden ist. Auf dem Tisch des Parteivorsitzenden lag das druckfrische Antragsheft für den Dortmunder Parteitag. Interessenten möchte ich versichern, dass die Antragshefte seit gestern an alle Delegierten verschickt werden.« Das Schmunzeln lässt sich mitlesen.

Schalk steckt dahinter, Freude am (kurzzeitigen) Ausbrechen aus scheinbar vorgegebenen Rastern. Bartsch, so sachlich, diszipliniert, analytisch er wirkt, hielt sich noch nie für den Nabel der Politikwelt. Ein bisschen hemdsärmelig? Natürlich. Oder kurzhosig? Wenn’s passt.

Aus bayrischer Sicht erkennt LINKEN-Landesvorsitzender Ates Gürpinar: »Sicherlich kommen Dietmar und ich aus unterschiedlichen politischen Richtungen innerhalb der LINKEN. Und für die Bayern noch schlimmer: Er ist Preuße. Doch selbst als solcher besitzt er den Humor und die Offenheit, mit der er auch die Bayerinnen und Bayern zum Nachdenken und auch zum Lachen bringt. Unvergessen ist seine Rede zu (Plagiator) Guttenberg, die ich mir heute noch gern anhöre: ›Früher wusste der Adel, was an so einer Stelle zu tun ist …‹«.

Zwei Besonderheiten hebt der Spitzenkandidat 2017 hervor: die »richtig große« Dimension der Wahlentscheidung angesichts der veränderten Weltlage und das notwendige Ende der Koalition aus CDU/CSU und SPD. »Fast überall in Europa erstarkt der Rechtspopulismus. Wenn das bei uns anders wäre, gäbe das einen wichtigen Schwung für andere Länder.« Die Hoffnungen in Europa auf die deutsche LINKE (und Linke) seien »unendlich groß«.

Nicht abwinken

Die Große Koalition behandle bestimmte Probleme nicht mehr, sie fänden in der Öffentlichkeit kaum statt. »Deswegen müssen wir denen, die von der Politik nicht mehr gehört werden oder das glauben, eine kräftige Stimme geben.« Anders als alle anderen Parteien könnten wir ganz klar sagen: Eine Stimme für uns ist keine Stimme für die Verlängerung der Kanzlerschaft von Angela Merkel.

DIE LINKE könne erwiesenermaßen Opposition. Sie stehe selbstverständlich ebenso bereit für einen Politikwechsel: »Jahrelang haben wir darüber geredet. Jetzt könnte es die Chance dafür geben, da können wir nicht einfach abwinken: Och, neeee … Ja, wir kämpfen selbstbewusst für unsere Inhalte, ja, wir wollen einen Politikwechsel, damit es den Menschen besser geht.« Bartsch kämpferisch. »Von uns Spitzenkandidaten kann die Partei vollsten Einsatz erwarten. Wenn du eine solche Verantwortung annimmst, solltest du stets ein bisschen demütig sein: Du stehst für die gesamte Partei ein, und es gibt unendlich viele Menschen, die Hoffnungen mit unserer Partei verbinden.«

In Zopfs Wagen ist kein Platz für Monologe: »Wir unterhalten uns über alles Mögliche: über Familie, Gesundheit, Politik. Dass er immer offen dafür ist, wie ich als normales Parteimitglied bestimmte Sachen sehe, empfinde ich als sehr angenehm.« Der Cheffahrer ist da nicht privilegiert. Wer Dietmars Rat suche, weiß ein Vertrauter, für den finde er Zeit. »Dann legt er während des Gesprächs das Handy beiseite und schaut nicht ein einziges Mal drauf!«

Die Anforderungen sind riesig. Häufiger als früher beschreibt Bartsch sie als eine große Mühle: »Das Schlimmste wäre abzustumpfen. Das darfst du auf keinen Fall.« Nicht zuletzt deshalb machte er das Thema Kinderarmut zu einem Herzensthema. Wie das Thema Ostdeutschland.

Das Rattern der Mühle braucht Ruhe wenigstens für kurze Zeit. Abschalten kann er am besten mit den Enkelinnen und noch immer beim Sport: früher sehr aktiv und durchaus erfolgreich beim Volleyball, jetzt siegt, zeitbedingt, der Sportkonsum: bei den Berliner Eisbären oder beim FC Union. »Da ist aller Stress weg. Da kann ich mich mehr aufregen als« – Zögern mit Schmunzeln – »über die eigene Partei.« Union-Mütze ja, Union-Schal meist nicht. In Sektor 3, Alte Försterei, steht (nicht: sitzt!) der Fraktionschef als Dietmar, und der Lange holt auch mal Bier für die Truppe um ihn herum, an guten Tagen 30, 40 Bekannte (»der Kommunistenblock«) – und bringt die Becher für das Pfand zurück, der Schatzmeister a. D.

Die Leidenschaft für die »richtigen« Tore und Sieger verbindet Thorsten und Dietmar. Nur in einer Frage scheiden sich die Sport-Geister. »Ich bin«, gesteht Zopf, »nebenbei noch ›Bayern‹- Fan. Entsprechend unterschiedlich kommentieren wir die Ergebnisse. Aber Dietmar weiß dann: Im Auto sitzt der Fahrer am längeren Hebel.«