Disput

Im Kampfmodus

In den Sitzungswochen des Bundestages kommt Sahra Wagenknecht kaum zum Durchatmen. JournalistInnen wollen jeden ihrer Schritte dokumentieren

Von Josephine Schulz

Auf der Leinwand des Berliner Babylon-Kinos kann sich Sahra Wagenknecht an diesem Abend selbst betrachten. Zu sehen sind die Tortenattacke auf dem LINKEN-Parteitag im vergangenen Jahr in Großformat und Ausschnitte ihrer Interviews zur Flüchtlingsfrage. Zusammen mit den Generalsekretären von CDU und SPD, Peter Tauber und Katarina Barley, und der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry sieht sie in ihrem Kinosessel die Dokumentation »Nervöse Republik«. Von den Grünen ist niemand da. Der Film berichtet über den Alltag von Politikern und Journalisten und ihren – wie es dort heißt – Kampf um Öffentlichkeit. Ein Kampf, der Sahra Wagenknecht täglich begleitet.

Wenige Stunden zuvor haben sich in ihrem Büro drei Kamerateams die Klinke in die Hand gegeben. Ein Interview folgt auf das nächste. Die eine Kamera fi lmt, wie die andere auf die linke Spitzenkandidatin gerichtet ist. Jeder will so viel wie möglich aus dem Alltag der prominenten Politikerin festhalten. Inmitten des Tumults sitzt Sahra Wagenknecht, ruhig, fast zurückhaltend, bittet einen Gast nach dem anderen freundlich herein. Sie fragt die Journalisten höfl ich, wo sie sich hinsetzen soll, wirkt fast, als wolle sie die Kamerateams nicht bei der Arbeit stören, die doch nur ihretwegen gekommen sind. Ein Bild, das kaum zu der offensiven Frau aus dem Fernsehen passt. »Es ist natürlich schwierig, jemanden als Menschen zu beurteilen, den man vor allem aus Talkshows kennt«, sagt sie. »Da ist man ja immer im Kampfmodus.«

Die öffentliche Plattform für ihren Kampfmodus braucht sie. Nicht etwa, weil sie den Trubel um ihre Person genießen würde. Zwischen den Kameras in ihrem Büro macht sie nicht den Eindruck, als sei sie ein Fan der Selbstinszenierung oder hätte großes Interesse an einem Leben als Popstar. Dennoch: »Ich glaube, es ist wichtig, dass man die öffentlichkeitswirksamen Foren, Talkshows und dergleichen, nutzt, um überhaupt erst einmal unsere Positionen deutlich zu machen.«

70 Prozent der Menschen würden sich wünschen, dass es in Deutschland gerechter zugeht, sagt sie. Würden diese Menschen ihre Wahlentscheidung treffen wie ein Wahl- O-Mat, müsste DIE LINKE eine absolute Mehrheit haben. »Aber so funktioniert das nicht. Es gibt Vorbehalte, Unsicherheiten, teilweise auch Vorurteile, weil viele Menschen unsere Positionen gar nicht kennen.« Deshalb setzt sie sich Woche um Woche auf die Sofas in den Fernsehstudios und wiederholt stoisch die Kritik am abgebauten Sozialstaat, am »neoliberalen Parteienkartell«, das mit seiner Politik im Interesse von Großkonzernen die Schere zwischen Arm und Reich auseinandertreibt.

Ihre Positionen mit Vehemenz zu vertreten, das hat sie nicht erst bei Anne Will gelernt. Die Konsequenz, auch angesichts von Widerständen, zieht sich durch ihre Biographie. 1969 in Jena geboren, wächst sie in Berlin bei ihrer alleinerziehenden Mutter auf. Der Vater muss zurück in den Iran, als sie noch ein Kleinkind ist. In der DDR lässt man sie trotz bester Noten nicht studieren. Den Sekretärinnenjob, der stattdessen für sie vorgesehen ist, lehnt sie nach kurzer Zeit ab.

In der Wendezeit igelt sie sich für zwei Jahre in ihrer Berliner Wohnung ein und vertieft sich ins Selbststudium. Dann begann sie, sich in der PDS zu engagieren. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Durch ihre Arbeit in Partei und Parlamenten wurde sie zur öffentlichen Person. Auch in ihrem Privatleben veränderte sich etliches. Mit ihrem zweiten Ehemann Oskar Lafontaine lebt sie heute im Saarland.

In der Partei kontrovers diskutiert werden mitunter ihre Aussagen zur Flüchtlingspolitik. DIE LINKE müsse Probleme ansprechen und nicht weg reden, erklärt sie gegenüber DISPUT. Sie müsse klar aufzeigen, wer die Schuld trägt, etwa an Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt. »Und das sind ja nicht die Flüchtlinge, sondern die politischen Entscheidungsträger. « Dabei ist Sahra Wagenknecht immer wieder auch ungerechten Anfeindungen ausgesetzt. »Sahra verteidigt das Asylrecht und hat stets gegen seine Aushöhlung gestimmt. Übrigens im Gegensatz zu den Grünen, die Asylrechtsverschärfungen mitgetragen haben und oft ein doppeltes Spiel mit den Rechten der Flüchtlinge spielten«, betont die Parteivorsitzende Katja Kipping.

Die Ökonomin

Das Feld, auf dem Sahra Wagenknecht seit jeher Zuhause ist, ist die rationale Analyse komplexer wirtschaftlicher Zusammenhänge. Was haben Freihandelsabkommen und europäische Exportsubventionen mit Migrationsbewegungen zu tun? In welchen außenpolitischen Handlungen liegen die Wurzeln des internationalen Terrors? Ihre Antworten kommen wie unumstößliche Gewissheiten daher. An ihren Analysen zweifelt sie nicht, sie muss nicht nach Wörtern suchen, hält ihre Vorträge problemlos aus dem Stegreif. Für ihre Eloquenz und Intelligenz bekommt sie Anerkennung, auch weit über das linke Spektrum hinaus.

Oft erzählt sie, wie sie noch vor Beginn ihres Philosophiestudiums 1990 alle Klassiker verschlungen habe – Hegel, Marx, Aristoteles, Kant, Goethe. Mehr als 12 Stunden Lesezeit am Tag waren keine Seltenheit. Später, neben ihrer Tätigkeit als Abgeordnete im Europaparlament und dann im Bundestag, schreibt sie ihre Promotion über das Verhältnis von Einkommen und Sparverhalten. Mit der gleichen Disziplin, mit der sie sich als Jugendliche durch philosophische Theorien arbeitete, eignet sie sich die ökonomischen Theoretiker an. Marx nehme sie noch immer ab und an zur Hand, erzählt sie. »In diesem politischen Alltagsstress kann man oft nur kurzfristige Punkte thematisieren. Da ist es manchmal nötig, die langfristige Perspektive wieder aufzufrischen. Dabei sind die großen Philosophen in ihrer Draufsicht und Weitsicht ganz wichtig. Und besonders Marx hat bestimmte Zusammenhänge einfach genial vorhergesehen und beschrieben.«

In ihren öffentlichen Reden tauchen seit Längerem statt Marx eher Willy Brandt und Helmut Kohl auf. Reden über einen vormals gebändigten Kapitalismus, die ihr sogar auf Veranstaltungen mit Wirtschaftsvertretern Zuspruch einbringen. Doch natürlich, so beteuert sie, sei die Wiederherstellung des Sozialstaates unter Kohl keineswegs ihr letztendliches Ziel. »Es geht natürlich nicht nur darum, dass der Mindestlohn um zwei Euro steigt oder der Spitzensteuersatz angehoben wird. Am Ende geht es um einen anderen Gesellschaftsentwurf. Darum, wem die Wirtschaft gehört, die Unternehmen, die Ressourcen. Und wie man die zunehmende Produktivität als Freiheits- und Freizeitgewinn für alle nutzen kann.«

Für sie selbst bleibt Freizeit zumindest in den momentanen Berliner Sitzungswochen fast ein utopischer Wunsch. Um 9.30 Uhr hat dieser Tag für sie begonnen, um 22.00 Uhr sitzt sie nun in ihrem Kinosessel und schaut zu, wie sie selbst und die anderen Politiker auf der Leinwand in Autos mit Chauffeuren einsteigen und von Veranstaltungen davonfahren. Haben sich die Politiker von den einfachen Bürgern entfernt, fragt der Film. Ein Vorwurf, den Sahra Wagenknecht sich trotz ihres medien-dominierten Alltags nicht machen lassen möchte. »Wenn man Wert darauf legt, kann man als Politiker natürlich die Bodenhaftung behalten«, sagt sie. Jeden Tag bekomme sie rund 100 EMails von Bürgerinnen und Bürgern. »Und ich kann ganz ehrlich sagen, wer mir schreibt, der kann sich darauf verlassen, dass ich seine Nachricht lese.«