Disput

Kalle für alle

Karl-Heinz Gerigk hat am eigenen Leib erfahren, was in der Mietpolitik falsch läuft. Er ist zur Gallionsfigur der Bewegung gegen Mietexplosion und Verdrängung geworden

Von Anja Krüger

Er freut sich darauf, dass bald sein erstes Video fertig ist. »Die Reichen wohnen, wo sie wollen. Die Armen wohnen, wo sie sollen«, singt Karl-Heinz Gerigk darin. »Spekulanten wollen uns vertreiben, aber wir bleiben.« In diesen Wochen soll der letzte Schliff erfolgen, dann wird der Film im Internet veröffentlicht und hoffentlich ein Hit.

Als »Kalle« ist Karl-Heinz Gerigk zur Gallionsfi gur im Kampf für erschwinglichen Wohnraum und gegen Zwangsräumungen geworden. Entschlossen wehrte sich der städtische Angestellte gegen den Rauswurf aus seiner Wohnung im Kölner Agnesviertel, die luxussaniert werden sollte. Er löste damit eine Solidarisierungswelle weit über das Rheinland hinaus aus. Sogar in Chile trugen DemonstrantInnen ein »No Mas Desalojos – Alle für Kalle«-Transparent. Pfarrer, Künstler und Schriftsteller wie Günter Wallraff unterstützten ihn. »Kämpf weiter!«, schrieb ihm der Liedermacher Konstantin Wecker. Als Münchner wisse er, »was es heißt, das Bett unter seinem Hintern wegsaniert zu bekommen«.

32 Jahre lebte Gerigk in seiner 68 Quadratmeter großen Wohnung in der Fontanestraße. Die Miete lag bei 345 Euro kalt – für heutige Verhältnisse extrem günstig. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Immobilienpreise im Agnesviertel mehr als verdoppelt. Das macht die innenstädtische Gegend attraktiv für Immobilienhaie. Nach der Entmietung der Häuser folgt die Luxussanierung.

Die Räumung

So lief es auch bei Kalle Gerigk: Eines Tages flattert die Kündigung seines Vermieters ins Haus: Eigenbedarf. Das kann der Junggeselle nicht glauben. Er weiß, dass der Vermieter viele andere Immobilien hat. Im Internet stößt Gerigk auf eine Anzeige, in der seine Wohnung zum Verkauf angeboten wird – nach einer Luxussanierung. Ein klarer Fall von missbräuchlicher Kündigung wegen Eigenbedarfs, denkt der städtische Angestellte und zieht vor Gericht. Doch er verliert. Der Richter hält sich nicht lange mit Details auf, die die unberechtigte Kündigung hätten belegen können.

Gerigk ist seit seiner Jugend Teil der links-alternativen Szene in Köln. Er geht zu einem Treffen der Initiative »Recht auf Stadt« und berichtet, dass ihm die Zwangsräumung droht. Die Gruppe solidarisiert sich mit dem Mietrebellen. Seine Geschichte wird rasch bekannt, immer mehr Menschen wollen ihn unterstützen.

Der erste Räumungsversuch scheitert. Hunderte DemonstrantInnen, darunter etliche LINKE, kommen ins Agnesviertel, um die Räumung zu verhindern. Das ganze Viertel ist in Aufruhr, die NachbarInnen halten zu Kalle Gerigk. »Alle für Kalle« steht auf einem Transparent, das an einem Balkon hängt. Polizei und Gerichtsvollzieher müssen unverrichteter Dinge abziehen. Beim zweiten Räumungstermin rückt die Polizei mitten in der Nacht an, damit UnterstützerInnen nicht bis zum Haus vordringen können. Diejenigen, die sich schon am Abend in der Wohnung eingefunden haben, werden von Polizisten weggetragen.

Gerigk lebt bei Freunden, dann monatelang in einem Zimmer ohne Bad. Schließlich wird im Nachbarhaus seiner alten Wohnung in der Fontanestraße etwas frei. Der Vermieter kennt ihn, er hat seinen Widerstand gegen die Kündigung unterstützt. Zehn Monate nach der Räumung kommt Gerigk zurück. »Für mich gab es ein Happy End, aber für die meisten Menschen in einer ähnlichen Lage gibt es das nicht», sagt der 57-Jährige. Sein alter Vermieter ist jetzt sein Nachbar, er wohnt in der luxussanierten Wohnung. »Das hat er sich sicher anders vorgestellt«, lacht Gerigk.

Heute kämpft er mit Leib und Seele für eine bessere Wohnungspolitik. Er organisiert Solidaritätsaktionen für MieterInnen, die von Zwangsräumung bedroht sind, initiiert Aktionen, spricht bei Demonstrationen und Konferenzen. Er kandidiert auf der Landesliste der LINKEN für den nordrhein- westfälischen Landtag und ist Direktkandidat in seinem Viertel, in dem er große Unterstützung bekommen hat. »Ich bekomme immer noch viel Feedback«, berichtet er. Immer wieder wird er von Menschen angesprochen, die es gut fi nden, dass er nicht einfach klein beigegeben hat.

Gerigks Eigenbedarfskündigung ist kein Einzelfall. »Die Zahl solcher Eigenbedarfskündigungen ist rasant angestiegen «, sagt Caren Lay, Sprecherin für Mieten-, Bau- und Wohnungspolitik der LINKEN Bundestagsfraktion. Allein 2015 bekamen mehr als 40.000 Mieter und Mieterinnen eine Eigenbedarfskündigung. »Das ist eine ganze Kleinstadt von Mieterinnen und Mietern «, sagt Lay, die auch stellvertretende Parteivorsitzende ist. »Die Begründungen werden immer absurder: Da soll ein Au-pair-Mädchen einziehen, jemand braucht ein Arbeitszimmer in seiner Zweitwohnung, entfernteste Verwandte werden plötzlich in der Begründung des Eigenbedarfs angegeben – und das alles nur, um alteingesessene Mieter aus ihren Wohnungen zu werfen.« Die LINKE fordert einen besseren gesetzlichen Schutz vor Kündigungen. »Leider haben viele Gerichtsurteile die Situation für Mieter verschlechtert«, kritisiert Lay. So können in Form von Personengesellschaften Unternehmen Eigenbedarfskündigungen aussprechen.

Viele VermieterInnen kündigen, weil sie höhere Mieten erzielen wollen. Vor allem, aber nicht nur in Metropolen wie Berlin, Hamburg, Köln oder München steigen die Mieten rasant. »Die Situation auf dem Wohnungsmarkt spitzt sich dramatisch zu«, sagt Lay. »Die Mieten explodieren, gebaut wird fast nur noch im Luxusbereich und Gesetze wie die Mietpreisbremse erweisen sich als wirkungslos.«

Zwar wird in Deutschland sehr viel gebaut. Aber nur wenige haben etwas davon. Nur fünf Prozent der neuen Mietwohnungen sind für Menschen mit einem Durchschnittseinkommen erschwinglich. Die desolate Lage ist Folge einer völlig verfehlten Wohnungspolitik. Beispiel Sozialwohnungen: Weil die Mietpreisbindung für einst geförderte Wohnungen ausläuft und kaum noch neue gebaut werden, fehlen überall Sozialwohnungen. »Wir brauchen fünf Milliarden Euro jährlich für den sozialen, gemeinnützigen Wohnungsbau«, fordert Lay. Mindestens 250.000 neue Sozialwohnungen sollen pro Jahr entstehen.