Überlegungen zu Punkt 5 der Kampagne

Anja Mayer (PV, LV Berlin), Cornelia Möhring (MdB, LV Schleswig-Holstein), Konstanze Kriese (LV Berlin), Martin Schirdewan (PV, LV Berlin), Sylvia Müller (Landesschatzmeisterin, LV Berlin), Sascha H. Wagner (LGF, LV NRW), Julia Nüß (LV Schleswig-Holstein), Katina Schubert (LGF, LV Berlin), Tobias Schulze (LV Berlin) ,Marika Tändler-Walenta (PV, LV Sachsen), Cornelia Swillus-Knöchel (LaVo, LV NRW), Pia Barkow (PV, LV Sachsen), Bärbel Lange (LV Brandenburg), Birke Bull (LaVo Sachsen-Anhalt), Marco Höne (LGF, LV Schleswig-Holstein), Bärbel Holzheuer-Rothensteiner (LV Berlin).

Prekarität ist "halbes Leben"

Zu Recht benennt die Kampagnenplanung die Arbeitsverdichtung und personelle Unterbesetzung im
Bereich der Kranken- und Pflegedienstleistungen. Im Bereich der "sozialen Dienste" (Kranken-,
Pflegearbeit, Kinderbetreuung usw.) wäre es aber u. E. ebenso wichtig, die patriarchalen Strukturen
aufzuzeigen und mit konkreten politischen Forderungen anzugehen. Prekarität ausschließlich bezogen
auf die ökonomische Care Arbeit bedeutet im Wesentlichen die Beschränkung auf das „halbe Leben“:
Neben der organisierten produktiven Arbeit und der real, aber unsichtbar geleisteten reproduktiven
Arbeit bleibt eigentlich kaum noch Zeit und Raum für gesellschaftliche Teilhabe und Selbstverwirklichung. Die Kritik des "halben Lebens" ist aber u. E. genau der Teil, der vornehmste Aufgabe parteilicher Kampagnenpolitik in diesem Bereich. Kernpunkt einer Parteikampagne wäre, die konkreten Forderungen in den Mittelpunkt zu stellen, die die Kritik der Prekarität verknüpft mit einer Praxis des "vollen/ganzen Lebens" – das mehr als Erwerbsarbeit ist – z. B. Höchstarbeitszeiten und Arbeitszeitverkürzung, monatliche "Haushaltstage" oder "Familientage" für Beschäftigte, Anspruch auf Sabbaticals usw.

Who cares?

Zu klären, warum Careberufe so mies bezahlt werden, wie es nun mal ist, warum sie weiterhin von Privatisierung bedroht sind, wäre Aufgabe der Partei / der Kampagne. Wir leben nach wie vor in einer
Gesellschaft, in der der Umgang mit Zahlen und Schrauben hoch bezahlt ist, mit Menschen und
Gemeinschaft hingegen schlecht organisiert und entlohnt ist. Hier können wir als LINKE benennen: Das
ist das tiefste Patriarchat!

Es ist noch immer so, dass Versorgen, Erziehen und Pflegen häufig im Privaten stattfindet, meist
unsichtbar und weiblich ist und der Schluß, das ist wenig wert, es kostet ja kaum etwas, Fürsorge kann
nebenbei erledigt werden und ist deshalb nicht besonders interessant nur allzu oft nahe liegt –
politisch, gesellschaftlich, ökonomisch.

In den "kapitalsierten" Bereichen der Sorgetätigkeiten, in der KiTa, im Krankenhaus ist der Aufwand
oder sind die Kosten nur deutlich sichtbar, wenngleich auch nicht adäquat entlohnt. Im Privaten stellen
sich allerdings allzu oft viele Fragen: Wer "verzichtet" eigentlich auf was, um die Reproduktionstätigkeiten zu verrichten? Wie steht es um die Vereinbarkeit von Familie (egal in welcher
Form) und Beruf/ Ehrenamt/ politischer Aktivität? Gesellschaftlich diskutiert wird darüber nicht nur
bei der LINKEN. Allein die aktuelle Debatte: Dürfen/ sollen /müssen Eizellen eingefroren werden, um
die Familienplanung zu optimieren? Zeigt, welch hohe politische Brisanz eine ausbleibende
Umverteilung von Erwerbsarbeit, Sorgetätigkeiten (egal ob bezahlt oder nicht) und Zeit für politische
Einmischung und Selbstverwirklichung zwischen den Geschlechtern annehmen kann. Wer bleibt zu
Hause, um den Nachwuchs zu erziehen, oder geht das Kind in die KiTa? Omas Rente reicht nicht, aber
wenn sie Hilfe im Haushalt braucht, was dann? Anhand dieser nur kleinen Auswahl an gesellschaftlich
relevanten Fragen wird deutlich: Sorgearbeit betrifft nicht nur den "organisierten" Teil der Care Arbeit,
es geht um mehr als um arbeitsrechtliche Fragen, es geht um mehr, als Arbeitsmarkt- und kleine
Verbesserungen in der Sozialpolitik.

Es geht darum, wie wir unser Zusammenleben organisieren, wer wann welche Zeit für Reproduktionsarbeit aufwendet, zu welchen Bedingungen und mit welcher gesellschaftlichen
Interpretation. Es geht um die Verwobenheit unterschiedlicher patriarchaler, gesellschaftlicher und
kapitalistischer Unterdrückungszusammenhänge und um geschlechterhierarchische Asymmetrie.
Verkürzt: Es geht um die Frage wie wir leben und arbeiten wollen und zwar ohne Unsicherheit,
mangelnde Lebensplanung, verweigerte Mobilität und schwer zugängliche Bildungs- und
Wissensressourcen. Wenn wir über prekäres Leben reden, sollten wir nicht über weniger sprechen,
denn schlechte Jobs prägen unsere Entscheidung zur politischen Einmischung und Veränderung
genauso wie fehlende Kinderbetreuung, keine Zugänge zu Wissen und Kommunikation, schlechte
Wohnbedingungen und vieles mehr.

Abseitig von den gesellschaftlichen Fragen von der Nichtbennenung von Care Arbeit und Lebens- und
Arbeitszeitverteilung stellt sich aber auch die Frage nach der Mobilisierungsfähigkeit von Menschen*
für Wahlen und Parteimitgliedschaft. Es lässt sich nicht verleugnen: Männer* übernehmen gerne
Ehrenämter, die mit Anerkennung und Einfluss verbunden sind. Sie haben ja auch die Zeit dazu,
während ihre Frauen* die Reproduktionsarbeit verrichten, arbeiten gehen und ehrenamtliche
Tätigkeiten – auch hier – in der Sorge um andere übernehmen. Doch auch diese Feststellungen sind
einem gesellschaftlichen Wandel unterlegen. Wir unterstellen, dass sich längst die Frage stellt, von
welchen Frauen* und welchen Männern* hier geredet wird. Trotz eines gesellschaftlichen Rollbacks
sind längst nicht alle Menschen in gängigen Rollenbildern verhaftet. Männer* nehmen Elternzeit,
bringen die Kinder in den Kindergarten. Frauen* übernehmen politische Spitzenämter und Führungspositionen. Nur müssen wir hierbei schauen, ob dabei emanzipatorische gesamtgesellschaftliche Veränderungen passieren oder Elitenbildung und angstbesetzter Mittelstand
sich demokratischer Verfahren bedient und gute Schulen für alle, wie in Hamburg, verhindert?
Wenn wir das Thema prekäres Leben mobilisierungsfähig entwickeln wollen, muss es also
facettenreicher entfaltet werden, als es bisher konzeptionell entwickelt ist. Skandalisieren und
Sensibilisieren verlangt das Wofür und auch die Akzeptanz, dass viele, die prekär leben, hohe
Kompetenzen innerhalb ihres unsicheren Lebens haben und besser gehört werden sollten als darauf
zu vertrauen, dass sie von uns erleuchtet werden wollen.

Aus dembisher Genannten ergibt sich unser Unbehagen an dembisherigen Sloganvorschlag "Das muss
drin sein. Leben ohne Zumutungen": Es geht bei der "Übersetzungsleistung" für ein "ganzes Leben",
die die Partei gesellschaftlich leisten muss, ja gerade nicht nur um die Frage, was "drin" ist (in der
Lohntüte, in der Arbeitszeit, in der Personalausstattung usw., also alles, was im Konflikt zwischen
Kapital und Arbeit der Kapitalseite quasi Geld kostet), sondern auch darum, im reproduktiven Bereich
eine Neuformierung anzustreben, nämlich so, dass die davon betroffenen auch ihr "ganzes Leben"
leben können.

Who cares? wenn Kinder mit zu wenig Ressourcen für Mobilität und Kultur erzogen werden, die
Nachbarin mitgepflegt werden muss, der soziale Treffpunkt ehrenamtlich am Leben erhalten wird und
die Flüchtlingsberatung noch unter prekären Bedingungen irgendwie stattfindet? We do!