Warum haben wir Clara Zetkin als Namensgeberin des Frauenpreises der LINKEN ausgewählt?

"Kaiser Wilhelm II. nannte Clara Zetkin 'die gefährlichste Hexe des deutschen Reiches'. Der französische Schriftsteller Louis Aragon meinte: 'Sie ist die Frau von heute. Die Frau, die dem Mann gleich ist.' Und der französische Professor für deutsche Geschichte Gilbert Badia, der 1991 Zugang zu Briefen Claras erhielt ... urteilte so: 'Ich entdeckte eine Clara, die sich mutig und charakterfest mit der KPD und der Kommunistischen Internationale auseinandergesetzt hat.' Die Briefe, aus denen Badia in seiner Zetkin-Biografie - erschienen im Dietz-Verlag 1994 - zitiert, zeigen neue, unbekannte Seiten in Claras politischem Leben." Die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Eleonora Pfeifer fasste zum 150. Geburtstag Clara Zetkins 2007 zusammen, dass wir bei der Entdeckung dieser Mitgestalterin der Frauenbewegungen noch einiges vor uns haben.

Da ist nicht viel übrig von der braven, auf einem Sockel thronenden Ikone, für die Clara Zetkin lange Zeit in der Rezeption linker Bewegung und der Geschichte der KPD herhalten musste. Ihre theoretischen Leistungen für die politischen Forderungen in den proletarischen Frauenbewegungen waren durchaus bekannt und sind vor allem auch außerhalb Deutschlands, insbesondere in Frankreich, sehr geachtet und gewürdigt worden.

Ihre Emanzipationsvorstellungen galten sowohl dem Recht auf Erwerbsarbeit für Frauen als auch der Teilung der Hausarbeit. Kindererziehung sollte "Elternwerk" sein, wie Zetkin es formulierte. Sowohl diese Vorschläge als auch ihre Forderungen nach einem Recht auf freie Liebe stießen auch in der deutschen Sozialdemokratie zum Ausgang des 19. Jahrhunderts nicht auf Begeisterung. Doch sie war nicht nur eine Frau der visionären Vorschläge, sie praktizierte die Liebe ohne Ehe. All dies erhielt in ihrer Lebenszeit vorrangig die Einstufung von skandalös bis ungeheuerlich, was sie auch nicht davon abhielt, nach dem Tod von Ossip Zetkin mit dem wesentlich jüngeren Kunststudenten Friedrich Zundel zusammenzuleben. Mit ihren Kritiken an der Doppelbelastung von Frauen oder ihren Verurteilungen von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz war sie ihrer Zeit weit voraus. Ihre Fähigkeit, die entsprechenden Angriffe auf ihre Person mit Intelligenz zu kontern, verliehen ihr Autoriät und Achtung, die im Begriff der "Ära Zetkin" wiederzufinden ist.

In der Zeit der Weimarer Republik trug Clara Zetkin, die zuvor acht Jahre in Frankreich gelebt hatte, als Mitglied des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (KI) hohe politische Verantwortung. Sie hielt die Verbindung zu den italienischen und französischen Sozialisten, obwohl sie nicht einmal zu allen Zeiten ungehindert und gefahrenfrei einreisen konnte. Aus ihren Briefen wissen wir heute, dass sie zur bitteren Erkenntnis kam, dass die Anleitungen der KI für diese Parteien praktisch Diktate waren. Darüber beschwerte sie sich bei Lenin: "Ich möchte Sie dringend bitten, Ihren Einfluss aufzubieten, damit die Exekutive mit ihren Briefen und Kundgebungen vorsichtiger ist. Sie tragen manchmal den Charakter eines brutalen, herrenmäßigen Eingreifens, dem die richtige Erkenntnis der in Betracht kommenden realen Verhältnisse fehlt." Sie schwieg auch nicht zu den Entwicklungen in der KPD. Die Märzaktionen in der Region Halle-Mansfeld – die bewaffneten Kämpfe unter der Losung »Nieder mit der Regierung!« - betrachte Clara Zetkin als sinnlosen Putsch, der die Ergebnisse der Novemberrevolution nicht mehr ändern konnte. Sie legte aus Protest ihre Leitungsfunktion in der KPD-Zentrale nieder, was mit einer Rüge begleitet wurde. Dazu hielt sie fest: "Meine Ehre beruht auf meiner Arbeit und meinem Kampf für die Revolution. Sie kann mir so wenig gegeben werden durch das Lob, wie genommen werden durch den Tadel der Exekutive." Sie hatte große Probleme mit der Entwicklung des Thälmannschen ZK und äußerte sich dazu deutlich gegenüber Bucharin. In großer Kontinuität zu den geäußerten Sorgen innerhalb der Entwicklung der KPD stand auch ihre Ablehnung des Kultes um Stalin, den sie 1931 als Manie der "wiederholten Berufung auf den Genossen Stalin" bezeichnete und dagegen "Charakterfestigkeit, die sich nicht vor Tagesgöttern und Tagesmoden beugt" einforderte.

Vieles ihrer heute nachlesbaren Kritik blieb in den Briefen privat, und auf Kongressen und Sitzungen der KPD äußerte sie sie innerparteilich bzw. im Rahmen der Kommunistischen Internationale. Das selbstständige Denken war ihr ein hohes Gut, der öffentliche Umgang damit bereitete ihr verständliches Kopfzerbrechen angesichts der dramatischen Entwicklung des heraufziehenden Faschismus auf dem Rücken einer gespaltenen Arbeiterklasse. 1929 schrieb sie an eine Freundin: "[Während] in mir der revolutionäre Skeptizismus steckt... die schlimmste Krankheit, die an mir zehrt, ist die innere Zerrissenheit und Unsicherheit, das Ringen, Suchen, Tasten um Antwort auf die alte, ewig neue Pilatusfrage: Was ist Wahrheit, was ist für mich Pflicht als oberstes Gebot meiner Treue zur proletarischen Revolution: Reden oder Schweigen?"

"Clara kämpfte gegen den Strom. Mit fast 76 Jahren, todkrank, fast blind, erfüllte sie 1932 ihre letzte große politische Aufgabe. Als Alterspräsidentin eröffnete sie den Reichstag, in dem Naziabgeordnete in SA- und SS-Uniformen dominierten. Krönung ihrer Rede war ein leidenschaftlicher Appell für eine Einheitsfront aller Antifaschisten, um den Faschismus zurückzuwerfen", so Eleonora Pfeifer in ihrer Würdigung zum150. Geburtstag.

Wenn wir heute als plurale linke Partei einen Preis nach Clara Zetkin benennen, so gilt dies der Feministin und Politikerin, der aus demokratisch-sozialistischer Perspektive – aber auch darüber hinaus – voller Achtung begegnet werden kann und sollte. Mit dem Preis wollen wir – im Sinne ihrer ungewöhnlichen und erst spät aufgearbeiteten biografischen Vermächtnisse - einen Beitrag leisten, dass die gegenwärtigen Auseinandersetzungen um die politischen und sozialen Rechten von Frauen und Männern in der öffentlichen Debatten nicht untergehen, sondern heute im Alltag ermutigen und auch Aufmerksamkeit für Frauen wecken, die längst aktiv und erfolgreich, widerständig und voller Engagement für eine solidarische Welt, für Emanzipation, Gerechtigkeit und Frieden eintreten – in der Nachbarschaft, an der Uni, auf der Straße, im Atelier, in Projekten.

(Aufgeschrieben von Caren Lay/Konstanze Kriese, zitiert wurde mit freundlicher Genehmigung nach einem Aufsatz von Eleonora Pfeifer, den sie 2007 für das "Stadtjournal" in Magdeburg schrieb und aus der Biografie von Gilbert Badia, Berlin 1994, Februar 2011)